Schule spioniert Schülern nach - Keine Anklage wegen Webcam-Bildern

An der Harrington High School waren Laptops an die Schüler ausgegeben worden, die den Schülern helfen sollten.

von Georg Wieselsberger,
18.08.2010 12:34 Uhr

Mit den Laptops könne man zuhause auch noch an Projekten arbeiten und habe rund um die Uhr Zugriff auf die Ressourcen der Schule. Dass es sich bei diesem Zugriff nicht um eine Einbahnstraße handelt, erfuhr der Schüler Blake Robbins durch Lindy Matsko, die stellvertretende Direktorin der Schule. Diese bestrafte ihn wegen »ungehörigem Verhalten zuhause« und benutzte dabei eine Webcam-Aufnahme des Laptops als Beweis.

Als sich der Vater von Blake danach mit Matsko in Verbindung setzte, habe sie bestätigt, dass die Schule die Webcams der Laptops jederzeit aktivieren und Aufnahmen machen könne. Die Schule hat dies laut BoingBoing inzwischen auch in einem Brief an die Eltern zugegeben. Die Funktion sei jedoch nur im Falle eines Diebstahls des Laptops aktiviert worden und ab sofort komplett deaktiviert.

Schon vorher hatte Blake Robbins wegen des Vorfalls Klage gegen den Schulbezirk eingereicht, die als Sammelklage auch alle anderen Schüler betrifft. Bei aller Aufregung über die Spionage durch die Schule scheint eine viel grundsätzlichere Frage unter den Tisch gefallen zu sein: Hat eine Schule überhaupt das Recht, privates Verhalten von Schülern in deren vier Wänden zu bewerten und zu bestrafen, Webcam hin oder her?

Update 23.02.2010

Wie Wral.com meldet, hat der Schuldistrikt insgesamt 2.300 Laptops an die Schüler von zwei High-Schools ausgegeben. Die Anzahl der möglicherweise betroffenen Schüler liegt damit deutlich höher als bisher gedacht. Der Anwalt, der Blake Robbins vertritt, hat außerdem beantragt, dass das Gericht das Löschen von Daten auf diesen Laptops durch die Schulen untersagt, damit keine Beweise vernichtet werden können. Inzwischen ist auch bekannt, welches »Verhalten« auf einem Webcam-Bild zum Auslöser der ganzen Angelegenheit wurde.

Laut der Familie soll die stellvertretende Schuldirektorin Süßigkeiten für Pillen gehalten haben und hätte daraus den Schluss gezogen, Blake Robbins sei ein Drogendealer.

Update 27.02.2010

Was wie ein Einzelfall in einem Schuldistrikt in den USA wirkt, scheint in der Realität wohl eher der Normalfall bei vielen Schulen zu sein. Ein Video des Fernsehsenders PBS vom 3. Juni 2009, das auch online zu sehen ist, belegt dies.

Dort ist ein Schulangestellter zu sehen, der auf seinem eigenen Laptop ohne jede Scheu und zum Vergnügen des Interviewers vorführt, wie einfach er Schüler ausspionieren kann. Es ist zu sehen, wie sich Schülerinnen die Haare kämmen, ohne sich dabei bewusst zu sein, dass sie beobachtet werden. Darauf wird sogar explizit hingewiesen. Auch die Tätigkeit der Schüler auf dem Laptop ist durch den Schulangestellten einzusehen. Der entsprechende Teil des Videos beginnt nach 4:39 Minuten.

Update 07.03.2010

Es kommen immer mehr Details über die Nutzung der Spionage-Funktion der Laptops ans Licht. Zwei IT-Angestellte des Schuldistrikts wurden inzwischen suspendiert und Bilder, die über die Webcams aufgenommen wurden, an die Polizei ausgehändigt.

Die beiden Angestellten hatten die Pflicht, die Webcams zu aktivieren, sobald ein Laptop als gestohlen gemeldet wurde. Danach nahm die Software automatisch alle 15 Minuten ein Bild auf, wenn der Laptop aktiv war. Die dafür genutzte Software gibt es schon länger nicht mehr, da der Hersteller übernommen wurde und das neue Unternehmen diese Funktion entfernt hat.

Laut Schuldistrikt habe man das Webcam-Tracking 42 Mal genutzt. Die Suspendierung der Angestellten habe nichts mit einem eventuell schuldhaften Verhalten zu tun.

Update 18.08.2010

Das FBI und die Strafverfolgungs-Behörden haben am gestrigen Dienstag laut CBS bekannt gegeben, dass man keine kriminellen Handlungen oder Absichten der Schul-Angestellten beweisen könne und deswegen auch keine Anklage erheben wird.

Für Schulbezirks-Leiter McGinley ist dies eine gute Nachricht für Schüler und Angestellte und bestätigt seiner Ansicht nach auch die eigenen Nachforschungen. Erst am Montag hatte die Schule beschlossen, die Tracking-Software der Laptops nur noch mit schriftlicher Erlaubnis der Schüler und deren Eltern einzusetzen.

Der Schüler Blake Robbins, der inzwischen von einem weiteren Schüler unterstützt wird, hat die Schule wegen der Webcam-Aufnahmen und Mitschnitten von Video-Chats und Instant-Messenger-Gesprächen verklagt.

Die beiden Techniker der Schule, die die einzigen Personen waren, die die Software aktivieren konnten, sind seit Bekanntwerden der Angelegenheit vom Dienst suspendiert und hoffen nun darauf, ihre Arbeitsstelle wieder antreten zu können.

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