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Drive - Neues Neo Noir: Der City Skorpion

Tagsüber Stuntman, nachts Kurierfahrer für Gangster: Der Jungstar Ryan Gosling überzeugt im Actionfilm Drive. Ein Geheimtipp abseits des Hollywood-Mainstreams.

von Christian Mester,
30.01.2012 15:50 Uhr

Das deutsche Poster des Films Drive ist aussagekräftig, vermittelt jedoch einen völlig falschen Eindruck. Das Motiv zeigt einen entschlossen wirkenden Mann, der mit Handschuhen hinter dem Lenkrad seines Wagens sitzt. Durch das Rückfenster ist ein verfolgendes Auto zu sehen. Ein neuer Actionfilm vom Schlage eines Fast & Furious ? Weit gefehlt, denn obgleich Drive sich an typischen Action-Thrillern orientiert, steckt ein komplexes Charakterdrama dahinter - ein ungewöhnliches, das in den USA mit viel Kritikerlob überschüttet wurde.

Der Film ist eine authentische, kritische Dekonstruktion von testosteron-geladenen Actionfilmen. Ein gewagtes Unterfangen, mit dem der Däne Nicholas Winding Refn seinen Hollywood-Einstand gibt. Zuvor hatte der Regisseur den wortkargen Wikingerfilm Walhalla Rising und das Gefängnisdrama Bronson gedreht. In letzterem machte er bereits den diesjährigen Batman-Bösewicht Tom Hardy zur faszinierenden Gefängnislegende. Für Drive nahm er sich nun vor, Frauenschwarm Ryan Gosling (Wie ein einziger Tag, Crazy Stupid Love) zum bedrohlichen Badass zu machen. Ein neuer Klassiker oder bloß ambitionierte Fehlzündung?

Handlung

Er ist ein junger Mann (Ryan Gosling), hat keinen Namen und kein eigenes Privatleben. Tagsüber arbeitet er als Mechaniker und Stuntfahrer, nachts steht er Kriminellen als Fluchtwagenfahrer zur Verfügung. Er ist ein wahres Ass hinter dem Steuer und eins mit jedem Wagen, den er fährt. Klingt nach einer perfekt laufenden Maschine. Doch der eiskalte Profi entdeckt plötzlich Gefühle, als er seine schüchterne Nachbarin (Carey Mulligan) kennenlernt. Zwar flammt zwischen Beiden keine Romanze auf, doch sie und ihr kleiner Sohn berühren den ansonsten eiskalten Profi.

Alles verkompliziert sich, als ihr Mann aus dem Gefängnis zurückkehrt. Weil dieser Gangstern Geld schuldet, drohen sie alsbald, der Frau und ihrem Kind etwas anzutun. Eine inakzeptable Vorstellung für den Fahrer, der sich prompt einmischt und der Familie zu helfen versucht. Sein erster Lösungsversuch schlägt leider fehl und je mehr der Fahrer versucht, die Sache zu kitten, wird alles nur noch vertrackter. Ungewollt gerät er in einen Strudel aus Gewalt, der ungeahnte Seiten in ihm weckt.

Drive - Bilder zum Kinofilm ansehen

Fast & Fascinating

Schon die Eröffnungsszene des Films macht deutlich, dass Drive ein absoluter Gegenpol zu Filmen wie Fast & Furious ist. Der Fahrer hilft zwei Kriminellen, von einem Tatort zu entkommen. Eine charakteristische Actionfilm-Szene, die hier jedoch ungewöhnlich umgesetzt ist. Die Musik bleibt auffällig leise, die Kameraschnitte ruhig. Es wird nur das Nötigste gesprochen. Statt Hektik aufkommen zu lassen, behält der Fahrer eisern die Nerven, observiert die Straße, taktiert mit vorbeiziehenden Polizeiwagen. Anstatt mit Crashs und Schießereien für lautes Spektakel zu sorgen, bleibt das Geschehen erstaunlich ruhig.

Was sich nach Langeweile anhören mag, ist in Winding Refns Film jedoch sensationell gut umgesetzt. Drive schafft fesselnde Atmosphäre voller Spannungsmomente. Teilweise erinnert der Streifen mit seiner Art an Tom Cruises Collateral, fällt aber noch düsterer aus. Refn bannt den Zuschauer mit der Intensität seiner Szenen, stellt interessante Charaktere vor. Ständige Überraschungen machen es knifflig, die nächsten Handlungsszenen voraussehen. An die Sergio-Leone-Western erinnern viele wortkarge Momente des Fahrers, der wie Charles Bronson oft nachdenklich in die Ferne sieht. Statt eines Strohhalms einen Zahnstocher zwischen den Zähnen kauend, statt sonnengegerbter Haut makellose.

Kaffeefahrt?

Trotz der dominierenden Stille und minimalistischen Action ist Drive allerdings keine harmlose Spazierfahrt durch die Nacht. Gewalt gibt es durchaus, und diese lässt den Zuschauer des Öfteren fassungslos zurück. Nur für Sekundenbruchteile zeigt die Kamera schwere Wunden. Doch der Kontrast der Szenen zum ruhigen Rest lässt jeden explosiven Moment wuchtig erscheinen. Werden in anderen Actiontiteln gleich dutzende Killer von Kugeln durchsiebt, wirkt hier jede noch so kleine Verletzung schmerzvoll - umso schlimmer, wird jemand schwer getroffen.

Drive - Clip zum Film 0:33 Drive - Clip zum Film

Die Gewalt ist hier in der Tat wichtig – für den Charakter des Fahrers spielt sie eine große Rolle. Der brodelnde Ryan Gosling ist die meiste Zeit über konzentriert, doch später beeinflusst ihn das Töten. Er merkt sogar nicht einmal mehr, dass er mit einer blutbesudelten Jacke herumläuft. Trotz allem wird der Fahrer dabei nicht zum unsympathischen Monster reduziert. Im Laufe des Films erscheint er erst sympathisch, dann monströs, schließlich tragisch. Gosling macht viel aus dem komplexen Charakter und spielt die Rolle so gut, dass man sie jetzt schon Ikone nennen darf. Ein dafür passendes Muster-Outfit hat er bereits: Lederhandschuhe, Zahnstocher und Skorpionenjacke. Das Design einer Actionfigur.

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