Nintendo ist Kinderkram? - Meinung: Umso besser!

Dimi erinnert sich an seine grandiose Kindheit mit Nintendo-Spielen. Und entdeckt darin das wahre Genie der Japaner.

von Dimitry Halley,
02.03.2017 14:00 Uhr

Dimi erinnert sich an seine grandiose Kindheit mit Nintendo. Dimi erinnert sich an seine grandiose Kindheit mit Nintendo.

Ich werde in der Redaktion gemobbt. So, jetzt ist es raus! Maurice, Elena und (vor allem) Johannes ziehen mich nämlich fortwährend damit auf, dass ich in Meinungsartikeln immer Geschichten aus meiner Kindheit auspacke. »Dimi, erzähl doch nochmal vom Pausenhof der dritten Klasse.« »Na, Dimi, hast du da wieder einen Schulfreund beklaut?« »Süß, Dimi, da fällt dir doch sicher eine Anekdote mit deiner Mutter und einem Spiel ein.«

Sie sehen: Obwohl (oder gerade weil) ich mit meinen Kollegen befreundet bin, können sie im selben Atemzug sehr, sehr grausam sein. Aber gut, sei's drum - auch wenn Elena, Maurice und Johannes mich meiner Meinung nach nur aufziehen, weil sie neidisch auf meine Erinnerungen sind (Johannes lebte Gerüchten zufolge 20 Jahre als Fischfänger auf einem Nordsee-Kutter), nehme ich mir die Kritik zu Herzen.

Keine Kindheitsgeschichten mehr. Ab sofort.

Mit - ähm - mit einer Ausnahme: Nintendo. Denn mal ehrlich: 95 Prozent aller Nintendo-Geschichten, die wir uns hier in der Redaktion erzählen, haben mit unseren Kindheitserlebnissen zu tun. Man kann kaum über den Super Nintendo, das NES, die ersten N64-Werbungen und Co. sinnieren, ohne seine eigenen Erfahrungen damit aus dem Gedankenkeller herauszukramen.

Darin liegt sogar der Kniff, um den's mir heute gehen soll: Nintendo ist Kinderkram. Und das finde ich großartig!

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Die Disney-Formel

Haben Sie sich mal gefragt, warum Disney und Nintendo die wahrscheinlich bekanntesten Maskottchen der Welt unter ihrem Banner führen (neben Homer Simpson)? Warum Sega nach unzähligen Versuchen lediglich mit Sonic eine halbwegs konkurrenzfähige Ikone gegenüber Mario, Link, Yoshi, Wario und Co. aufbauen konnte? Und von Sonys gescheiterten Projekten brauchen wir gar nicht anfangen.

Obwohl Spyro, Crash Bandicoot und unzählige der anderen »Funny characters with attitude« aus teils sehr guten Spielen stammen, hat es doch keine dieser Figuren geschafft, Mario in seiner Bekanntheit den Rang abzulaufen. Und dabei war die Jagd um das perfekte Maskottchen eines der größten Schlachtfelder im Konsolenkrieg der 90er-Jahre (zwischen Sega und Nintendo, später Sony und Nintendo).

Dass Nintendo damit so erfolgreich war und ist, hat in meinen Augen vier Gründe, die ich (während ich meine Professorenbrille auf der Nase zurechtrücke) als Disney-Formel bezeichnen würde. Und da alle vier Aspekte mit Nintendos Kindertauglichkeit zu tun haben, will ich - ähm - dazu was aus meiner eigenen Vergangenheit erzählen. Sorry, Johannes.

Grund 1: Damals auf der Parkbank

Meine erste Begegnung mit Nintendo war auf einer Parkbank. Auf der hockte nämlich meine Cousine, wir waren beide vielleicht fünf Jährchen alt, und sie hatte so ein neues komisches, graues Klotzspielzeug in der Hand. Lesen konnte ich damals nicht (bei mir hat man im Kindergarten weder Lesen, noch Französisch oder Mathe gelernt), aber der Klang des Namens Game Boy war ohnehin viel schöner als das geschriebene Wort.

Quasi gleichzeitig staubte ein Kumpel einen Super Nintendo ab, der im Prinzip dieselbe Magie wie der Game Boy verwirklichte - aber auf dem Fernseher! In Farbe! Sowas hatte keiner von uns je zuvor gesehen: Mario hüpfte durch die Landschaften von Super Mario World, ritt auf seinem Dino Yoshi durch die Untergrundwelten von Yoshi's Island. Und diese Musik! Tunes für die Götter!

