Netzsperren ad absurdum geführt - Löschen statt Sperren funktioniert

Ein Versuch einer privaten Organisation belegt, dass es ebenso leicht möglich ist, kinderpornografisches Material zu entfernen, wie es nur zu verstecken - aber auch, dass Sperrlisten missbraucht werden.

von Georg Wieselsberger,
28.05.2009 09:29 Uhr

Der Arbeitskreis gegen Internet-Sperren und Zensur (AK Zensur) analysierte mit automatischen Verfahren die diversen europäischen Sperrlisten und schrieb die Provider an, auf deren Servern sich laut dieser Listen kinderpornographisches Material befinden soll. Innerhalb der ersten 12 Stunden nach Aussenden der Mails wurden bereits 60 Webauftritte gelöscht und teilweise sogar nach wenigen Minuten reagiert. Insgesamt wurden automatisiert 348 verschiedene Provider in 46 Ländern angeschrieben und über 1.943 gesperrte vorgeblich illegale Webseiten informiert. Eine manuelle inhaltliche Analyse der Webseiten hatte vorher nicht stattgefunden.

250 Provider haben auf die Anfrage geantwortet, aber hauptsächlich legale Inhalte gefunden. Zehn Provider gaben an, insgesamt 61 illegale Inhalte entfernt zu haben. Bei der überwiegenden Mehrheit der Webseiten, darunter einigen aus Deutschland, zeigte sich bei der Überprüfung durch den Provider, dass die Webseiten kein kinderpornographisches und teils überhaupt kein beanstandbares Material enthielten - die Webauftritte waren folglich zu Unrecht gesperrt. In Finnland werden zudem auch mehrere inländische Webseiten blockiert, die sich kritisch mit den dortigen Internet-Sperren auseinandersetzen.

Die Provider wurden nach eigenen Angaben bislang nicht darüber informiert, dass die bei ihnen gehosteten Webauftritte auf einschlägigen Sperrlisten geführt wurden. Wenn sie darauf hingewiesen werden, sind die Provider allerdings zur Kooperation bereit und entfernen illegale Inhalte umgehend. Teilweise handelte es sich bei den gesperrten Seiten um gehackte Webauftritte, also solche, die durch Ausnutzen von Sicherheitslücken zur Verbreitung fremden Materials missbraucht wurden. Hier zeigten sich die Provider auch sehr dankbar für die Hinweise.

Die Abschaltung von Webauftritten mit kinderpornographischen Inhalten dauert nicht länger als die Übermittlung einer Sperrliste. Dies führt die Argumentation der Befürworter des bloßen Sperrens ad absurdum - es gibt keinen sachlichen Grund, strafbare Inhalte im Netz zu belassen und sie für alle einschlägig Interessierten mit minimalem Aufwand weiterhin zugänglich zu halten, so der AK Zensur. Auf die Reaktionen der Politik auf dieses Ergebnis darf man gespannt sein.

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