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Auf geht's

Depressionen und Spiele - Teil 1: Das Spiel mit der Melancholie

Moderne Videospiele sind ein Wunderwerk. Sie erlauben es uns, besser als jede andere derzeit erhältliche Form der Fiktion, in fremde Rollen zu schlüpfen und uns mit den Protagonisten zu identifizieren. Depressionen wiederum sind eine Plage, und ein tatsächliches Verständnis dafür zu schaffen, ist sowohl für Betroffene als auch Außenstehende schwer. Das klingt ja nach einer perfekten Mischung.

von Thomas Ortsik,
16.07.2016 08:00 Uhr

Es ist irgendwann zwischen 10 und 12 Uhr, gefühlt eher 4 Uhr Früh, und die Sonne lacht penetrant durchs Fenster, als würde sie zu mir sagen: »Aufstehen, Faulpelz!« »Schnauze!«, maule ich zurück und drehe mich wieder zur Seite, in der Hoffnung doch einfach diesen Tag, besser noch, das Jahr zu verschlafen. Aber es hilft nichts. Der Tag ruft, beziehungsweise der Chefredakteur, denn der Abgabetermin für meinen Artikel über Depressionen und Spiele rückt gefährlich nahe.

Also rolle ich mich langsam aus dem Bett, ziehe meine Jogginghose an, dazu noch ein T-Shirt, das gerade herumliegt, und bewege mich im Zombieschritt Richtung Kaffeemaschine, vorbei an Bergen von Müll und Klamotten. Ausgerüstet mit dem vermeintlichen Energiespender geht es zum PC.

E-Mails beantworten? Später. Nachrichten lesen? Kein Bock. Aschenbecher ausleeren? Eine geht noch rein. Vielleicht doch Socken anziehen? Nein, noch frieren meine Zehen nicht ab. Anfangen zu schreiben? Erst mal in Ruhe den Kaffee trinken.

Repeat.

Vermuten Sie, an Depressionen zu leiden? Dann wenden Sie sich bitte an Ihren Hausarzt oder Ihre Hausärztin, die Sie zu psychiatrischen Fachärzten überweisen können. In vielen Städten gibt es zudem einen Krisendienst, der telefonisch und persönlich berät. Ebenfalls helfen kann die Stiftung Deutsche Depressionshilfe, die einen Selbsttest und ein Forum zum Erfahrungsaustausch anbietet.

Bei akuten Suizidgedanken oder anderen schweren Symptomen wählen Sie bitte den Notruf und suchen Sie das Krankenhaus auf. Die psychiatrischen Kliniken in Deutschland haben eine flächendeckende Versorgung nach Postleitzahlen, man kann Ihnen in jedem Krankenhaus mit einer Notaufnahme die entsprechende Klinik nennen.

Nach dem dritten Kaffee steht fest: Das mit dem Schreiben ... das wird heute nichts. »Micha, bekomme ich noch 'ne Woche Zeit?«, würde ich gerne sagen. »Geht in Ordnung«, würde ich vermutlich hören, doch die Scham über mein Versagen lässt mich schweigen. Schlimmer noch, sie behält mich den restlichen Tag im Griff und nistet sich wie ein selbstreplizierender Virus in jedem folgenden Gedanken ein.

Da hilft nur noch das Hirn ausschalten, Ablenkung, den Tag akzeptieren für das, was er ist, entspannen und morgen mit vollen Batterien durchstarten, in Kurzform: zocken. Ich starte also Civilization, drehe neben einer Zigarette etwas Musik auf und mache den ersten Zug, gefolgt von Zug zwei, gefolgt von Zug drei, gefolgt von dem finalen Zug zurück ins Bett.