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Nummer Eins unter Nintendos Geniestreichen: Die Japaner kamen zum richtigen Zeitpunkt mit der richtigen Erfindung. Die NES- und SNES-Generation bildete (nach der Atari- und Pong-Avantgarde in den späten 70ern) den ersten Stoß an Kids, die ganz alltäglich mit Videospielen im Haushalt aufwachsen konnten. Und das nutzte Nintendo.

Der Sweet Spot

Nach dem Video Game Crash von 1983 bis 1985 war der Markt quasi aufgebrochen. Die erste Konsolengeneration hatte in puncto Technik und Reichweite den Weg geebnet. Und jetzt eroberte Nintendo die Nachwuchs-Herzen im Sturm.

In meiner Heimatstadt gab es keine Arcade-Hallen. Ich kannte keine erwachsenen Nerds mit C64. Und so waren Nintendo-Spiele (auch wegen ihrer Zugänglichkeit als Plug-&-Play-System) schlicht die ersten, die ich als Bub erleben konnte. Ganz ähnlich ging es mir und diversen anderen Kindern mit Disney. Es bestand (und besteht) schließlich eine riesige Wahrscheinlichkeit, dass der erste abendfüllende Zeichentrick-Film, den man als Knirps zu Gesicht bekommt, von Disney stammt.

Manchmal ist es so simpel: Nintendo und Disney sind ziemlich gut darin, den sogenannten Sweet Spot zu treffen. Mit dem richtigen Angebot zur richtigen Zeit den Leuten genau das zu geben, was sie aus den Socken haut. Videospiele sind noch kein altes Medium - die erste richtige Mainstream-Welle dieses jungen Mediums wie eine Eins abzusurfen, gehört zum Erfolgsgeheimnis von Nintendo.

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Allerdings gab's damals auf den Konsolen in der Regel auch noch keine so scharfe Trennung zwischen Spielen für Kinder und solchen für Erwachsene. Damit hadert Nintendo heutzutage viel mehr, weil's eben schwierig geworden ist, beide Gruppen gleichermaßen zu erreichen.

So oder so, mich und meine Freunde hatte Nintendo damals erobert. Um das begeisterte Glänzen in unseren Augen langfristig aufrechtzuerhalten, brauchte man aber ein bisschen mehr als das.

Grund 2 & 3: Markenausschlachtung? Nennen wir's Markenpflege

Nach Super Mario World kam Super Mario Kart. Unendliche Stunden, in denen man mit anderen Kids um die Wette fuhr. Nach dem Staunen über die ersten Begegnungen mit einem Handheld und einer Konsole begann eine genauso aufregende Routine: Ich entdeckte neue Spiele, verprügelte die bekloppte Sphinx in Super Mario Land 1. Und dieser Wario am Ende von Super Mario Land 2 bekommt auch sein eigenes Spiel? Ist ja ein Ding.

Nummer Zwei unter Nintendos cleversten Schachzügen: Die Japaner betreiben hervorragende Markenpflege. Je nach eigenem Zynismus-Grad kann man's natürlich auch als Markenausschlachtung bezeichnen, wenn sie genau wie Disney ihre Maskottchen auf Merchandise draufpappen, Filme, Fernsehserien und Weihnachtsspecials produzieren, Golf-, Tanz-, Mal- und Cookie-Back-Spiele mit Yoshi und seinen Freunden entwickeln lassen und, und, und.

Im Rahmen dieser Markenpflege gibt es beispielsweise eine sagenhaft gute Promo-Kassette zum N64, die ich ungelogen sicher 100 Mal gesehen habe. Und der Kollege Obermeier sogar so oft, dass die Farbinformationen des Bands verloren gingen! Hier das Video:

Dass uns Kids diese Nintendo-Kanonade nicht irgendwann zum Hals raushing, lag an Punkt Nummer Drei: Nintendo-Spiele mit Mario und Co. sind in der Regel ziemlich gute Spiele. Selbst die kleineren Spin-Offs. Man denke nur an Mario Party und Super Smash Bros. auf dem N64. Auf so eine Leistung schielt Sega-Maskottchen Sonic zurecht neidvoll rüber. Sogar mein Vater, der absolut nichts mit Gaming anfangen kann, verbrachte Wochen damit, Super Mario World zu perfektionieren. Und ich danach auch: In meiner kindlichen Vorstellung entstand aus all den Nintendo-Titeln ein riesiges, lebendiges Universum aus lebhaften Charakteren.

