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Der (einzig wahre) Max-Payne-3-Test

Von Daniel Raumer |

Datum: 19.05.2012 | zuletzt geändert: 09.12.2012, 17:54 Uhr


Max Payne 3. Ich habe mittlerweile schon einige Tests, Podcast und Meinungen darüber gelesen bzw. gehört. Kein einziger davon ist wirklich zum Kern vorgedrungen und hat erkannt, warum Max Payne 3 ein brillantes Spiel ist. So, jetzt habe ich‘s gesagt; die Bombe gleich am Anfang platzen lassen.

Dass Max Payne 3 ein sehr gutes Spiel ist, darüber sind sich zwar (fast) alle einig. Aber warum es so außergewöhnlich ist, das vermochte aus meiner Sicht keiner zu erkennen oder zumindest in Worte zu fassen. In Tests und Podcasts wird die für einen Shooter lange Spieldauer, der hohe Detailreichtum der Levels oder die gelungen Animation der Figuren gelobt. Andere befinden die Charaktere, die motivierende Handlung oder das realistische Waffenhandling für gut. Freilich sind das allesamt in der Tat gelungene Aspekte, aber sie sind nicht das, was Max Payne 3 zu einem Ausnahme-Shooter macht.

Das Spiel wird – und das ist meist ein allgemeines Problem von Spiele-Rezensionen – auf mechanische, oberflächliche und leicht beschreibbare Aspekte reduziert. Niemand versucht zu vermitteln, wie es sich wirklich anfühlt, Max Payne 3 zu spielen. Es sind nicht Detailreichtum, Handlung oder Charaktere, die das Spiel so toll machen; die sind lediglich das (gelungene) Handwerkszeug, auf denen es aufbaut. Wirklich zu einem Spielerlebnis wird Max Payne 3, weil Rockstar dem Spieler bedingungslos alles abverlangt. In einer Konsequenz, wie sie bei Videospielen bisher beispiellos ist.


Grafik-Tortur

Das fängt bei der Grafik an. Die Entwickler haben sich nicht gescheut, ihr Spiel permanent mit Farbfiltern, Flackern und Streifen zu malträtieren (alle Bilder in diesem Artikel sind unbearbeitet aus dem Spiel übernommen). Oft ist der Monitor in bis zu drei Panele geteilt, auf denen parallel verzerrte Standbilder aber auch Filmsequenzen zu sehen sind. Die Unruhe überträgt sich auf den Spieler: Max Payne 3 ist stellenweise eine optische Qual und das macht es unheimlich anstrengend zu spielen. Ich bin oft versucht zu pausieren, um kurz den Blick aus dem Fenster zu werfen, damit sich die Augen wieder beruhigen. Besser konnte Rockstar die Stimmung des Protagonisten nicht auf den Spielern übertragen. Auch Max würde wohl oft gerne einfach mal für ein paar Sekunden den Blick von seinem alptraumhaften Leben abwenden, um zur Ruhe zu kommen. Stattdessen stolpert er mit von Schmerzmitteln und Alkohol benebelten Sinnen immer weiter. Er nimmt die Welt durch einen Schleier wahr. ?So geht es auch mir als Spieler. Kein Fotorealismus könnte auslösen, was das Gewitter an ,Bildfehlern‘ in Max Payne 3 macht: Ich fühle mich seltsam entrückt vom Spiel, nehme die Welt wie Max durch einen Schleier war. Mein Gehirn tut sich schwer, das Gesehene schnell genug zu verarbeiten, stellenweise bekomme ich das Gefühl, ich hätte den gleichen dröhnenden Schädel wie Max.

Scheiß-Musik

Also ob das nicht schon reichen würde, um meinen Puls permanent auf 180 zu halten, setzt Rockstar bei der Musik noch einen drauf. Statt wie sonst in Filmen und Spielen üblich nur in dramatischen Momenten auch spannungsgeladene Musik zu spielen, setzen einen die Entwickler mit permanent treibender Musik unter Druck. Eine schneller, basslastiger Klangteppich spielt ohne Unterlass. Das ist gnadenlos, denn es erhöht für mich den Dauerstress. Weil ich in hunderten Film- und Spielstunden gelernt habe, dass bei solcher Musik Gefahr droht, stehe ich bei Max Payne 3 permanent unter Anspannung. Die Entwickler gönnen mir keine ruhige Musik zum kurzen Durchschnaufen.
Auf die Spitze getrieben wird das gleich zu Beginn, wenn die Story in einer Disko spielt. Ein unbändig hämmernder Techno-Beat übertönt alles, Stroboskop-Blitze zucken in Sekundenabständen. Das Konzentrieren auf die Spielmechanik ist fast unmöglich. Ich denke, »Macht doch mal die scheiß Musik leiser, damit ich in Ruhe auf die Gegner schießen kann!« Mein Wunsch bleibt ungehört.

Mir ist klar, dass in Spielrezensionen mit Adjektiven wie grandios, brillant oder atemberaubend inzwischen inflationär um sich geworfen wird. Trotzdem oder gerade deswegen sage ich: Max Payne 3 ist ein grandioses Spiel. Nicht obwohl, sondern weil die Entwickler sich offenbar zum Ziel gesetzt haben, die Spieler grafisch und akustisch fertig zu machen. Jeder Aspekt gilt dem Versuch, nachzufühlen, wie sich Max fühlt – auch wenn das schmerzende Augen und ein dröhnenden Kopf bedeutet. Das muss man nicht mögen, aber man muss zugestehen, dass das Max Payne so zu einer der eindringlichsten, weil anstrengendsten Spielerfahrung überhaupt macht.



Dieser Text entstammt meinem privaten Blog weltraumer.de, der sich auch immer über den einen oder anderen Besucher freut.

