Gamescom-Fazit - Wo war die Show?

Offiziell meldet die Gamescom in ihrem zweiten Jahr einen leichten Besucherzuwachs von 245.000 auf 254.000 Personen, was heißt: Sie war wie letztes Jahr ein Erfolg. Aus Sicht der GameStar-Redaktion (und vieler Spieler) war die Gamescom 2010 trotzdem ein ernüchterndes Erlebnis.

von Christian Schmidt,
24.08.2010 16:35 Uhr

Wie schon 2010 plagt Köln sich mit dem Problem, dass die europäische Leitmesse für Videospiele zu nah an der E3 stattfindet. Nur zwei Monate liegen zwischen den zwei Mega-Messen, und viele Publisher haben ihr Pulver bereits in Los Angeles verschossen. Zwei Monate sind wenig Zeit, um nachzuladen. Entsprechend war die Gamescom 2010 wie im Vorjahr arm an echten Überraschungen. Deep Silver kündigte Risen 2 an (zeigte aber nichts vom Spiel), Microsoft enthüllte Age of Empires Online , Ubisoft führte Heroes of Might & Magic in die sechste Runde -- schöne Spiele, aber kaum Knaller von internationalem Rang. Hochspannende Projekte wie Bioshock Infinite waren schon vor der Gamescom publik geworden, auch da mochte sich 2K Games nicht auf den Aha-Effekt von Köln verlassen.

Für die meisten großen Firmen ist die Gamescom nicht unbedingt eine Medienplattform für die Weltöffentlichkeit, sondern Herbstbörse für den lokalen Markt. Der ist weiß Gott wichtig genug, und so liegt das Hauptaugenmerk darauf, den deutschen Spielern die Titel und die Hardware zu demonstrieren, die sie in den nächsten drei, vier Monaten tunlichst kaufen sollen. Dagegen ist nichts zu sagen. Allerdings fehlt vielen Herstellern mit dem Glamour-Effekt offenbar auch der Wille zur Show.

Während die E3 ein ziemlich aufwändiges Standspektakel für reine Fachbesucher ist, fahren die Gamescom-Giganten fürs Massenpublikum paradoxerweise eher das Sparprogramm: viel Platz, aber wenig Aufwand. Activision zum Beispiel hatte 2009 noch eine riesige Fläche mit Guitar Hero -Glasboxen, Skate-Rampe und Blur -Sportwagen zugestellt, dieses Jahr wirkte der Stand wie in letzter Minute zusammengezimmert. Auch die weitläufigen Stände von Electronic Arts und Microsoft zeigten sich uninspiriert. Sony dagegen demonstierte der Konkurrenz, wie man’s richtig macht – praktisch alle Spiele anspielbar vor Ort, neue Hardware, viel Showprogramm. Unter den großen drei der Konsolenhersteller machte Sony damit eindeutig die beste Figur.

Wer als Besucher zur Gamescom geht, der möchte in erster Linie spielen. In der Hinsicht zeigten sich auch 2010 viele Hersteller allzu zugeknöpft, viele kommende Toptitel gab’s nur für Fachbesucher im abgetrennten Business Center zu sehen. Vor allem zeigte sich auch dieses Jahr exemplarisch, wie sehr das deutsche Jugendschutzsystem dem Messerummel die Luft abschnürt.

Weil „Ab 16“- und „Ab 18“-Spiele in Köln nicht offen gezeigt werden dürfen, müssen alle Hersteller abgeschirmte Bereiche schaffen, in die nur Gäste im rechten Alter Einlass finden. Die hermetisch abgeschlossenen Kinokästen stehlen den Platz, der in weniger besorgten Ländern für große Showbühnen genutzt würde. Vor den 16er- und 18er-Bereichen bildeten sich lange Schlangen, weil die Hersteller immer nur Grüppchen bespaßen können statt große Menschentrauben vor riesigen Leinwänden. Das nimmt der Gamescom Bombastcharakter und gibt ihr Hinterstübchen-Flair, der nicht so recht zu einer großen Spielefeier passen mag.

Und die Trends der Messe? Sind, wen wundert’s, im Wesentlichen die Gleichen wie auf der E3: Bewegungssteuerung (Playstation Move, Kinect), 3D-Tiefendarstellung (warum Nintendo den beeindruckenden 3DS nicht in den öffentlichen Hallen zeigte, ist unbegreiflich), vor allem aber: Browser, Online, Free2Play. Im Deutschland, dem Heimatland der weltstärksten Browserspiel-Firmen Gameforge und Bigpoint, ließen die aufstrebenden Riesen der Branche ihre Muskeln spielen, einige der Stände von Online-Firmen standen ihren Hardcore-Kollegen in nichts nach, im Gegenteil. Welche Bedeutung der gewaltige Markt von Online-Spielen bereits hat, ließ sich in Köln deutlich am Selbstbewusstsein seiner Vertreter ablesen.

Interessant dabei am Rande, dass einige Hersteller die Zukunft des darbenden Strategie-Genres im Internet sehen. Mit Age of Empire Online und Company of Heroes Online verpflanzen Microsoft und THQ zwei namhafte Serien ins Netz, auch das spannende End of Nations (von Petroglyph, den Machern von Empire at War ) schlägt in die gleiche Kerbe. Zugleich kehrt offline kurioserweise die Rundenstrategie zurück, mit Civilization 5 und Heroes 6. Aber das mag eher die Ausnahme sein als die Regel für einen Trend.

So fanden Fabian und Henry die gamescom 3:02 So fanden Fabian und Henry die gamescom

Microsoft bemühte sich mit Age of Empires Online, dem auf der Gamescom angekündigten Flight und neuem Schwung für Games for Windows Live zumindest, ihr lang im Koma liegendes PC-Engagement wieder anzufachen. Womöglich ist das ein ermutigendes Zeichen für die Zukunft der Plattform, auf einer ansonsten eher eintönigen Gamescom 2010.

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