Hier fuhr Mario mit seinen Freunden um die Wette, nachdem Yoshi ihn als Baby vor dem fiesen Baby-Bowser rettete. Und auch Prinzessin Peach war am Start, die ich in Mario World just erst nach Hause gebracht hatte. Nintendo war nicht ein Spiel, Nintendo war ein Programm. Genau wie bei Disney stellt man sich bei jedem neuen Produkt auf eine wilde Reise ein - und wird meist belohnt (mal ehrlich: Welcher Disney-Film und welche Disney-Serie der 80er und 90er war bitte nicht gut?)

Grund 4: Jetzt wird abgerechnet

Zählen wir zusammen: Nintendo bringt zum richtigen Zeitpunkt eine geniale Konsole an den Start, erobert die Kids mit guten Spielen und etabliert die eigenen Maskottchen, wo es nur geht. Klingt sehr mechanisch, oder? Deshalb ist der vierte Grund für Nintendos Erfolg auch der wichtigste. Allerdings auch mit Abstand der am schwierigsten zu fassende. Denn wie bei Mixery, der Big-Mac-Sauce oder eben Disney verkauft Nintendo noch dieses ganz besondere Quäntchen »X« - diese eine Zutat, die aus dem Ganzen mehr als die Summe seiner Teile macht.

Als Kind hätte ich sie als Magie bezeichnet. Ich kann mich heute noch an fast jede Seite meines ersten Nintendo-Club-Magazins erinnern, an die Bilder, die Artworks, die Screenshots. Nintendo transportierte über seinen Look ein begeistertes Gefühl, einen fröhlichen Enthusiasmus, der über das Zocken hinausging. Ich zeichnete meine eigenen Nintendo-Figürchen, blätterte Stunden durch die bunten Spieleberater, ohne auch nur ein Wort zu lesen.

Meine Eltern nahmen mich auf den Flohmarkt, wo ich jeden Gaming-Stand nach neuen Schätzen abgrasen wollte. Natürlich verschwamm in meinem Kopf die Grenze zwischen hauseigenen Nintendo-Marken, Third-Party-Content und Lizenzspielen. Schlümpfe auf dem Game Boy waren halt Schlümpfe auf dem Game Boy, und damit Nintendo.

Das Wichtigste kommt zum Schluss

Heutzutage kann ich das alles analytischer betrachten. Kids sind schließlich eh leicht zu begeistern (fragen Sie mich mal nach meinen Star-Wars-Erlebnissen), in meinen Erinnerungen lässt sich schwierig trennen zwischen Nintendos eigenen Verdiensten und meiner allgemeinen Freude an Samstagmorgen-Fernsehen, Cartoons und bunten Bildchen.

Aber lassen Sie es mich so formulieren: Was Disney im Cartoon-Fernsehen gelang, schaffte Nintendo genauso eindrucksvoll im Gaming-Bereich. Beide nahmen mich mit auf eine Reise, in der ich mal allein, mal mit Freunden eine bombastische Kindheit erleben konnte. Beide beflügelten meine Kreativität, ließen mich träumen und herumspinnen (und schließlich ein gewaltiges Interesse am kreativen Schreiben entwickeln).

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Ich habe unter anderem Medienwirkungsforschung studiert. Ich kann Ihnen was erzählen von Gratifikationen, von Designregeln, psychologischen Effekten, Wahrnehmungsgesetzmäßigkeiten und der persuasiven Macht einer guten Corporate Identity. Aus all diesen Begriffen könnte ich letztlich wohl einen tollen analytischen Begriff basteln, mit dem sich der vierte Grund gut betiteln lässt. Aber wenn ich ehrlich bin, ist mir Magie als sprichwörtliches Zauberwort tatsächlich lieber.

Nintendo entfaltete diese Magie damals in seiner Zeitlosigkeit. Mario-Spiele waren auch Kinderkram, und das finde ich großartig, weil es diese neue Generation an Spielern direkt bei der Wurzel erreichen konnten. Aber sie konnten erwachsene Zocker aus der Atari-Ära genauso begeistern.

Heutzutage ist alles weitaus differenzierter. Es gibt Spiele für Erwachsene, Jugendliche, Kinder, für Akademiker, Multiplayer-Fans, Hardcore-Spieler und Retro-Enthusiasten. Kinder wachsen in eine Welt, in der Spiele als Medium bereits deutlich reifer sind. Ich bin gespannt, welche Geschichten die ihrem Nachwuchs über ihre Spielerkindheit erzählen werden. Meine Kids bekommen auf jeden Fall eine ordentliche Portion Mario. Ob sie wollen oder nicht.

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