Es war einmal #63 - Der Amoklauf von Erfurt

Diese Woche in »Es war einmal«: Der Amoklauf von Erfurt sorgt für Entsetzen und Unverständnis in der Bundesrepublik.

von Peter Smits,
30.04.2011 10:00 Uhr

Täglich berichtet GameStar.de über die aktuellen Ereignisse in der Welt der Videospiele, doch wie ist der »status quo« überhaupt entstanden? In dem wöchentlichen Format »Es war einmal« wagen wir den Blick in die Vergangenheit und präsentieren Ihnen die wichtigsten News, die heißesten Gerüchte, und die besten Neuerscheinungen vor genau neun Jahren.

25. April 2002 - 01. Mai 2002

Die wichtigste News

Amoklauf am Gutenberg-Gymnasium in Erfurt

Normalerweise richten wir uns in dieser Artikelserie nur an nostalgische Videospieler. Doch vor neun Jahren ereignete sich in Erfurt ein schrecklicher Amoklauf, der einerseits ein trauriger Teil der deutschen Geschichte ist, der nicht vergessen werden darf, und andererseits ganz erhebliche Folgen für Videospieler hatte.

Am 26. April 2002 betrat Robert Steinhäuser gegen 10:45 Uhr mit einem Rucksack und einer Sporttasche das Gutenberg-Gymnasium in Erfurt. Er wurde bereits im September 2001 der Schule verwiesen, hatte dort also eigentlich nichts zu suchen. In der Herrentoilette im Erdgeschoss zog er sich um, stülpte eine schwarze Gesichtsmaske über den Kopf, warf sich eine Schrotflinte über den Rücken und zog eine Pistole. Er ging ganz gezielt in das Sekretariat, wo er die stellvertretende Schuldirektorin und die Sekretärin erschoss. Danach machte sich der Täter auf den Weg in den ersten Stock. Noch auf der Treppe schoss er einem Lehrer in den Rücken. Oben angekommen stürmte Steinhäuser ein Klassenzimmer und erschoss vor den Augen der anwesenden Schüler einen Lehrer.

Der 19-jährige Steinhäuser durchsuchte noch weitere Teile der Schule, erschoss zwei Schüler durch eine verschlossene Tür. Auch ein Polizist wurde getötet, Steinhäuser hatte ihn durch eines der Schulfenster erschossen. Insgesamt starben bei der Tat zwölf Lehrer, eine Sekretärin, zwei Schüler und ein Polizist. Zum Schluss erschoss sich Steinhäuser selbst, nachdem er von einem Lehrer, den er verschont hatte, in ein Klassenzimmer gesperrt worden war. Als Motiv nimmt man berufliche Aussichtslosigkeit an. Steinhäuser wurde aufgrund eines gefälschten ärztlichen Attests von der Schule verwiesen und hatte keinen Schulabschluss, da die Gymnasien in Thüringen keine mittlere Reife nach der 10. Klasse vergeben haben.

Die Gedenktafel für die Opfer. Quelle: Wikipedia.Die Gedenktafel für die Opfer. Quelle: Wikipedia.

Der Amoklauf führte zu einer umfangreichen öffentlichen Diskussion in den Medien und zu mehreren Gesetzesänderungen. Die Landesregierung Thüringen änderte das Thüringische Schulgesetz, so dass nach der 10. Klasse eine Prüfung für die mittlere Reife abgelegt werden muss. Auch die Polizei reagierte: So erhalten die Polizisten in Nordrhein-Westfalen mittlerweile eine spezielle Ausbildung, um bei einer solchen Tat frühzeitig eingreifen zu können. Bis zum mehrfachen Mord in Erfurt musste immer auf ein mobiles Einsatzkommando gewartet werden. Die Landespolizeigesetze wurden auch in anderen Bundesländern reformiert. Der Bundestag beschloss außerdem ein neues Waffengesetz: Das Mindestalter zum Erwerb einer großkalibrigen Waffe wurde auf 21 Jahre angehoben. Außerdem wurde eine Medizinisch-Psychologische Untersuchung für Sportschützen unter 25 Jahren zur Auflage gemacht. Sogenannte Pump-Guns sind seitdem komplett verboten. Steinhäuser selbst gehörte einem Schützenverein an und hatte sich die Tatwaffen legal gekauft.

Frühe Medienberichte besagten, dass Robert Steinhäuser mehrere gewalthaltige Videospiele wie Return to Castle Wolfenstein oder Hitman besaß. Erstmals wurde der umstrittene Begriff »Killerspiele« mit solchen Videospielen in Verbindung gebracht. Steinhäuser habe außerdem den Multiplayer-Shooter Counter-Strike besessen, was sich im Nachhinein als Falschinformation entpuppte. Viele Politiker und Medien attestierten diesen aus ihrer Sicht gewaltverherrlichenden Spielen mindestens eine Teilschuld an dem Amoklauf. Ein nicht unerheblicher Teil der Artikel enthielt Falschinformationen, die unter Spielern das Gefühl erweckten, sie wären Ziel einer öffentlichen Kampagne. Die noch laufende Indizierungs-Prüfung von Counter-Strike bei der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften wurde Teil des öffentlichen Interesses.

In der Folge wurde die Überarbeitung des Jugendschutzgesetzes beschleunigt. Bereits wenige Wochen nach dem Amoklauf verabschiedete der Deutsche Bundestag die Änderungen, am 1. April 2003 trat das neue Jugendschutzgesetz in Kraft. Dies sieht vor, dass alle Videospiele vor der Veröffentlichung von der Unterhaltungssoftware Selbstkontrolle (USK) geprüft werden müssen. Dabei wird eine Altersbeschränkung festgelegt, die auf dem Spiel deutlich sichtbar sein muss und verbildlich gilt. Wer jugendgefährdende Medien weitergibt, kann strafrechtlich verfolgt werden. Die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien (vorher BPjS) konnte nun keine Spiele mehr indizieren, die von der USK gekennzeichnet wurden. Die Alterseinschätzung der USK war vor der Gesetzesänderung freiwillig.

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