GameStop-Skandal: »Du bist Verkäufer, Du musst lügen!« - Das sagen deutsche (Ex-)Mitarbeiter

Die Anschuldigungen anonymer GameStop-Mitarbeiter sorgten in den USA für Furore: Die Firmenpolitik setze sie unter Druck, ihre Kunden anzulügen. Wir haben mit Angestellten und Filialleitern aus Deutschland gesprochen, um herauszufinden, ob hier ähnliche Zustände herrschen.

von Maurice Weber,
06.02.2017 18:12 Uhr

Um GameStop und seine Firmenpolitik ist den USA ein Eklat entbrannt - aber die gleichen Probleme gibt es auch in Deutschland. (Bild: Flickr / Mike Mozart)Um GameStop und seine Firmenpolitik ist den USA ein Eklat entbrannt - aber die gleichen Probleme gibt es auch in Deutschland. (Bild: Flickr / Mike Mozart)

Bestraft GameStop seine Mitarbeiter dafür, die »falschen« Produkte zu verkaufen? Und treibt das die Angestellten gar dazu, die Kunden notfalls anzulügen? Amerikanische GameStop-Verkäufer erhoben jüngst schwere Vorwürfe gegen die Spielekette. Ihr »Circle-of-Life«-Programm führe über jeden Mitarbeiter genau Buch und strafe ihn mit einer niedrigen Punktzahl, wenn er nicht die richtigen Produkte an den Mann bringe.

Soll heißen, Vorbestellungen und vor allem die gewinnträchtige Gebrauchtware, aber bloß nicht zu viel Neuware, sonst geht die Bewertung in den Keller. Die fatale Folge: Verkäufer fühlten sich unter Druck gesetzt, den Kunden gezielt falsch zu beraten, um die eigenen Punkte nach oben zu treiben.

Aber passiert das auch hierzulande? Nachdem wir über die internationalen Vorwürfe berichteten, meldeten sich mehrere GameStop-Angestellte aus Deutschland und Österreich bei uns. Sie wollten durchgehend anonym bleiben - und übten ähnlich scharfe Kritik.

Der Circle of Life in Deutschland

Auch im deutschsprachigen Raum ist der Kauf und Weiterverkauf von gebrauchten Spielen der Kern von GameStops Geschäftsmodell. »Mit Used Ware [Gebrauchtspielen] verdienen wir unser Geld«, heißt es in einem Mitarbeiterhandbuch, das uns zugespielt wurde. Und die knallharte Punktebewertung gibt es nach Angaben eines anonymen Mitarbeiters hier genauso. Allerdings noch nicht so weit verbreitet wie in Amerika: »Es wird wohl nach und nach in allen deutschen Filialen eingeführt«. Wir hörten auch von vielen deutschen Standorten, die noch ohne derartiges System arbeiten. In den USA existiert es erst seit Ende 2016.

Antwort von GameStop?
Wir hatten bereits vor unserer ersten News zu den ursprünglichen Anschuldigungen um ein offizielles Statement gebeten, allerdings hat GameStop sich bislang nicht zurückgemeldet.

Aber selbst ohne formelle Punktwertung stünden Filialen und Mitarbeiter unter ständigem Druck, berichteten mehrere Quellen übereinstimmend. Nur käme der über eine klassischere Schiene: Ranglisten und Bonuszahlungen fürs Management. Filial- und Gebietsleiter freuen sich über Boni, wenn sie hochgesteckte Quotenziele erreichen und andere Standorte im Ranking schlagen. Bliebe ein Store dagegen hinter den Erwartungen, werde er in wöchentlichen Rundschriften an den Pranger gestellt.

Das sorge, wie ein Mitarbeiter ausführt, für »knallharten internen Wettbewerb« zwischen den Filialen. Die Mitarbeiter sähen zwar nichts von den Boni, bekämen den Leistungsdruck von ihren Vorgesetzten aber trotzdem zu spüren.

Parole: Lügen!

Ein Angestellter erzählte etwa, dass er regelmäßig kritisiert wurde, wenn er gebrauchte Spiele für Bargeld ankaufte statt Gutscheine. Die Folge: »Wollte ein Kunde sein Gebrauchtspiel gegen Bargeld verkaufen, wurde der Preis absichtlich auf eine utopisch niedrige Summe gelogen«, um ihn dazu zu bringen, doch lieber einen GameStop-Gutschein höheren Werts zu nehmen.

Ein anderer berichtet, dass er stark dazu gedrängt wurde, dem Kunden für sein Spiel noch eine Versicherung dazu zu verkaufen. »Das ging sogar so weit, dass ich die Game Protection einfach direkt aufgebucht und dem Kunden gesagt habe, der Preis habe sich geändert, aber es habe noch niemand die Ware neu beklebt.« Eine bewusste Falschaussage beim Verkauf also - möglicherweise ein Einzelfall, aber erschreckend.

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Ein Mitarbeiter berichtet zudem, dass Spiele, die im Sale neu billiger seien als die gebrauchte Version, »schon gerne mal ausverkauft sein« können. Das Personal räumt die Neuexemplare dann einfach ins Lager - und wieder heraus, sobald der Preis wieder steigt. Nach Aussage eines Gamestop-Insiders soll ein Gebietsleiter sogar die Parole herausgegeben haben: »Du bist Verkäufer, du musst lügen!«

Nicht so schwarz, wie es gemalt wird?

Allerdings erreichten uns auch Meldungen, die den Vorwürfen klar widersprachen. Auch sie berichteten von Filialen-Ranglisten, aber Druck zum Verkauf von Vorbestellungen oder Gebrauchtspielen gebe es nicht. »Jeder versteht, dass zum Beispiel in der FIFA-Releasewoche großteils nur Neuware verkauft wird«, erzählte uns ein österreichischer Angestellter. Andere sahen die Sache zwar pessimistischer - räumten aber ein, dass GameStop auch nicht schlimmer sei als andere Einzelhandelsketten.

Große Releases wie FIFA 17 können auf die Mitarbeiterbewegung schlagen, weil mehr neue als gebrauchte Spiele verkauft werden.Große Releases wie FIFA 17 können auf die Mitarbeiterbewegung schlagen, weil mehr neue als gebrauchte Spiele verkauft werden.

Die Zuschriften von Ex-Mitarbeitern, die uns erreicht haben, zeichnen dennoch ein weitgehend eindeutiges Bild: Auch in Deutschland setzt Gamestop den »Circle of Life« aggressiv durch - und seine Mitarbeiter unter Druck. Wie üblich Falschaussagen beim Verkauf (etwa die in den Preis eingerechnete, eigentlich optionale Zusatzversicherung) sind, lässt sich aus den Zuschriften nicht ablesen, wohl aber, dass es solche Falschaussagen gegeben haben soll. Auch unter der Billigung oder sogar Anordnung der jeweiligen Filialleitung.


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