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Videospielabhängigkeit - Teil 1: Machen Spiele süchtig?

Mit dieser Frage beschäftigen sich Ärzte erst seit einigen Jahren. Wir werfen einen Blick auf die Forschung, sprechen mit Experten und Betroffenen.

von Michael Graf, Dennis Kogel,
21.10.2017 08:00 Uhr

Können uns Spiele abhängig machen? Und wie finden wir das heraus?Können uns Spiele abhängig machen? Und wie finden wir das heraus?

Ein Film, so unterhaltsam, dass seine Zuschauer jegliches Interesse an der realen Welt verlieren und vor dem Fernseher sterben: In David Foster Wallaces Roman »Unendlicher Spaß« ist eine Videokassette gefährlicher als Crack oder Heroin. Sie heißt: »The Entertainment«. Mitte der 1990er schrieb Wallace sein wohl bekanntestes Werk. Heute wirkt die süchtig machende Kassette einerseits absurd - kurzer Blick ins Wohnzimmer, VHS-Rekorder, ja/nein? - aber doch irgendwie nah.

Und zwar genau dann, wenn wir über Spiele sprechen. Ist es nicht das Ziel vieler Spiele, uns die echte Welt vergessen zu lassen? Uns besser zu unterhalten als jeder Film? Uns unendlich lange Spaß zu bereiten? Kurz: Sind Videospiele das wahre »The Entertainment«? Machen Videospiele süchtig?

Durchatmen. Beißreflex unterdrücken. Wütende Email als Entwurf abspeichern. Zugegeben: Im deutschsprachigen Raum hatten es Videospiele und -spieler nicht leicht. Die Killerspieldebatten der frühen 2000er-Jahre haben ihre Narben hinterlassen. Dass Spiele gewalttätig machen, dass sie sogar Amokläufer zu ihren Taten inspiriert haben sollen, schürte Misstrauen. Sobald sich Mainstream-Journalisten oder vermeintliche Experten über die negativen Folgen des Spielens äußern, müssen viele Spieler mindestens einen Stoßseufzer unterdrücken.

Amoklauf in München: Die Rückkehr der »Killerspiele«?

Auch wir reagieren so. Etwa, als die Süddeutsche Zeitung im Februar 2016 einen Artikel über ein Wohnheim für Computerspielsüchtige veröffentlicht. Im Text steht unter anderem, junge Männer würden süchtig nach »Ego-Shootern in Spielen wie League of Legion oder World of Warcraft«. An diesem Satz stimmt einfach gar nichts.

Gut, er wird später geändert, vielleicht ein Versehen. Streckenweise liest sich der Artikel dennoch wie der Alptraum der kleinbürgerlichen Gartengesellschaft, wie Petra Schmitz anschließend in einer Kolumne feststellt: Jogginghosen tragen die jungen Spielesüchtigen, Gangsta-Rap schallt aus ihren Zimmern - was in vielen deutschen Haushalten alltäglich ist, klingt hier nach untrüglichen Zeichen gesellschaftlichen Verfalls. Eine Zwischenüberschrift ätzt gar: »Mit zwölf kiffen, mit 13 zocken«, als ob Spielen die logische Folge jugendlichen Drogenkonsums sei.

Es wäre leicht, hier an der Oberfläche zu bleiben. Abzublocken, statt im Gegensatz mehr zu fordern - mehr Recherche, mehr Informationen, mehr Auseinandersetzung mit dem wichtigen Thema Spielesucht. Denn: Es gibt wirklich Menschen, die darunter leiden, deren Leben völlig aus der Bahn gerät, so sehr, dass sie den Alltag neu erlernen müssen in einem Wohnheim - das macht der Artikel der Süddeutschen klar, selbst wenn Spieletitel falsch geschrieben und Zusammenhänge dramatisiert werden.

Und das geht uns Journalisten, die über Spiele berichten, genauso an wie Menschen, die privat spielen. Falls Spiele wirklich schädlich sein könnten, sollten wir nicht darüber Bescheid wissen? Sollten wir nicht dazu beitragen, ein Bewusstsein dafür zu wecken? Wir haben mit Ärzten, Sozialarbeitern und Betroffenen über die Videospielabhängigkeit gesprochen.

Machen Lootboxen süchtig?
Im zweiten Teil unseres Reports (ab dem 24. Oktober auf GameStar.de) sprechen wir mit weiteren Forschern und Suchthelfern - und anderem über die Frage, ob Lootboxen als Glücksspiel-Element zum Suchtfaktor beitragen.

Nur noch eine Runde … Wer mit Civilization 6 nicht aufhören kann, obwohl er es sich fest vorgenommen hat, erfüllt bereits ein Suchtkriterium.Nur noch eine Runde … Wer mit Civilization 6 nicht aufhören kann, obwohl er es sich fest vorgenommen hat, erfüllt bereits ein Suchtkriterium.

Was ist Spielesucht?

Wenn es in Tests und Artikeln heißt, Spiele seien »suchterregend« (beispielsweise in unserem Fazit zu Diablo 3), dann ist das meist als Lob gedacht. Das Spiel ist besonders packend, es lässt uns nicht mehr los. Wir schauen nach im Archiv der New York Times, und finden den Begriff »Gaming Addicts«, Spielesüchtige, in unterschiedlichen Artikeln: Mal sind es junge Menschen im Irak, die lieber zuhause spielen statt auf den verminten Straßen, mal New Yorker Autoren, die sich in einer depressiven Phase in Spielen vergraben, mal südkoreanische Jugendliche, die viel zu viel Zeit in Internetcafés verbringen, um dem enormen Leistungsdruck des rigiden Schulsystems zu entfliehen.

Wir haben ein Definitionsproblem. Was genau ist denn nun Spielesucht? »Da waren sich die Experten lange nicht einig«, sagt uns Jakob Florack in einem Frühstückscafé im ruhigen Berliner Westen. Einfache Antworten kriegen wir wohl nicht. Florack ist Anfang 30, Arzt, spielt selbst Videospiele (beispielsweise The Witcher 3) und arbeitet als Oberarzt in einer großen Berliner Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie.