Versagen auf der ganzen Linie

Die neue Debatte um ein Verbot von »Killerspielen« ist nachrangig, irreführend und populistisch. Sie demonstriert das Unvermögen von Politik und Medien, nach den gesellschaftlichen Ursachen zu suchen.

von GameStar Redaktion,
22.11.2006 12:01 Uhr

Natürlich ist da Ratlosigkeit, und Ratlosigkeit ist kein befriedigender Zustand. Zwei Tage nach dem Amoklauf des 18jährigen Sebastian B. in einer Realschule in Emsdetten weiß man viel über ihn und die gravierenden Probleme, die sich wahrscheinlich zum Auslöser der Tat verdichtet haben. Er brodelte vor Hass. Er sah keinen Sinn mehr in seinem Leben. Er fühlte sich ausgegrenzt und gedemütigt. Er fiel dreimal in der Schule durch. Er kam an Waffen, die er nicht hätte besitzen dürfen. Er bastelte Bomben, ohne das es jemand bemerkte. Er schottete sich ab, ohne dass jemand reagierte. Es sieht aus, als hätten alle weggeschaut, die hätten hinschauen sollen. Viel Stoff für die Ursachenforschung.

Stattdessen steht zwei Tage nach der Tat auf den Titelseiten der Tageszeitungen: »Killerspiele endlich verbieten!« (Abendzeitung), »Machen Killer-Spiele gewalttätig?« (TZ), »Union will Killerspiele verbieten« (Süddeutsche Zeitung). Die ARD-Tagesthemen sprechen vom »Massaker per Mausklick« und lassen Norbert Carius von Saarländischen Rundfunk kommentieren: »Die freiwillige Selbstkontrolle der Spieleindustrie ist eine Lachnummer.«

Deja vu: Deutschland hat eine neue »Ego-Shooter-Debatte«. Was hat das noch mit dem zu tun, was in Emsdetten passiert ist? Die bedrückend schlichte Antwort lautet: So wenig wie möglich.

Die »Killerspiele«-Debatte ist eine Ausweichreaktion, ein Sündenbock-Reflex, schulbuchhaft vorgeführt und durchexerziert. Computerspiele stehen am Pranger, weil ihre Popularität und Verbreitung vielen unheimlich erscheinen. Es könnten auch die Metal-Musik sein oder das Internet, solange dem Thema genug Nebelhaftes anhaftet. Es geht nicht um den Gegenstand. Es geht vor allem darum, so scheint es, nicht über das nachdenken zu müssen, was wirklich passiert ist.

Nach dem Amoklauf von Robert Steinhäuser in Erfurt im Jahr 2002 wurden die Waffen- und Jugendschutzgesetze verschärft, aus der Freiwilligen Selbstkontrolle für Unterhaltungssoftware wurde eine verpflichtende Kontrolle. Es sind durchaus sinnvolle Maßnahmen, die eines gemeinsam haben: sie kosten nichts.

Im gleichen Zeitraum, so rechnet Spiegel Online vor, sank die Quote der Schulpsychologen in Deutschland auf ein statistisches Niveau von einem Betreuer für 12.500 Schüler. Das ist der vorletzte Platz in Europa vor Malta. Nach Erfurt forderten Experten mehr Lehrer, kleinere Klassen, bessere Präventionsprojekte. Nichts von dem wurde umgesetzt. Denn das alles kostet Geld.

Der Amokläufer von Emsdetten hat auf seiner Webseite, in seinem Tagebuch und in seinem Abschiedsbrief ausdrucksstark dargelegt, was in ihm vorgeht. Darin ist viel von Hass die Rede. Es gibt zahlreiche Fotos, auf denen er mit Waffen posiert.

In Computerspielen lernt man keinen Hass. Hass wächst aus dem Leben, aus Ausgrenzung, Demütigung und Nicht-verstanden-werden. Es ist eine bittere Ironie, dass sich das Augenverschließen nach dem brutalen Hilfeschrei von Emsdetten nahtlos fortsetzt. Der Rösselsprung vom Amoklauf zur Killerspiele-Debatte bezeugt ein Ausmaß des Nichtverstehens -- oder Nichtverstehenwollens --, das an der Kritikfähigkeit der deutschen Gesellschaft zweifeln lässt.

Dass aus der quälenden Suche nach den Ursachen für den Amoklauf in so kurzer Zeit eine nachrangige, irreführende und populistische Debatte über ein Computerspieleverbot geworden ist, liegt nicht zuletzt daran, dass Politik, Medien und Branchenlobby durch die Bank versagt haben. Die Medien, weil sie sich mit genüsslicher Ignoranz auf einen Faktensplitter aus dem Leben des Amokläufers gestürzt haben, der in keinem Verhältnis zu seiner Bedeutung steht, um ihn unreflektiert zum Schuldbeweis aufzublasen. Die Politik, weil sie sich dankbar auf das Thema stürzt, um es populistisch auszuschlachten, anstatt die überfällige, schmerzhafte Sozialdebatte angehen zu müssen. Die Lobby der Spielehersteller, weil sie es seit Jahren nicht schafft, das Gesellschaftsbild von Computerspielen positiv zu prägen, und weil sie zu konzertiertem Krisenmanagement nicht in der Lage ist.

»Diese Debatte zeugt von Hilflosigkeit«, sagte der SPD-Innenexperte Dieter Wiefelspütz in den Tagesthemen. Man kann es nicht besser zusammenfassen.

von Christian Schmidt, Leitender Redakteur


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