20 Jahre GameStar: Markus Schwerdtel - Der Wodka ist alle!

Klar, als Spieleredakteur kommt man ganz schön rum in der Welt. Doch nur wenige Reisen sind Markus so im Gedächtnis geblieben wie dieser Russlandtrip im Jahr 2004.

von Markus Schwerdtel,
31.08.2017 00:00 Uhr

Die Moskauer U-Bahn ist beeindruckend, nicht nur in Metro 2033Die Moskauer U-Bahn ist beeindruckend, nicht nur in Metro 2033

Irgendwie wollte ihn keiner von den Kollegen machen, den Trip den uns der russische Publisher Buka im Sommer 2004 anbot. Fünf Entwicklerstudios in vier Tagen, verteilt auf Moskau und St. Petersburg, das klang nach einer anstrengenden Reise. Dazu noch das komplizierte russische Visaverfahren und die ehrlich gesagt nicht besonders spannenden Spiele von Buka damals – es wollte wollte sich einfach kein Freiwilliger melden. Außer mir! Denn war ich noch nie in Russland, und vielleicht würde ja auch ein Artikel für unser Entwicklermagazin Making Games (damals noch /GameStar/dev) rauskommen.

Markus Schwerdtel
@Kargbier

Markus ist gern unterwegs, schließlich sagt ein altes bayerisches Sprichwort »Dahoam sterm d'Leid«. Die Moskaureise ist ihm so im Gedächtnis geblieben, weil sie eben so anders war als zum Beispiel die immer gleichen Trips in die für Reisende glattgebügelten USA. Eigentlich wäre es mal wieder höchste Zeit, nach Moskau zu fahren. Schließlich dürfte sich da seit 2004 viel getan haben. Im Guten wie im Schlechten.

Tatsächlich war es gar nicht so einfach, bei der russischen Botschaft in München an ein Visum zu kommen (Bürokratie! Warteschlangen!), dafür war der Flug nach Moskau nicht besonders lang. Die Autofahrt vom Flughafen Domodedowo in die Innenstadt dagegen schon. Irgendwie hatte ich nicht auf dem Schirm, dass Moskau eine Riesenstadt ist, die obendrein schon damals kurz vor dem Verkehrsinfarkt stand.

Markus in Moskau - Bilder vom Russland-Trip 2004 ansehen

Unser »Reiseleiter« Maxim von Buka nahm mich und die Journalisten-Kollegen aus aller Welt im schönen Hotel Budapest nahe der Oper in Empfang und auch gleich mit auf einen beeindruckenden Stadtrundgang. Moskau ist schön! Weniger schön, dass ich auf der Touristenmeile Arbat gleich mal von einer Zivilstreife kontrolliert wurde, die gleich mal mein Visum sehen wollte. Ebenso praktisch wie gruslig: Die Polizisten sprachen perfektes Deutsch, so konnten sie immerhin folgen, als ich den ja nicht gerade gewöhnlichen Grund meines Moskaubesuchs erklärte.

Danach gab es zur Versöhnung die erste Bekanntschaft mit der russischen Küche: deftig, reichlich, und vor allem mit viel Wodka zum Runterspülen. Moskau ist schön! Leichte Irritation bei der Rückkehr ins Hotel: Warum sitzen in der Lobby lauter junge Frauen, die mich nett anlächeln? Erst Jahre später bin ich drauf gekommen: Die waren beruflich da, in Moskau gehört es offenbar auch in besseren Hotels dazu, den Gästen diesen »Service« anzubieten. War mir aber egal, schließlich war ich wegen der Computerspiele gekommen!

Das Auslieferungslager von Buka, sämtliche Spiele werden in schlichten CD-Hüllen verkauft.Das Auslieferungslager von Buka, sämtliche Spiele werden in schlichten CD-Hüllen verkauft.

Ganz ehrlich, ich weiß nicht mehr, wie die auf dieser Reise besuchten Studios alle hießen und welche Spiele uns präsentiert wurden. In lebhafter Erinnerung habe ich noch Pathologic von Icepick Lodge. Nicht nur, weil das Spiel tatsächlich interessant war, sondern vor allem auch weil mich das Studio im Keller eines runtergekommenen Plattenbaus mit seiner spektakulären Verranztheit halb angeekelt, halb beeindruckt hat. Und wir sind mit der Moskauer U-Bahn hingefahren, die allein schon wegen der imposanten Stationen einen Besuch wert ist.

Die Bleibe von Icepick Lodge ist im Jahr 2004 noch spartanisch, dafür ist das Spiel interessant.Die Bleibe von Icepick Lodge ist im Jahr 2004 noch spartanisch, dafür ist das Spiel interessant.

