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Ist das Kunst oder kann das weg?

Von HolyHerbert |

Datum: 17.01.2013 | zuletzt geändert: 24.02.2013, 16:41 Uhr


Die Debatte ist schon alt, ich weiß, aber haben wir eine Antwort auf die einfache Frage: „Sind Videospiele Kunstwerke? Soll man sie als Kultur auffassen?“ Nein, haben wir nicht, und hoffentlich wird es sie auch nie geben.

Wir schreiben das Jahr 1986. Ein Hausmeister entfernt in einem Teil der Düsseldorfer Kunstakademie eine Verfärbung an der Wand in einer Ecke des Raumes. Die Wand war zwei Meter hoch mit Butter verschmiert, die der dienstbeflissene Mann kurzerhand wegschruppte. Der Eklat bei der ganzen Sache: Diese Butterflecken waren nicht etwa das Malheur eines unvorsichtigen Essers oder die Überreste einer explodierten Fritteuse, sondern die „Fettecke“ von Joseph Beuys und somit ein Kunstwerk. Der Schaden ging in die Zehntausende.

Über 20 Jahre später, irgendwo im Dschungel. Es ist dunkel und ich kämpfe mich in voller Montur durch die dichte Botanik des Waldes, sehe vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr. Überall stehen Farne, die Lianen hängen bis fast auf den Boden. Durch das Dickicht stolpere ich minutenlang, bevor ich das Ende des Waldes erreiche. Vor meinen Füßen liegt eine Bucht, die gerade aufgehende Sonne sendet ihre ersten Strahlen hell und warm über das kristallklare Wasser. Mir stockt der Atem, die Szenerie ist wunderschön.

Vielleicht hat der ein oder andere die Szene erkannt, sie stammt aus dem ersten Teil der Crysis-Reihe. Mir geht es prinzipiell aber nicht um das Spiel an sich - das war nämlich nicht mein Fall - sondern um die Frage, warum ein Großteil der Menschen das virtuell animierte Geschehen nicht als künstlerisch wertvoll ansehen kann, man aber an anderer Stelle einen jeglichen Vertreter einer anderen kulturellen Gattung, zum Beispiel Malerei, Musik, Film oder Literatur mehr oder weniger stillschweigend als „Kunst“ einstuft. Denn was sich „Kunst“ oder „Kultur“ schimpft, wird akzeptiert, gekauft, gefördert.

Kultur im weiteren und Kunst im engeren Sinne sind doch für eines da: Sie bieten dem Künstler eine Plattform sich auszudrücken während sie das Publikum unterhalten. Dieser Definition nach sollte man Videospiele doch auch „Kultur“ nennen können? Aber halt, alle Spiele? Bitte nicht! Dann müsste man, wenn man „Crysis“ sagt, auch „Landwirtschaftssimulator“ sagen. Und da liegt der Hase im Pfeffer beziehungsweise der Riss im Nano Suit.

Der Grund, warum man sich mit der Aufnahme von Videospielen in die Kultur-Kategorien und damit in eine Reihe mit Bach und Vivaldi, mit Dalí und Monnet so schwer tut, ist meine Ansicht nach vor allem die Krux mit den Genres insgesamt. Denn wenn ein Genre in die Kunst-Ecke gestellt wird, dann auch immer alle Vertreter, egal, wie gut sie sind. Beispiel Musik: Mozart ist Kunst, Bach ist Kunst, Queen sind Kunst, genauso die Beatles und die Rolling Stones, also ist Musik eine Kunst. Dann werden Carly Rea Jepson und Nickelback auch Kunst sein, oder?

Nein, sind sie nicht, das ist akustische Umweltverschmutzung! Aber so läuft es eben ab, genauso wird die „Fettecke“ zum Kulturgut und Instagram-Nutzer mit DSLR zum Foto-Vollprofi, weil die Fotographie per sé zum kulturellen Umfang des westlichen Kultur-Kanons gehört. Und so lang aus der Games-Branche der Ruf nach Aufnahme aller Spiele nicht leiser wird, wird er verhallen, uns zwar zu Recht. Der Landwirtschaftssimulator wird die Hürde nie nehmen, genauso die CoD-Reihe, wenn Activision so weitermacht.

Aber die wirklich schönen Spiele, deren Animationen mit den Bildern der großen Meister mithalten kann, die uns faszinieren und fesseln, die manchen Film in den Schatten stellen, schaffen es so nie, gesellschaftlich anerkannt zu werden. Was ihnen wirklich helfen würde, wäre ein ernsthafter Umgang mit jedem einzelnen „Kulturgut“. Wenn man nämlich die Einstufung nach (zugegebenermaßen subjektiv empfundener) Qualität und nicht stumpf nach dem Genre, dem sie angehören, festlegen würde, könnten wir alle selbsternannten Künstler, die nur aufgrund von Genrezuweisungen als solche anerkannt sind, in der Versenkung verschwinden lassen. Gleichzeitig könnten manche Spieleperlen endlich die Aufmerksamkeit bekommen, die sie verdienen.

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Avatar Maggus3
Maggus3
#1 | 17. Jan 2013, 19:12
Alleine schon für die Überschrift - einer meiner absoluten Lieblingssprüche - hast du grün verdient.

Doch auch der Rest ist ganz ansprechend.
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Avatar Vercetti III
Vercetti III
#2 | 17. Jan 2013, 20:06
Guter Eintrag! Nur der Grüne Daumen geht noch immer nicht. Also denk dir einfach den Daumen von mir. :)
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Avatar Cd-Labs: Radon Project
Cd-Labs: Radon Project
#3 | 17. Jan 2013, 20:45
Ein schöner Blog, der ein wichtiges Thema behandelt!

