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Explodiert - Wie RTL sich die falschen Witzfiguren aussuchte

Eine aufregende Woche war das für den Kölner Sender RTL: Ein gehässiger TV-Beitrag über die Gamescom sorgt bei deutschen Spielern für viral befeuerte Empörung und mündet in öffentliche Demutsgesten. Ein Lehrstück über den Alltag im deutschen Fernsehen.

von Stephan Freundorfer,
26.08.2011 16:26 Uhr

»Sollten irgendwann doch Außerirdische bei uns auf der Erde landen, könnten sie auf folgender Veranstaltung wirklich enge Freundschaften schließen«, leitet RTL-Moderatorin Nazan Eckes am 19. August, dem zweiten Publikumstag der Kölner Spielemesse, einen Fernsehbeitrag für das vorabendliche Nachrichten-Magazin Explosiv ein. Gleich drei Redakteure hätten laut Eckes versucht, die »echt komischen Gestalten« zu durchschauen, die sich auf der Gamescom rumtreiben.

Laut einem von ihnen, Tim Kickbusch, ging es angeblich um etwas ganz anderes: »Der sollte lustig werden«, schreibt er sechs Tage später in einer mehrzeiligen Entschuldigung auf der offiziellen Facebook-Seite der Gamescom. Der fünfminütige Beitrag war allerdings weder erhellend noch erheiternd – er unterschied sich in Machart, Intention und Relevanz aber auch wenig von all den anderen Plattitüden und Alltäglichkeiten, denen in den Reportagen und Nachrichten des Kölner Privatsenders vermeintlich Berichtenswertes abgerungen wird.

Perfekte Ziele

Am 19.8. griff RTL mit der Berichterstattung über die Gamescom-Besucher daneben. Die Spieler reagierten kollektiv.Am 19.8. griff RTL mit der Berichterstattung über die Gamescom-Besucher daneben. Die Spieler reagierten kollektiv.

Statt um Aufklärung ist die Mehrheit dieser Privat-TV-Beiträge um Festigung von Vorurteilen bemüht – Hinterfragen könnte den Zuschauer mehr anstrengen als bestätigen, und zudem will man ihm auch das wohlige Gefühl der Überlegenheit bescheren. So dreschen manche TV-Redakteure mit schöner Regelmäßigkeit auf Randgruppen ein, bedienen Stereotype und führen angeblich anormale und befremdlich wirkende Menschen vor.

Dass es auch anders geht, zeigt selbst RTL in der Vorabendsendung Guten Abend RTL (Beitrag auf YouTube), in der auswogen über die Messe und ihre Besucher berichtet wurde. Aber bei einer maximal polarisierenden Boulevard-Berichterstattung sind die leicht manipulierbaren und meist wehrlosen Protagonisten Langzeitarbeitslose, Alleinerziehende, Muttersöhnchen oder Live-Rollenspieler. Am letzten Freitag hat es dann eben uns Spieler erwischt, die sich in Fußnähe zum RTL-Sendezentrum zu zehntausenden auf dem Kölner Messegelände herumtrieben.

Die Redaktion musste nur mit der S-Bahn zur Arbeit fahren, um sich die Kernthemen ihrer Berichterstattung zu erarbeiten: Nachlässige Kleidung, mangelnde Körperhygiene, Fetischierung des Virtuellen. Fertig ist ein Beitrag, der nicht dem Thema, wohl aber dem Sendeschema gerecht wird. »Wenn Explosiv Redakteure auf die Gamescom schickt, dann wissen sie schon ganz genau, was sie von dort wollen, nämlich Provokantes«, sagt TV-Spieleredakteur Andreas Garbe, der lange Jahr für die RTL-2-News tätig war und heute bei ZDF.kultur an dem eSport-Format »FTW – For the Win« arbeitet.

Guten Abend RTL ging wie viele andere TV-Formate anders als Explosiv sachlich mit der Messe und den Spielern um.Guten Abend RTL ging wie viele andere TV-Formate anders als Explosiv sachlich mit der Messe und den Spielern um.

»Die Intention von Explosiv ist, Quote zu machen« – auf wessen Rücken, ist der Redaktion beziehungsweise dem verantwortlichen Chef vom Dienst egal. Eigentlich. Denn in diesem Fall hat man die Randgruppe unterschätzt: Die Spielergemeinde ist nämlich keine mehr. Und sie ist gut vernetzt. Und sie ist selbstbewusst geworden.

Stolz und Vorurteil

»Ich persönlich glaube, Gamescom-Besucher und Computerspieler sind ein humorloser Menschenschlag«, trat Kickbusch auf seiner Facebook-Seite nach, als die Lage für RTL noch nicht eskaliert war. Sieht man sich den Explosiv-Beitrag an und vergleicht ihn mit den wütenden Reaktionen der Spielergemeinde, dann möchte man ihm als objektiver Beobachter beinahe zustimmen. Die Empörung steht in keinem Verhältnis zu den im Beitrag getätigten plump-naiven Nickligkeiten: »Irgendwann in seinem Leben steht jeder pubertierende Junge vor der Frage, kaufe ich von meinem Taschengeld einen Rasierapparat oder doch lieber ein Computerspiel«. Dieser süffisante Kommentar ist ebenso unlustig wie unsinnig und dabei beispielhaft für den gesamten Beitrag.

Der Aufschrei über die Gamescom-Reportage aber ist so viel gewaltiger als der über die diffamierenden Darstellungen in den zahllosen Reality-TV-Formaten wie Frauentausch & Co., in denen mitunter World of Warcraft - und Counter-Strike -Spieler als asozial und aggressiv inszeniert werden. Und wie wenig erregen sich die deutschen Spieler heute noch über die verlässlich wiederkehrende Verknüpfung von Gewalttaten und Ego-Shooter-Konsum?


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