Nach einem Tag voller Entwicklerbesuche und gutem Essen (Kaviar, Blini und Wodka schon zu Mittag? Warum nicht?) ging es abends nicht etwa ins Bett, sondern zum Bahnhof. Der Plan: Wir sollten mit dem Nachtzug von Moskau nach St. Petersburg fahren, um dort am Morgen erfrischt die nächsten Entwicklerbesuche zu absolvieren. Reiseleiter Maxim hatte vorgesorgt: Für jedes Abteil (mit je 2-4 Mann Besatzung) gab es eine Provianttüte mit Brot, Wurst, Schinken, eingelegten Pilzen, Essiggurken und - natürlich - einer Flasche Wodka. Mein italienischer Abteil-Kollege Claudio (?) und ich waren uns einig: Weder würden den ganzen Proviant auffuttern können, noch den Wodka trinken. Die Flasche wollte Claudio als Souvenir mit nach Hause nehmen.

Der italienische Kollege rechts und ich teilen uns auf der Farht nach St. Petersburg ein Abteil.Der italienische Kollege rechts und ich teilen uns auf der Farht nach St. Petersburg ein Abteil.

Doch kurz vor Schlafenszeit trommelte Maxim die ganze Reisegruppe (immerhin rund 20 Mann) zusammen: Abteilparty, Provianttüten bitte mitbringen! Und siehe da, nach nicht mal zwei Stunden war das Essen genau so alle wie der Wodka. Sogar Maxims vorsorglich gehorteten Backup-Flaschen waren leer. Also bekamen die noch nüchternen Kameraden (Maxim, ein spanischer Kollege und ich) den Auftrag, im Zug-Kiosk Nachschub zu besorgen. Der wurde von einer alten Dame betrieben, die uns zunächst mit einem barschen »Geschlossen!« (natürlich auf russisch) wegschickte. Erst als Maxim immer mehr Geldscheine hinlegte, wurde aus dem »Geschlossen« ein »Wodka ist aus« und schließlich ein »Wie viel braucht ihr?« So läuft das anscheinend in russischen Zug-Kiosken.

Dieses Proviantpaket soll uns über die lange Zugfahrt retten.Dieses Proviantpaket soll uns über die lange Zugfahrt retten.

Bei der Ankunft in St. Petersburg hatten wir Verluste zu beklagen. Manche Kollegen sind einfach nicht aufgewacht und mit dem Zug zum Rangierbahnhof gefahren. Andere waren ziemlich bleich im Gesicht und von der Vorstellung einer schaukeligen Bootsrundfahrt auf der Neva nur mittelbegeistert. Und zwei Studiobesuche standen ja auch noch auf dem Programm! Immerhin gab es dort Kaffee (löslich, mit lauwarmem Leitungswasser aufgegossen), sodass wir bis zum letzten gemeinsamen Abendessen wieder fit waren. Das fand auf einem für Hochzeitsfeiern dekoriertem Schiff statt. 20 Redakteure die vor einem großen Herzchen aus rosa Luftballons futtern – ein schönes Bild! Lange aufgeblieben ist an dem Abend aber niemand, die Zugfahrt hing dann doch noch ganz schön nach.

Die Aurora ist ein Museumsschiff, einer der Höhepunkte der Rundfahrt auf der Neva.Die Aurora ist ein Museumsschiff, einer der Höhepunkte der Rundfahrt auf der Neva.

Am nächsten Morgen hieß es früh aufstehen: Per Taxi sollte es um 04:00 Uhr zum Flughafen gehen, um den Flug nach Moskau zu erwischen. Blöd nur, dass der St. Petersburg zwei Flughäfen hat und der Taxifahrer erst mal zum Falschen gekurvt ist. Nach eine Mit-Händen-und-Füßen-Erklärung (mein Russisch ist nicht existent) kam ich dann doch am richtigen Flughafen an, wo die nette Dame am Schalter feststellte, dass mein Koffer ein Kilo zu schwer war. Sie wäre aber bereit, das zu übersehen, wenn ich ihr kurz im Laden nebenan eine Schachtel Pralinen kaufen würde. Im Flugzeug war es dann dafür umso gemütlicher - ich und ein alter Soldat waren die einzigen Gäste was dazu führte, dass neben jedem von uns eine Flugbegleiterin stand, um uns jeden Wunsch (Kaffee!) von den Augen abzulesen.

Ankunft in Moskau, allerdings am Inlandsflughafen Scheremetjewo. Mein Flug nach München ging aber vom Auslandsflughafen Domodedowo – 90 Kilometer quer durch Moskau. Kein Problem, der brave Reiseleiter Maxim hatte einen Chauffeur organisiert. Der Aufkleber »www.streetracing.da.ru« verriet mir, dass ich den knappen Anschlussflug wohl locker schaffen würde. Tat ich dann auch. Und war halb froh, halb traurig, als ich wieder daheim in München war. Eine Preview gab es dann tatsächlich zu keinem der Spiele. Wohl aber einen Artikel in unserem Entwicklermagazin.


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