Mass Effect - Dieses Spiel habe ich Bioware nie verziehen

Maurice kaufte früher jedes Bioware-Spiel blind – aber seit dem ersten Mass Effect ging es für ihn mit seinem einstigen Lieblingsentwickler stetig abwärts.

von Maurice Weber,
24.03.2017 16:53 Uhr

Mit Mass Effect brach mir Bioware das Herz. Genauer gesagt mit dem Werbespruch auf der Website: »Roleplaying perfected.« Die Macher von Baldur's Gate 2 wollten mir das perfekte Rollenspiel verkaufen - verdammt, was war ich gehyped!

Und umso erschütterter, als ich mich endlich ins Spiel stürzte und die Wahrheit hinter diesem großen Versprechen entdeckte: Einen simpelsten Deckungsshooter mit oberflächlichem RPG-Anstrich. Davon hat sich Bioware in meinen Augen seitdem nie mehr wirklich erholt - im Gegenteil.

Der Anfang vom Ende

Rückblickend betrachtet war Mass Effect eigentlich nur der nächste logische Schritt in einem Kurs, den Bioware schon seit Jahren fuhr. Bereits Star Wars: Knights of the Republic war ja ein deutlich unkomplizierteres Rollenspiel als seine Vorgänger Baldur's Gate 2 und Neverwinter Nights.

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Und direkt danach kam Jade Empire, in dem Bioware seine klassischen RPG-Mechaniken gleich komplett über Bord warf und sie durch das Kampfsystem eines Action-Prüglers ersetzte. Trotzdem waren beide großartige Spiele!

Baldur's Gate 2 (2000) Das Bioware der alten Zeit stand für komplexe und enorm tiefe Rollenspiele.

Knights of the Old Republic (2003) Schon KotOR bewegte sich davon ein wenig weg, etwa mit deutlich entschlackten Charakterklassen.

Jade Empire (2005) Jade Empire ging einen Schritt weiter, für ein Bioware-Rollenspiel war es ungewöhnlich actionlastig.

Mass Effect (2007) Mit Mass Effect und seiner Shooter-Spielmechanik war die Evolution dann komplett.

Damals nahm ich die spielmechanische Vereinfachung auch noch nicht als Biowares grundlegende neue Marschrichtung wahr - der nächste Baldur's-Gate-Verschnitt würde bestimmt auch noch kommen! Und die wahre Faszination waren sowieso die genialen Geschichten und Welten.

Aber bei Mass Effect war mir das dann nicht mehr genug. Ja, wenn man sich durch den zähen Anfang kämpft, hat auch dieses Spiel tolle Figuren und eine spannende Story zu bieten - aber es opferte mir zu viel von dem, was die alten Bioware-Spiele so großartig machte.

Die Charakterentwicklung etwa fiel sogar noch simpler aus als in Jade Empire. Und wo dessen Prügeleien mit all ihren exotischen Kampfstilen noch ihren ganz eigenen Reiz hatten, servierte mir Mass Effect einen völlig uninspirierten Deckungsshooter. Das rissen die paar RPG-artigen Fähigkeiten auch nicht mehr raus.

Der Autor
Maurice Weber fühlt sich mit 26 eigentlich zu jung, um mürrisch darüber zu grummeln, dass früher alles besser war. Und in seinem Herzen steckt immer noch ein naiver jugendlicher Optimist: Er will doch tief drinnen nichts mehr, als jedes neue Bioware-Spiel über alles zu lieben! Und so hat er sich fest vorgenommen, Mass Effect mit Andromeda noch einmal eine faire Chance zu geben. Er hofft aber noch auf einen Patch für einen besseren Charakter-Editor.

Eine neue Hoffnung versinkt im Sumpf

Aber hey, bald darauf bekam ich ja meinen langersehnten Baldur's-Gate-Verschnitt! Vier Jahre hatte Bioware an Dragon Age: Origins gewerkelt, und es war glorreich! Kurz fasste ich wieder Hoffnung: Sollte Bioware doch gerne Mass Effect machen, solang sie auch weiter solche Spiele entwickelten, war ich glücklich. Und dann… ja, dann kam Dragon Age 2.

Dragon Age: Origins Das erste Dragon Age war eine Rückkehr zu klassischen Bioware-Tugenden.

Dragon Age 2 Die Fortsetzung war das genaue Gegenteil.

Selten hat eine Fortsetzung so konsequent alles ruiniert, was den ersten Teil so cool machte. Für mich besonders frustrierend: Obwohl Origins ein riesiger Erfolg war, sah Bioware das alles offensichtlich anders als ich und hatte beschlossen, dass Dragon Age dringend mehr wie Mass Effect werden müsste.

Plötzlich spielte ich auch hier einen stark festgelegten Charakter, statt mir einen Elfen oder Zwerg basteln zu können. Plötzlich war da dieses unsägliche Dialograd, das mir nicht mehr im Voraus verriet, was genau mein Held denn eigentlich sagen würde. Plötzlich durften die Kämpfe auch hier deutlich weniger tief und taktisch sein, wenn nur, und ich zitiere die Entwickler, »mit jedem Knopfdruck etwas Atemberaubendes passiert!«. Nur dass die Dragon-Age-Fortsetzung obendrauf unendlich viel liebloser gemacht war als Mass Effect 2 und 3!

Damit war endgültig klar: Die Zukunft von Bioware war nicht Baldur's Gate oder Dragon Age, sondern Mass Effect. Und damit starb meine alte Fanboy-Liebe für dieses Studio. Klar, objektiv betrachtet entstehen dort immer noch durchaus hochwertige Rollenspiele. Aber die Zeiten, als ich jedes Bioware-Spiel blind kaufen konnte, sind lange vorbei.

Mass Effect: Andromeda - Testvideo: Ein polarisierendes Weltraum-Epos 7:21 Mass Effect: Andromeda - Testvideo: Ein polarisierendes Weltraum-Epos


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