Die größten Counter-Strike Skandale - Boostgate – Olofpass statt Overpass

Counter-Strikes Skandaljahr 2014 endet mit der Ausnutzung eines Exploits im bis dahin größten CS:GO-Match aller Zeiten zwischen fnatic und LDLC. Die Community ist entsetzt, fnatic kollabiert fast unter dem Druck.

von Stefan Köhler,
05.05.2017 18:40 Uhr

Ende 2014 blickte Olofmeister mit seiner Auto-Sniper dank eines Exploits über die Mauer von Overpass. Das Ereignis wird in der Counter-Strike-Community heute »Boostgate« genannt.Ende 2014 blickte Olofmeister mit seiner Auto-Sniper dank eines Exploits über die Mauer von Overpass. Das Ereignis wird in der Counter-Strike-Community heute »Boostgate« genannt.

Counter-Strike: Global Offensive lebt wie kaum ein anderes Spiel vom Drama abseits eines gewöhnlichen Matches. In insgesamt zehn Specials präsentieren wir die denkwürdigsten Skandale. Dabei konzentrieren wir uns auf die jüngere Vergangenheit, die besonders die heutige Szene von Counter-Strike geprägt hat.

Teil fünf führt die Geschichte des vierten Specials fort und schließt das Skandaljahr 2014 ab. Die vorherige Hexenjagd auf den fnatic-Spieler flusha findet sich hier, die Übersicht mit allen bisher erschienen Specials haben wir am Ende des Artikels verlinkt.

Gleich vorab: Unter der News findet sich eine fast 40 Minuten lange und ausgezeichnete Doku zum Fall, in der die damaligen Spieler und Kommentatoren zu Wort kommen. Wir empfehlen das toll aufbereitete Material, das alle Parteien zu Wort kommen lässt, uneingeschränkt.

Willkommen zur Dreamhack Winter 2014!

Das Jahr der Betrügerei endet mit einem Knaller: Das WM-Turnier Dreamhack Winter 2014. Trotz aller Cheatvorwürfe gegen das Team fnatic dürften die Schweden ohne weitere Probleme am Heimturnier antreten. Was passiert, hat zwar nichts mit einem Cheat zu tun, ist aber nicht minder kontrovers - ganz im Gegenteil.

Im Viertelfinale sollen das Superteam aus Schweden gegen die erstarkten Franzosen von LDLC antreten. Viele erwarten das beste Match des Jahres, vielleicht das beste Counter-Strike-Match, das je gespielt wurde. Es fühlt sich bereits wie das Finale an und Fans weltweit hoffen auf ein versöhnliches Ende des schwierigen E-Sport-Jahres.

Und alles läuft nach Plan: Die erste Karte gewinnt LDLC, auf der zweiten Map bestimmt fnatic das Tempo. Eine Entscheidung wird die letzte Karte liefern müssen, Overpass. Die Spannung ist immens und fnatic hatte vorab versprochen, dass man etwas ganz besonderes vorbereitet habe. Allerdings geht die erste Hälfte mit 12:3 an LDLC, der Sieg der Franzosen ist zum Greifen nahe.

Dann folgt der Seitenwechsel und die Schweden ziehen einen Exploit aus dem Hut.

Der Olofboost

Direkt im Startbereich der Polizei-Einheiten springen fnatic-Spieler an einer Mauer herum, um aufeinander gestapelt über die Wand sehen zu können. Eigentlich ist ein in Counter-Strike so genannter Boost an der Stelle nicht möglich, allerdings hatte fnatic eine unsichtbare Kante gefunden. Auf der können Charaktere dann in er Luft stehen.

So lugt fnatics Schütze Olof »olofmeister« Kajbjer Gustafsson auf einem schwebenden Kameraden stehend tatsächlich über die Mauer und überblickt damit fast die gesamte Karte. Aus der Map Overpass wird »Olofpass«, die Begriffe »Olofboost« und »Boostgate« sind geboren.

Die akustische Ortung von Gegnern geht in CS:GO erst seit Ende 2016 mit dem HRTF-Update, das 3D-Sound für Kopfhörer einführt. Davor gab es nur »fake 3D-Sound« über einen Stereo-Mix.Die akustische Ortung von Gegnern geht in CS:GO erst seit Ende 2016 mit dem HRTF-Update, das 3D-Sound für Kopfhörer einführt. Davor gab es nur »fake 3D-Sound« über einen Stereo-Mix.

LDLC kann die Schüsse nicht orten. CS:GO hat damals noch keinen echte Surround-Sound, der Knall von Olofmeisters Scharfschützengewehr liefert keine Hinweise. Spieler um Spieler fällt Runde um Runde. Und wenn Olofmeister keinen Gegner erwischt, kann er doch wenigstens die Gegnerpositionen seinen Teamkollegen durchgeben.

Die Partie dreht sich sofort, fnatic gewinnt Runde um Runde. Aus dem 13 zu 2 für LDLC wird mit 13 zu 16 eine Niederlage. Fnatic jubelt, das schwedische Heimpublikum feiert ihre Stars. Dass die Welt außerhalb der schwedischen fnatic-Blase alles andere als glücklich ist, ist den Spielern im diesem Moment nicht klar.

Mehr zu Surround-Sound: Valve stellt die Sound-Engine Steam Audio vor

Ein unvergleichlicher Shitstorm

Nein, das Internet schäumt sogar vor Ärger. Von Zuschauern und auch anderen Teams regnet es via Social Media Kritik und Wut. Der YouTuber WarOwl meint, dass man nach all den Kontroversen des Jahres erneut das Messer in Counter-Strike gerammt habe. Vom allseits respektierten polnischen Profiteam Virtus.pro gibt es folgendes Statement:

Dass ein einzelner Exploit zum vielleicht größten E-Sport-Skandal der CS:GO-Geschichte führte, ist für den ein oder anderen Spieler heute vielleicht nicht mehr ganz nachvollziehbar. Allerdings darf der historische Kontext nicht vergessen werden:

Das größte Duell der CS:GO-Geschichte, so die damalige Narrative, wurde mit einem billigen Trick entschieden. LDLC, die fast gewonnen hatten, mit einem Exploit um den sicher geglaubten Sieg gebracht. Die Sieger der letzten großen Turniere klammerten sich mit einem Betrug am Thron, und das schwedische Heimpublikum klatsche laut Beifall. fnatic, die sich von überall her Cheatvorwürfe gefallen lassen mussten, schummelten vor aller Augen und hunderttausenden Zuschauern live.

Und: Das für die Szene schwierige Jahr hatte gerade erst den Cheaterskandal hinter sich und die Hexenjagd auf fnatic war noch frisch, da folgte das nächste Drama. Dann gaben die Schweden auch noch ein Siegerinterview, in dem erklärt wurde, dass man auf dem Exploit rund zwei Monate saß. Das war also die groß angekündigte Überraschung. Man hatte kein Interesse daran gehabt, aus Gründen des Fairplays Valve auf den Bug hinzuweisen.

Olofmeister (Mitte) und der fnatic-Coach Devilwalk feiern ihr Comeback, das per Exploit möglich war.Olofmeister (Mitte) und der fnatic-Coach Devilwalk feiern ihr Comeback, das per Exploit möglich war.

Der Exploit fand also nicht in einem Vakuum statt, sondern hatte einen für die Geschichte sehr wichtigen Hintergrund. Entsprechend wurde der Frust vieler fnatic-Gegner deutlich potenziert und der Shitstorm nahm immense Auswüchse an. Andere Spieler und Fans hielten dagegen, dass jedes Team diesen Exploit hätte finden können. Alle Mannschaften hatten die gleichen Voraussetzungen, Boosts gehören zu Counter-Strike dazu. Und hätte LDLC in fnatics Situation, bei einem fast entschiedenen Spiel, das ein beeindruckendes Comeback brauchte, nicht genauso gehandelt?

Egal, wie man selbst nun zum Boost stand, die Fronten zwischen Fans und Gegnern waren verhärtet und der Tenor zwischen den Lagern laut und aggressiv.

Mehr Ärger nach dem Match

LDLC legte sofort Beschwerde wegen des Boosts ein. Die Organisatoren der Dreamhack waren allerdings ratlos und fingen sich mit einem Hin und Her selbst Kritik ein. Das Regelbuch für die Dreamhack 2013 wurde rausgezogen, 2014 gab es peinlicherweise kein Regelwerk. Die umstrittene Match-Hälfte sollte schließlich nochmal gespielt werden, weil fnatic regelwidrig eine unsichtbare Kante ausgenutzt hatte. Daraufhin legte fnatic Einspruch ein, da LDLC genau diese Regel auf einer vorherigen Karte ebenfalls gebrochen hatte. Gegenüber fnatics Aktion war der LDLC-Boost, da waren sich die meisten Zuschauer und Analysten einig, von deutlich geringerer Bedeutung.

Aber Regelbruch ist Regelbruch, und beide Teams waren schuldig. Am Ende entschied die Dreamhack auf eine Wiederholung des gesamten Matches, fnatic gab unter dem Druck von außen aber freiwillig auf und den Sieg damit an LDLC ab. Keine der Mannschaften wurde offiziell disqualifiziert oder auf andere Art von Dreamhack oder Valve bestraft.

Für beide Teams war es ein Entscheidungsturnier: LDLC gewann nach dem turbulenten Viertelfinale schließlich auch das Halbfinale, das Turnier und den Titel. fnatic stand dagegen vor der Auflösung, mehrere Spieler wollten wegen der ungeheuren Menge an Feindseligkeit ihre Karrieren beenden. Das Team blieb allerdings bestehen und würde die beiden kommenden Major-Turniere und WM-Titel im Jahr 2015 gewinnen, einen davon im Finale gegen ihre französischen Rivalen.

Dieses Mal dann auch ganz ohne Exploit und Drama.

Heute erinnert noch ein von Valve angebrachtes Schild an »Boostgate«. »Geländer übersteigen verboten!« steht darauf. Der Exploit wurde selbstverständlich gefixt.Heute erinnert noch ein von Valve angebrachtes Schild an »Boostgate«. »Geländer übersteigen verboten!« steht darauf. Der Exploit wurde selbstverständlich gefixt.

Alle Schilder und Graffitis auf CS:GO-Maps und ihre Bedeutungen

Das war der fünfte Teil unserer Reihe »Skandale und Kontroversen aus Counter-Strike«. Im sechsten Special schauen wir auf das Jahr 2015. Nach zig Vorfällen um Cheats, Exploits und Wettbetrug der Profis kommt auch noch Drogenmissbrauch und Doping zur Liste dazu.

Zur Übersicht: Zehn Skandale aus der Counter-Strike-Geschichte


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