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Alt 13.11.2009, 14:52   #103
Okay, ihr seid reich und schön, aber ich bin
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Zitat:
Zitat von Vicarocha Beitrag anzeigen
Gamestar killt die Spielkultur [etc.]
Danke an Vicarocha für den wohlformulierten Beitrag, der viele relevante Ansatzpunkte enthält, über die sich wunderbar diskutieren lässt. Es ist nur schade und irritierend, dass diese Perlen fast verschwinden unter den reißerischen, maßlosen und letztendlich überflüssigen Angriffen gegen unsere Redakteure.

Wer die polarisierende Flughafenszene als Gelegenheit zur subjektiv-ethischen Reflektion und anregenden kulturellen Debatte begreift, aber gleichzeitig die persönliche Meinungsäußerungen von Redakteuren in Bausch und Bogen als Torheiten verdammt, sollte sein eigenes Verständnis von Rezeption hinterfragen.

Die Ansichten im Video sind – dem Format geschuldet – notwendigerweise stark verkürzt (eine ausführlichere Ausführung gibt’s im Kommentar unserer Chefredakteure) und absichtsvoll zugespitzt. Daraus Rückschlüsse auf die Geistesgaben und die Reflektionsfähigkeit der Redakteure abzuleiten und mit persönlichen Angriffen zu verbinden ist … naja, sagen wir, es schadet der Sache mehr, als es ihr dient.

Zu den wesentlichen Punkten:

Kotauhaltung, Kadavergehorsam etc.: Das ist eine valide Betrachtungsweise, wäre da nicht die implizite Unterstellung, dass sich jeder, der berechtigte Befürchtungen ausspricht, sofort zum Erfüllungsgehilfen der Zensur macht. Freiheit der Kunst, Akzeptanz des Kulturguts, Emanzipation des Mediums – das sind gleich drei ganz große Keulen gegen unbotmäßige Kritik. Akzeptanz und Freiheit florieren nicht automatisch, wenn die Kritiker nur endlich schweigen würden. Der Wille zur kulturellen Relevanz sollte von den Spieleherstellern selbst kommen, und wer diesen Willen oder dessen Ergebnisse begründet anzweifelt, muss nicht automatisch ein Reaktionär sein.

Tabus brechen etc.: Einverstanden. Wenn Spiele Tabus brechen mit dem Sinn und Zweck, eine Diskussion auszulösen, dann sollte man in dieser Diskussion auch die Stimmen hören wollen, die den Tabubruch kritisch sehen. Der Tiefschlag gegen die »Magazinlandschaft« war überflüssig. Besteht eine »angemessene« Auseinandersetzung mit dem Tabubruch ausschließlich darin, ihn zu begrüßen?

Gewalt ist kontextualisiert, Gewalt ist Stilmittel etc.: Das führt zum bekannten Spannungsfeld zwischen realer Gewalt und dargestellter Gewalt und der Frage nach Übertragung vs. Rahmung. Das wird nach wie vor trefflich diskutiert und aller Wahrscheinlichkeit nach nicht hier im Forum gelöst werden.

Die Frage ist nicht, ob ein paar GameStar-Redakteure in der Lage sind, in der Szene einen Kontext und eine nicht-affirmative Darstellung der Gewalt zu erkennen. Sondern ob die Mehrheit der Konsumenten das tut. Darüber darf man sich schon mal Gedanken machen, und man darf es auch bezweifeln, ohne gleich als vernagelt gelten zu müssen.

Man sollte auch fragen, wie viel dem Spiel selbst an der Schaffung eines Kontexts gelegen ist. Mir scheint: ziemlich wenig. Die Rezipienten müssen sich ihre eigene Deutung zurechtlegen. Man kann das als Ansporn zum Selberdenken loben. Oder man kann befürchten, dass die meisten Spieler ohne klare ethische Einordnung den einfachen Weg wählen und die Szene ziemlich geil finden könnten. Oder gleichgültig bleiben. Wer das bedenklich findet, muss nicht gleich ein Kulturgorilla sein.

Gewalt ist im Kontext einer Sozialgemeinschaft weitgehend geächtet, und das aus gutem Grund. Also wird der Urtrieb sublimiert. Dass Mediengewalt einen kathartischen Effekt hat, ist seit Jahrzehnten widerlegt. Was löst die Darstellung so extremer Gewalt in Menschen aus? Ist es ein akzeptables Risiko, mündigen Erwachsenen Szenen zu präsentieren, die potenziellen Amokläufern als Vorbild und womöglich Training dienen könnten? Solche Fragen entringen vielen Spielern nur noch genervtes Stöhnen. Ein Grund mehr, sie zu stellen.

