Alice im Wunderland - Filmkritik zum neuen Jonny Depp-Streifen

Johnny Depp und Regisseur Tim Burton zelebrieren ihren Hang für skurrile Fantasie in der jüngsten Kinoverfilmung von Alice im Wunderland.

von Christian Mester,
05.03.2010 17:25 Uhr

Denkt man an schräge Figuren, denkt man unweigerlich an Johnny Depp. Ob Captain Jack Sparrow, Edward mit den Scherenhänden oder Raoul Duke, Depp zieht die außergewöhnlichen Rollen regelrecht an – und er überzeugt durchweg. Für die aktuelle Neuauflage des Kinderbuchklassikers Alice im Wunderland hat sich Depp wieder mit seinem Lieblings-Regisseur Tim Burton zusammengetan. Sieben Filme hat das Paar bereits gemeinsam gedreht, unter anderem Charlie und die Schokoladenfabrik sowie Sweeney Todd: Große Filme, die eine gewisse Erwartungshaltung wecken

In den Hasenbau

Tim Burton arbeitet für Alice im Wunderland mit der Filmfirma Disney zusammen, die 1951 bereits einen gleichnamigen Trickfilm-Klassiker geschaffen hat. Während der Trickfilm sich noch an den Kindergeschichten von Lewis Caroll orientierte, bringt Burton eine eigene Fortsetzung, die zehn Jahre nach Alices letztem Buchausflug in die geheimnisvolle Welt spielt.

Alice (Mia Wasikowska) ist mittlerweile eine junge Frau im England des späten 19. Jahrhunderts. Unsicher sieht sie einer Zwangsheirat entgegen, in der man sie an einen wohlhabenden, aber wenig ansehnlichen Lord vergeben will. Als dieser vor den Augen Dutzender um ihre Hand anhält, rennt sie davon. Die Ereignisse aus ihrer Kindheit wiederholen sich: Kopfüber fällt sie in einen Hasenbau. Dieser entpuppt sich als Tor in eine andere Welt, in der man Alice mit strahlenden Augen begrüßt. Für die seltsamen Bewohner des Wunderlands, jetzt Unterland, ist sie die lang ersehnte Heldin einer alten Prophezeiung.

Ein sprechender Hase, eine fliegende Katze und ein verwirrter Hutmacher (Johnny Depp) bitten um ihre Hilfe. Sie soll ihnen helfen, die cholerische Herzkönigin (Helena Bonham-Carter) und ihr Haustier, den gefürchteten Drachenvogel Jabberwocky zu besiegen. Alice hat jedoch Angst und weigert sich zunächst. Doch als der Hutmacher gefangen genommen wird, kommt sie ihm dann doch zur Hilfe.

Schön wirr verrückt

Als Lewis Caroll die Kindergeschichte vor rund 150 Jahren schrieb, sollte sie eigentlich keine klare Handlung und Figuren haben. Es sollte im gewissen Maße Nonsens pur sein und einfach etwas Verrücktes zeigen. Viele Motive, die man vor allem aus der Disney-Trickfilm-Adaption kennt, kehren wieder: Mit Flamingos wird Golf gespielt, Schweine agieren als Hocker, Frösche sind Kellner, die Königin hat einen albern überdimensionalen Kopf und beinahe jedes Tier kann sprechen.

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Trotz all der schrägen Elemente wirkt Burtons Alice-Neuinterpretation immer noch erschreckend normal. Das liegt vor allem daran, dass Burtons Drehbuchschreiberin Linda Woolverton eine recht konventionelle Handlung ersonnen hat, die vorhersehbar auf einen Showdown zusteuert.

Der von Johnny Depp gespielte Hutmacher ist gewöhnungsbedürftig, da er sich als einsilbiger, relativ stiller Langweiler gibt, der im Gegensatz zu seinen meisten anderen Figuren nichts wirklich Besonderes an sich hat – vom Äußeren mal abgesehen. Dass er nicht verrückt genug ist, wird genauestens erklärt: Ein Rückblick zeigt, wie der ehemals normale Hutmacher zum lethargischen Grinser wurde. Den Filmemachern ging es dabei vor allem darum, aus dem ‚Mad Hatter‘ (Verrückter Hutmacher) einen ‚Hatter‘ zu machen. Lewis Carroll hatte in den Alice-Büchern niemals den Begriff ‚Mad Hatter‘ verwendet. Die Bezeichnung kam erst später auf. Die Tragik, die der Figur anhaftet, erinnert entfernt an Edward mit den Scherenhänden. Leider schafft es der Film nicht, das gleiche Mitgefühl für den Hutmacher aufkommen zu lassen.

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Optisch zieht der Film die gewohnte Tim-Burton-Routine ab – schön bunt, schrill, aber inzwischen auch irgendwie verbraucht und vorhersehbar. Natürlich sieht Burtons Wunderland künstlich aus, aber muss man es der computergenerierten Trickwelt auch so deutlich ansehen? Und dann erinnert die Grinsekatze auch noch an den vermaledeiten Garfield-Film mit Thomas Gottschalk-Vertonung. Staunte man sich in „Avatar“ mit Jake Sully durch Pandora, erweckt Burtons Wunderwelt höchstens ein Gähnen.

Ab mit dem Kopf:

Der Film sieht nicht besonders gut aus und ist zudem sehr vorhersehbar. Das wäre tolerierbar, gäbe es zum Ausgleich Action, Spannung, Dramatik oder wenigstens genug zu Lachen. Doch die wenigen Actionsequenzen sind kaum der Rede wert, die Charaktere plump und unglaubwürdig, und wirklich lustig wird’s nur selten. Burtons Film nimmt sich insgesamt wesentlich zu ernst. Danny Elfmans Musikuntermalung ist einfallsloses Gedudel und der groß angekündigte 3D-Effekt? Der beschränkt sich auf Computer-Achterbahnfahrten und nachträglich auf 3D getrimmte Realbilder, denen die letzte Räumlichkeit fehlt.

Fazit

Christian Mester (bereitsgesehen.de): Ein knallbunter Trip durch eine schräge Fantasiewelt, leider ohne wirkliche Höhepunkte und mit einem nur mäßigen Johnny Depp.

Kinokritik in Kooperation mit bereitsgesehen.de.


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