Meinung zu neuen Steam-Regeln - Weniger Freiheit? Genau das braucht die Plattform!

Steam Direct, Steam Explorers, Steam Discovery, Steam Kuratoren - ein Spiel auf Steam an den Mann zu bringen, wird immer komplizierter. Gut so, findet Dimi.

von Dimitry Halley,
07.04.2017 17:53 Uhr

Dimi verflucht unnötige Bürokratie, aber im Fall von Steam könnte sie tatsächlich hilfreich sein.Dimi verflucht unnötige Bürokratie, aber im Fall von Steam könnte sie tatsächlich hilfreich sein.

Wissen Sie, warum Bürokratie existiert? Ganz einfach: Stellen Sie sich einen abgelegenen Fluss vor, in dem unglaublich viele Fische herumschwimmen - ein malerisches Wunder der Natur! Person A entdeckt, dass man mit den Fischen richtig gutes Geld verdienen kann. Man braucht bloß die Angel auswerfen, den Fang verkaufen und kommt geschwind zu Reichtum.

Da denkt sich Person B: Das kann ich auch! Zwei Fischer schaden schließlich nicht, ist ja genug für alle da. Person C kommt, fischt mit und sagt: Aus Zwei mach Drei, das passt schon. Und zwei Wochen später stehen 40 Fischer an dem malerischen Fluss und reißen einen Karpfen nach dem anderen im Sekundentakt in den Tod. Der Bürgermeister bittet die fleißigen Fischer auf freiwilliger Basis in einem ergreifenden Appell an ihre Vernunft: Tut das nicht, ihr fischt den Fluss leer und versaut das Gleichgewicht der Natur.

Was denken Sie, was passiert? Wenn Fischer C neben mir nicht aufhört, denk ich im Traum nicht dran, meine Angel wieder einzupacken. Bin doch nicht blöd. Tja, und innerhalb von zwei weiteren Wochen gibt's keine Fische mehr. Gut gemacht, Gesellschaft. Menschen brauchen verbindliche Regeln, sonst gäb's keine Fische mehr - deshalb ist Bürokratie wichtig. Steam, liebe Leute, ist einer dieser wunderschönen Flüsse. Und die Spieleentwickler sind die Angler.

Das neue Steam

Steam ist innerhalb weniger Jahre zur wichtigsten Vertriebsplattform für PC-Spiele geworden: Eine gigantische Bibliothek aus mittlerweile über 13.000 Titeln - von großen Big-Budget-Spielen bis hin zu kleinster Software für ein paar Cent. Dabei sind die Datenbanken gerade 2016 exponentiell explodiert - fast 40 Prozent aller Steam-Spiele sind im vergangenen Jahr erschienen! Kein Wunder, dass der liebe Johannes Rohe Valves Plattform als Müllhalde bezeichnet.

Unzählige Leute nutzen die Möglichkeiten von Steams Plattform, um Software-Schrott für ein paar Kröten an unachtsame Kunden zu verkaufen. Asset-Flips, Klone und betrügerische Scam-Titel wie die von Digital Homicide haben letztlich dazu geführt, dass Steam die eigene Greenlight-Initiative einstampft und höhere Einstiegshürden für aufstrebende Entwickler integriert hat. Jetzt muss man erst ein üppiges Sümmchen und diverse Kontaktdaten hinterlegen, wenn man bei Steam ein Spiel ins System bringen will.

Steams schlimmster Entwickler - Digital Homicide gegen den Rest der Welt 8:38 Steams schlimmster Entwickler - Digital Homicide gegen den Rest der Welt

Und mit Steam Explorers und überarbeiteten Steam-Kuratoren gibt's bald sogar noch mehr Instanzen, die den neuen Steam-Discovery-Algorithmus beeinflussen. Steam-Nutzer können dann unbekannte Perlen durchforsten und Geheimtipps gegen kleine Belohnungen (beispielsweise spezielle Refund-Boni) in Richtung Startseite pushen. Gleichzeitig soll der Discovery-Algorithmus, der jetzt die individuelle Startseite jedes Spielers kreiert, Schrott-Software verstärkt unter den Tisch fallen lassen.