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Epicon
#1 | 22. Mai 2012, 01:22
Finde ich lustig. Die Bildeffekte sind mir irgendwann nicht mehr aufgefallen udn wenn doch haben sie mich genervt aber Gott sei dank kam das so selten vor, dass ich mich nicht drüber ernsthaft beschweren würde. Ja das spiel ist ab dem NORMAL Modus schon recht nervig. Ich habe nichts gegen schwere spiele aber solche SPiele bei denen die Gegner ständig zu 1000 auftauchen und natürlich aus irgendwelchen Mülltonnen gesprungen die hinter einem stehen finde ich einfach nur einfallslos und ermüdend. Ich habe schon die alten Max Payne gespielt und das einzig wirklich gute was ich hier nennen kann ist dass es sich beinahe genau so spielt. Naja gut die Konsolensteuerung ist etwas bescheuert aber das war auch zu erwarten. Finde ansonsten das spiel weder grandios noch ultramegageilgeilgeil. Anfangs ging es mir auf den Keks. Eine stunde später wollte ich es aus dem Fenster schmeißen und am Ende dachte ich dann doch : naja ganz cool eig. Kann man ein mal spielen. Zum Glück ist es nur geliehen.
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Daniel Raumer
#2 | 22. Mai 2012, 08:05
Zitat von Epicon:
Finde ich lustig. Die Bildeffekte sind mir irgendwann nicht mehr aufgefallen udn wenn doch haben sie mich genervt aber Gott sei dank kam das so selten vor, dass ich mich nicht drüber ernsthaft beschweren würde.(...)


Lies den Text nochmal, ich beschwere mich gar nicht über die Bildeffekte.

Ich fand's anfangs auch frustig, dann habe ich gemerkt, dass nicht Max Payne 3, sondern ich das Problem bin. Ich bin zu sehr an Shooter im Stil von Call of Duty gewöhnt: Immer vorpreschen und ballern, nach dem dritten Schuss ins Gesicht irgendwo in Deckung warten, bis die 'rote Soße' vom Monitor weg und das Leben wieder voll.
So funktioniert Max Payne 3 aber nicht. Man muss (wie das früher eigentlich Standard war bei Shootern) sich vorsichtig vortasteten, bereits vorab das Level nach Deckungsmöglichkeiten und Gegnereinfallspunktem abscannen und mit Munition, Painkillern und Bullettime haushalten.
Wenn man das beachtet, sprich: seine 'CoD-Run'n'Gun-Erziehung' vergisst, dann wird's einfacher und macht auch mehr Spaß.
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Epicon
#3 | 22. Mai 2012, 10:50
Zitat von Daniel Raumer:


Lies den Text nochmal, ich beschwere mich gar nicht über die Bildeffekte.


Sag ich aj auch nicht ;) Sondern dass ICH mich darüber nicht beschweren muss. :)

Genau dass die HP sich nicht ständig von selbst auflädt war für mich das geilste an dem Spiel. Man hatte Momente (wie in alten Spielen) wo man absolut im Eimer war und jeder Schuss sitzen musste. Ich sage nicht dass das Spiel schlecht ist. Vllt habe ich zu sehr etwas in Richtung Kane and Lynch erwartet, was mir sehr gefällt. Sieht ja auch optisch oft zum verwechseln ähnlich.
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Avatar epospecht
epospecht
#4 | 01. Jul 2012, 21:29
Sorry, das ist aber mal die komischste Schönmalerei die ich seit Ewigkeiten lesen "durfte".

Zum Sound: Es gibt schon andere Spiele die nicht mit Maß haushalten konnten. COD mit seinem Hans Zimmer Gedröhne bspw.
Die Intention ist wie bei Max Payne 3 die Gleiche: den Spieler bedingungslos anzutreiben.
Das Problem: Die Entwickler können nicht abschätzen wie die Musik auf den Rezipienten wirkt. Die Wahrnehmung von Musik hat nämlich ganz viel mit Konditionierung, Favorisierung und Erziehung zu tun.
Beim einen wirkt dieser total unsubtile Akt der Erregungssteigerung, beim anderen nicht.

Wenn es aber nicht wirkt dann bleibt die objektive Bewertung. Und da gilt ein Übermaß an Klanggewalt ohne reduzierendes Gespür typischerweise als billig.

Zu den grafischen Filtern: Wenn sie wenigstens unique wären wie die jenigen in "Kane & Lynch 2". Aber nein sie biedern sich in ihrer Ästhetik bei erfolgreichen Us-Serien wie "24" oder den unsäglichen "CSI"-Teilen an.
Auch die Screen-Splits oder die Texteinblendungen haben keinen Zweck (man erinnere sich hier an das exzellente Fahrenheit), sondern sind typisches "Style over Substance". Ganz, ganz schlimm.
Einen wirklichen Zweck haben sie aber wirklich. Genau so, wie die sich dauernd bewegende Handkamera, durch die sich die ganze Zeit die Bildebenen gegeneinander verschieben, verhindert dieser Überblende-Hokuspokus den Fokus auf die Figuren. Und versucht damit deren technische Limitation (bzw. den Uncanny Valley Effekt) zu überspielen.

Klappt, wie ich finde leider überhaupt nicht.

Zumal das Stilmittel wenn es so eingesetzt werden sollte wie du postulierst, trotzdem total daneben wäre. Denn nach der Argumentation müsste man jede Maßlosigkeit hochleben lassen (und Transformers 3 wäre auf einmal ein guter Film).
Ein Spiel darf mich leiden lassen (was "Max Payne 3" emotional wie spielmechanisch ja mal leider gar nicht packt), aber es sollte mich trotzdem motivieren fortzufahren. Audiovisuelle Verpampung sehe ich da als sehr naiven Versuch.
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