Internet - »Recht auf Vergessen« betrifft auch Wikipedia (Update: 50 Fälle)

Wikipedia-Gründer Jimmy Wales hält das »Recht auf Vergessen« für »komplett wahnsinnig«.

von Georg Wieselsberger,
07.08.2014 08:31 Uhr

Auch Links auf Wikipedia werden inzwischen bei Google gelöscht.Auch Links auf Wikipedia werden inzwischen bei Google gelöscht.

Update: Lila Tretikov, Executive Director der Wikimedia Foundation, kritisiert die Entscheidung des Europäischen Gerichtshof ebenfalls stark. Das Gericht habe vergessen, das ebenso wichtige Recht auf Suchen, Empfangen und Weitergeben von Informationen zu schützen. Korrekte Suchergebnisse würden in Europa ohne öffentliche Erklärung, ohne echten Beweis, ohne rechtliche Prüfung und ohne Möglichkeit, dagegen vorzugehen, entfernt. Das Resultat sei »ein Internet mit Gedächtnislücken übersät - Plätzen, an denen unbequeme Informationen einfach verschwinden«.

Inzwischen seien mehr als 50 Wikipedia-Einträge durch Löschanträge zu von Links in Suchmaschinen betroffen. Auch wenn das Urteil die Suchmaschinen nicht dazu zwingt, die Löschungen betroffenen Webseiten bekanntzugeben, scheint dies aktuell der Fall zu sein, zumindest bei Google. Das sei »essentiell für das Verständnis der negativen Auswirkungen auf das gesamte verfügbare Wissen«, so Tretikov.

Die Wikimedia Foundation wird daher auf Wikipedia auf einer stets aktuellen Liste alle Benachrichtigungen von Suchmaschinen über stattgegebene Löschanträge veröffentlichen, die Wikipedia-Einträge betreffen. Dort heißt es: »Erzwungene Zensur ist inakzeptabel, aber erzwungene Zensur ohne Benachrichtigung ist unverzeihlich«.

Originalmeldung: Wie bereits vor einigen Tagen berichtet, regt sich immer mehr Widerstand gegen ein Urteil des Europäischen Gerichtshof, das ein »Recht auf Vergessen« im Internet zur Folge hat. Auslöser war ein Spanier, der einen Artikel aus dem Jahr 1998 aus den Suchergebnissen von Google entfernen lassen wollte, in dem es um die Enteignung seines Hauses ging. Google hat nach dem Urteil bereits begonnen, zumindest in Europa Suchergebnisse auf Antrag zu entfernen, andere Suchmaschinen werden folgen. Wie The Guardian meldet, ist nun auch erstmals ein Suchergebnis betroffen, das einen Link zu Wikipedia enthält.

Der Wikipedia-Gründer Jimmy Wales, der auch noch von Google mit neun anderen Experten um Rat bei der Umsetzung des Urteils gebeten wurde, hat eine klare Meinung zum Entfernen von Suchergebnissen: »Das ist komplett wahnsinnig und das muss behoben werden« so Wales. »Wenn es um wahrheitsgemäße, nicht diffamierende Informationen geht, die legal erlangt wurden, glaube ich nicht, dass es die Möglichkeit gibt, irgendein 'Recht' zu verteidigen, das das zensiert, was andere sagen«. Laut Wales gibt es auch kein Recht, per Gesetz Wikipedia-Autoren am Schreiben oder Google am Veröffentlichen wahrer Informationen zu hindern. Beide Dienste können und sollten dabei aber eine gute Arbeit abliefern.

Bis zum 18. Juli hatte Google bereits 91.000 Löschanfragen erhalten, die 300.000 Webseiten betrafen. Bei rund 32 Prozent verweigerte Google die Löschung, bei 15 Prozent forderte Google weitere Informationen an und bei 53 Prozent wurden die Suchergebnisse entfernt. Dazu gehört laut The Guardian beispielsweise auch ein Artikel aus dem Jahr 2009, der darüber berichtet, dass der Bruder des konservativen Politikers George Osborne zum Islam konvertiert ist. George Osborne ist seit 2010 der Finanzminister des Vereinigten Königreichs.


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