Kritiker sehen hier die horrende Gefahr, dass das »neue Steam« letztlich alles aussortieren wird, was unbekannt und bisher erfolglos ist. Und somit könnten Scams und potenzielle Perlen gleichermaßen durch das System rutschen. Vielleicht wird Steam so ätzend bürokratisch, dass Einzelfälle rasch ins Regelwerk gepresst und im Zweifelsfall mit einem dicken »Abgelehnt«-Stempel nach Hause geschickt werden. Vielleicht entsteht aus dem Zusammenspiel von Algorithmus und Explorers-Rating eine komplett neue Marktstruktur, die keiner voraussehen kann. Und die eigene Probleme mit sich bringt. Ich sage: Die Gefahr besteht, aber wir müssen sie in Kauf nehmen.

Der Autor: Dimi hat vor nichts im Leben solche Angst wie vor seiner Steuererklärung. Bürokratie war ihm schon ein Graus, als er als einer der letzten Jahrgänge zum Wehrdienst/Zivi berufen wurde und danach mit unzähligen Formularen über bologna-reformierte Unis rennen musste. Aber am Ende des Tages akzeptiert er, dass feste Regeln ab und an echt hilfreich sein können - zum Beispiel in einer Spielelandschaft, die täglich mehr als ein Dutzend neue Spiele auf den Marktplatz wirft.

Ätzende Bürokratie ist ätzend

Steam braucht verbindliche Regeln, genau wie die Fischerei in heimischen Flüssen. Valve fuhr bisher ein sehr liberales und prinzipiell auch löbliches System, bei dem möglichst viele Entwickler die Chance bekommen sollen, ihre Projekte an die Leute zu bringen. Nur scheitert es eben daran, dass so viele Entwickler diese Kulanz ausnutzen, um billiges Geld durch miese Spiele zu machen. Und im nächsten Schritt werden auch gute, aber unbekannte Neueinsteiger unter dieser Flut erdrückt.

Überfüllung von Steam - »Dein Steam-Spiel interessiert erst mal kein Schwein« PLUS 19:54 Überfüllung von Steam - »Dein Steam-Spiel interessiert erst mal kein Schwein«

Dabei will ich den »schlechten« Entwicklern gar nicht pauschale Geldgier unterstellen. Ganz im Gegenteil: Häufig starten Projekte mit redlichen Ambitionen, sind de facto aber einfach keine guten Spiele. Wo früher Publisher, Einzelhändler und Journalisten den Vertrieb von schlechten Spielen verkomplizieren und verhindern konnten, gibt es jetzt deutlich mehr Freiheiten, die eigene Kreativität zumindest mal aufs virtuelle Ladenregal zu bringen.

Doch damit diese virtuelle Spieleladen für seine Käufer nützlich bleibt, muss es eine Form von Qualitätskontrolle geben. Valve legt die in die Hand der Nutzer selbst - ich würde mir sogar eine zusätzliche Kontrollinstanz seitens Valve wünschen, aber sei's drum - und das ist genau der richtige Weg. Wenn ein Indie-Entwickler wirklich an dem neuen System scheitert, kann er sich schließlich immer noch über andere Kanäle eine Stimme verschaffen. YouTube, Kickstarter oder die Presse. Und wenn das ganze System am Ende nur noch mehr Probleme macht, dann findet sich eine Lösung.

Aber die laxe Struktur aktuellen Steam-Plattform kann so nicht weitergehen, weil der Fluss immer mehr Angler anzieht. Freiheit ist toll, solange sie nicht zum Chaos wird. Und bei Steam profitiert vom Chaos eigentlich niemand. Außer Digital Homicide.

Steam-Analyse im Video - Mehr, mehr, mehr bringt nichts mehr 5:29 Steam-Analyse im Video - Mehr, mehr, mehr bringt nichts mehr


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