Pornographisch, obszön etc.: Es wäre sehr spannend, zu fragen, inwieweit eine Gewaltorgie wie die Flughafenszene eine voyeuristische und gar pornographische Komponente besitzt. Aber so ist das ja gar nicht gemeint – die REDAKTEURE sind pornographisch und obszön. Warum genau, erschließt sich mir nicht, sorry.

Moralisches Dilemma als Intention etc.:Wenn es das Ziel des Spiels war, den Spieler in ein moralisches Dilemma zu stürzen und ihn damit zu ethischem Abwägen zu führen, dann muss man urteilen: das macht es ausgesprochen schlecht. Eben weil Einordnung und Handlungsalternativen fehlen, ja nicht einmal angedeutet werden. Für das unmittelbare Erleben der Szene ist es irrelevant, ob Stunden später mal ein Kontext entsteht. Es ist nicht zu erkennen, dass die Szene kritische Reflektion in irgendeiner anderen Weise ermutigt als durch den schieren Tabubruch allein. Wem das genügt: fein. Wem das nicht genügt, ist der ein reflektionsunfähiger Dickschädel, mithin »hoffnungslos überfordert«? Wohl kaum.
Da hilft es auch nichts, die Intention zu verteidigen. Der Volksmund weiß: Das Gegenteil von gut ist gut gemeint.

Schockieren, emotional aufwühlen etc.: Das emotionale Empfinden der Flughafenszene ist natürlich subjektiv und variiert sicher von Person zu Person. Nichtsdestotrotz darf man davon ausgehen, dass die Szene darauf ausgerichtet ist, eine Schockwirkung zu erzielen. Schock ist eine betäubende Emotion, ein Hammerschlag. Wenn man Rezipienten zum abwägen, austarieren, ausloten von Empfindungsmöglichkeiten animieren will, dann ist Schock die denkbar schlechteste Methode. Insofern gibt es im Spiel viele Szenen, die sehr viel stärker berühren als die Flughafenszene, zumindest meinem Empfinden nach. Natürlich ist das subjektiv. Aber ich wage zu behaupten, dass viele Spieler nach dem Schock der ersten Sekunden eher benommen als reflektierend durch das Massaker stapfen und schnell in Apathie verfallen. Ich jedenfalls dachte mir ziemlich schnell: „Wann ist’s endlich vorbei?“ Nicht aus Ekel -- sondern aus Ermüdung.
Wenn sich Immergleiches minutenlang wiederholt, dann liegt die Vermutung zumindest nahe, dass es nicht mehr um eine Vertiefung des Empfindens geht, sondern eben doch um Selbstzweck.

Kulturbegriff: Stimmt, da postulieren wir einen monolithischen Kulturbegriff, was diese Position angreifbar macht. Letztlich ist es aber ein Verweis darauf, dass die Hermetik der Szene sie offen für Fehlinterpretationen macht. »Friss oder stirb!« ist zumindest keine sonderlich anspruchsvolle Form von Kulturtechnik.

Kulturgut vs. Unterhaltungsprodukt: Für die Rezeption ist es ja irrelevant, welche Intention der Verfasser hatte, aber man sollte doch bemerken, dass Computerspiele in erster Linie Unterhaltungsprodukte sind und sein wollen. Ein glasklares Unterhaltungsprodukt wie Modern Warfare 2 durch eine provokante Tabubruch-Szene kulturell aufwerten zu wollen ist extrem abgeschmackt, und entsprechend muss sich Infinity Ward Kritik gefallen lassen. Denn das Gesamtwerk spricht eine andere Sprache als diese eine Szene und negiert damit deren mögliche Aussage. Klar, Krieg muss nicht immer Spaß sein. Aber ein Spiel kann es sich gar nicht leisten, auf Spaß zu verzichten. Unter diesem Gesichtspunkt bekommt die Flughafenszene etwas abgebrüht Scheinheiliges.

Zitat:
Es geht hier nicht um die Verklärung des Spiels zu einem besonders gesellschaftskritisch en oder sonstig relevanten Titel, sondern um die Realisierung, dass es auch noch Rezeptionsmöglichkeiten ausserhalb des Tunnelblicks der Gamestar-Redaktion gibt.
Das ist gut zusammengefasst, und mit der Zielsetzung bin ich vollkommen einverstanden. Mit dem Weg dorthin nicht. Ich kann nicht erkennen, wie die polemische und demagogische Demontage der GameStar-Redakteure diesem Zweck dienen soll.

Christian

PS: Ein hübscher Nadelstich übrigens noch, unter das Ganze „mho“ zu setzen…

Geändert von Christian Schmidt (13.11.2009 um 16:38 Uhr).