Die größten Counter-Strike Skandale - Doping im E-Sport – Cloud9 nimmt Adderall

Die Skandale in CS:GO reißen auch 2015 nicht ab. Ein Profi bekennt sich offen zur Nutzung des Medikaments Adderall während eines Turniers.

von Stefan Köhler,
09.05.2017 11:01 Uhr

Das Medikament Adderall, eigentlich zur Behandlung von ADHS gedacht, gilt als konzentrationssteigerndes Mittel und ist die erste Wahl beim dopenden E-Sportlern.Das Medikament Adderall, eigentlich zur Behandlung von ADHS gedacht, gilt als konzentrationssteigerndes Mittel und ist die erste Wahl beim dopenden E-Sportlern.

Counter-Strike: Global Offensive lebt wie kaum ein anderes Spiel vom Drama abseits eines gewöhnlichen Matches. In insgesamt zehn Specials präsentieren wir die denkwürdigsten Skandale. Dabei konzentrieren wir uns auf die jüngere Vergangenheit, die besonders die heutige Szene von Counter-Strike geprägt hat.

Nach dem Skandaljahr 2014 geht es in Teil 6 mit 2015 weiter, das kaum weniger Aufreger produziert. Teil 5 um den Boostgate-Skandal findet sich hier, die Übersicht mit allen bisher erschienen Specials haben wir am Ende des Artikels verlinkt.

Drogeneinfluss?

2015 folgte der nächste Profi-Skandal, der aber nicht dieselbe Kontroverse wie die vorherigen Schlagzeilen erreichte. Seit Ewigkeiten kursierten Meldungen und Gerüchte, dass E-Sportler genau wie Athleten klassischer Sportarten ebenfalls dopen. Sie benutzen Medikamente, die die Konzentration und Reflexe beeinflussen - beispielsweise Ritalin oder die Amphetaminsalze Adderall. Die sind eigentlich verschreibungspflichtig und zur Behandlung von Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung, kurz ADHS, gedacht. Allerdings ist die Kontrolle der Substanzen gerade in den USA eher lax.

Vorhang auf für Kory »Semphis« Friesen von Cloud9. Der amerikanische Spieler gab im Sommer 2015 ein Interview, bei dem er auch die Frage beantwortete, warum die Kommunikation zwischen den Spielern im Rahmen des Turniers ESL One Katowice 2015 so komisch wirkte.

Das Launders-Interview

Die Antwort: Er und seine Mitspieler waren high. Und zwar dank Adderall. Das Interview mit dem Journalisten Mohan »Launders« Govindasamy findet sich unterhalb, der relevante Teil startet an der Zeitmarke 7:48.

Sofort stürzten sich die Tagespresse auf den Fall, die zwar nicht viel mit E-Sport, aber mit einem Thema wie Doping etwas anfangen konnte. Zeitungen wie Die Zeit, New York Times und die BBC berichteten, obwohl letztere nicht einmal ein Bild von Counter-Strike zur Hand hatte.

Die ESL verbannte im Anschluss alle unlauteren Mittel wie Alkohol, Drogen und Medikamente von ihren Veranstaltungen. Außerdem würde man Spieler in Zukunft testen wollen, eine Kooperation mit der deutschen NADA (Nationale Anti Doping Agentur) wurde angekündigt.

Die Meldung im Juli 2015: ESL plant Doping-Tests nach Geständnis

(K)ein Thema?

Einen Shitstorm in der Community gab es allerdings nicht. Maximal eine Diskussion über Drogenmissbrauch und Doping im E-Sport. Dafür dürften mehrere Gründe zusammengespielt haben. Seit Ende 2014 war die CS:GO-Community beispielsweise mit sich selbst beschäftigt. Cheats, Exploits, Valves-Update-Politik, Wettbetrug - die Spieler und Zuschauer waren mittlerweile müde. Jetzt kam also noch Doping dazu, aber zur nächsten Selbstzerfleischung wollte sich wohl niemand mehr aufraffen.

Auch die jeweils lokale Auffassung des Dopingbegriffs dürfte reingespielt haben. In Nordamerika ist der Missbrauch von Ritalin und Adderall bereits ein großes Thema bei Studenten, die für Prüfungen lernen. Insofern gab es in Übersee keinen großen Aufschrei. In Europa ist der Missbrauch von verschreibungspflichtigen Medikamenten hingegen ein deutlich geringeres, wenn auch kein komplett ignoriertes Thema. Die Diskussion verlief sich also in beiden Regionen, allerdings aus unterschiedlichen Gründen.

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Die ESL handelte sich wiederum für ihr reaktionäres Vorgehen direkt Kritik ein. Beispielsweise störte sich der bekannte Kommentator Matthew »Sadokist« Trivet an der Formulierung des Verbots, das Medikamente einen Riegel vorschiebt. Er selbst benötige Adderall, um überhaupt normal funktionieren zu können, ein Missbrauch findet wohl nicht statt. Am Ende gab es im 30-seitigen Regelbuch der ESL keine Liste verbotener Stoffe oder Hinweise auf eine Ausnahme, nur »Drogen, Alkohol und leistungsverbessernde Substanzen« wurden gebannt. Klarheit über die Prozedur schaffte erst ein Reddit-Eintrag.

Einen guten Abriss über das Thema Drogenmissbrauch, Leistungssteigerung von Adderall bis Coffein und der Geschichte des E-Sport-Dopings liefert wie immer der Analyst und YouTuber Thorin.

Gibt es noch Drogentests?

Heute ist die Debatte quasi komplett verschwunden. Die meisten Zuschauer könnten vermutlich nicht einmal mit Sicherheit sagen, ob Spieler heutzutage bei Turnieren tatsächlich Proben abgeben müssen. Die Antwort: Das letzte WM-Turnier Eleague Major 2017 erwähnt Substanzen irgendwelcher Art mit keinem Wort im Regelbuch. Wer sich disqualifizieren lassen möchte, muss schon Cheats mitbringen.

Semphis hatte im Sommer 2015 und in Katowice übrigens keine gute Leistung erbracht und wurde schließlich aus Cloud9 rausgeworfen. Semphis gab an, dass durch Adderall sein Können am Gewehr zwar besser wurde, allerdings seine Qualitäten beim Treffen von taktischen Entscheidungen abnahmen. Dass auch die anderen Cloud9-Spieler unter Drogen keine unmenschlichen Leistungen wie beispielsweise Cheater abrufen konnten, sorgte wahrscheinlich ebenfalls dafür, dass das Thema weitgehend ohne Streit schnell verschwand. Eine Spielsperre oder Bann durch Valve kam nicht in Frage, heute spielt Semphis für Splyce.

Ein nettes Detail der Geschichte: Semphis Nachfolger bei Cloud9 war niemand anderes als Skadoodle, der nach dem iBUYPOWER-Wettskandal ein neues Team brauchte. Seine Geschichte haben wir im dritten Teil der Artikelserie erzählt. Bis heute ist er - ohne weitere Kontroversen - der Scharfschütze von Cloud9.

Das war der sechste Teil unserer Reihe »Skandale und Kontroversen aus Counter-Strike«. Im siebten Special schauen wir auf das Jahr 2016. Nach einem Amoklauf in München erklärt ProSieben, seinen Fernsehzuschauern kein Counter-Strike mehr zumuten zu wollen.

Zur Übersicht: Zehn Skandale aus der Counter-Strike-Geschichte

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