Einen wichtigen Schritt zur qualifizierten Kunst-Auffassung:

http://www.pcgameshardware.de/Spiele-Thema -239104/News/Museum-Of-Modern-Art-erklaert-Spi ele-zur-Kunst-1038664/
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Avatar Cr4sh
Cr4sh
#4 | 17. Jan 2013, 22:04
Schöner Blog, auch wenn ich mit der Behauptung, Crysis sei Kunst, nicht mitgehe. Kunst hat in meinen Augen nicht (zwingend) zum Zweck, schön oder unterhaltend zu sein, sondern eine Aussage zu haben, und zwar eine, die möglichst vielschichtig und nicht mit dem ersten Eindruck zu bemerken ist. Und da versagen die allermeisten Spiele nun mal - zuegegeben genauso, wie die meisten Musikstücke, die meisten Fotografien, Malereien etc.

Meiner Ansicht nach ist ein Legoset ähnlich sehr Kunst wie Videospiele. Du kannst damit spielen, dich unterhalten, verschiedene Dinge erleben, aber eine tiefere Bedeutung hat das Ganze nicht.
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Avatar TheVG
TheVG
#5 | 18. Jan 2013, 08:19
Sehr schön geschrieben und ein wichtiges Thema angesprochen!

Was ich davon halte: Die Spielebranche hat sich noch nicht sehr mit Ruhm bekleckert, etwas künstlerisch anerkanntes zu kreieren. Ein paar hübsche Inselabschnitte zu entwickeln wie in Crysis, ist noch lange keine Kunst. Wer das tut, war wohl noch nie in einer Ausstellung oder einem Mozartkonzert und hat wohl sehr niedrige Ansprüche daran. Kunst ist zwar richtig erwähnt noch etwas subjektives, aber nur eine Spielwelt fotorealistisch nachzubilden ist für mich nicht Kunst, sondern nur rein technischer Natur. Davon mal abgesehen, dass die Story und das Drumherum eher stiefmütterlich behandelt wurde.
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Avatar BiertierX
BiertierX
#6 | 18. Jan 2013, 09:36
Intressanter Beitrag !

meiner Meinung nach ist dies ein Thema wo sich die Geister scheiden.

Ich denke die Grundfrage ist WAS ist Kunst ? wieso ist Kunst Kunst und wie kann man sie verhindern (der letzte teil war natürlich nur ein scherz) und ich glaube auf diese frage gibt es keine richtige Antwort. Den wie schon Vorredner gesagt haben (und auch du in deinem Blog) zählt Mozart und co zu Kunst aber Lady gaga und Tokio Hotel nicht (zu recht). Also wer definiert was Kunst ist ? ich denke sowie bei der Schönheit liegt es hier auch im Auge des Betrachters. Jeder Action Movie zählt als Kunst weil es ein Kino film ist, ist das schlimm ? nein aber wer von uns kann das Kulturgut vergeben? Ich zum einen nicht und zum anderen (um das Musikbeispiel nochmal anzupacken) auch der Death/Black/Dark-Metal Hörer der seine eigene Musik ebenfalls als höchstes Kulturgut sieht nicht.

Aber da dreh ich doch gerne die frage um was hätten die Spieler den davon wenn "Offiziell" spiele Kulturgut sind ? imho nicht viel.

Einzig und allein vereinzelnde titel dazu zu ernennen würde zumindest dem was das aussagen will Tribut zollen und auch da die frage ab wann ist dann ein spiel Kultur ?

so das war einfach nur bissl Brainstorming hast mich mit dem Thema voll angesprochen :)
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Avatar Takamisakari
Takamisakari
#7 | 18. Jan 2013, 11:40
Ob etwas Kunst ist, liegt ganz allein im Auge des Betrachters. Für die einen ist die "Mona Lisa" Kunst, für die anderen ist es einfach nur ein Bild von vielen.

Ein Spiel wie "Pong" war zu seiner Zeit eine Revolution, wo man sogar von Kunststück reden kann, wobei sich das eher auf die technische Seite bezieht. Heute kann sowas jeder Hobby-Programmierer auf die Beine stellen. Es geht bei Kunst eben auch darum, etwas als Erster zu erschaffen. Kunst hat auch viel mit Erfindungsreichtum zu tun. Ein aktuelles Spiel, das nur eines von vielen Abklatschen ist, hätte vor 20 Jahren eine ganz andere Anerkennung bekommen.
Ein Spiel wird viel eher als Kunst wahrgenommen, wenn es sich von der Masse abhebt, wenn es neue Elemente beinhaltet, ... aber vor allem als Gesamtes einfach "rund" wirkt. Dazu gehört auch, dass der "Kunstliebhaber" seine Freude daran hat und möglichst kein Frust auf Grund von Fehlern und schlecht durchdachten Features aufkommt. Er muss es lieben können.

Was bleibt, ist eine Auswahl weniger Spiele, die ein jeder für sich als Kunst betrachtet. Der Rest kann weg!
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Avatar yenlowang2010
yenlowang2010
#8 | 18. Jan 2013, 11:52
+1

Interessanter und lesenswerter Blog.

Ich finde es übrigens sehr interessant wie elitär die meisten hier wohl den Kunstbegriff definieren. Einiges von dem, was wir heute als Kunst erachten, war zum Zeitpunkt der Schöpfung durchaus Kitsch, Massenware oder schlichtweg in Mode.

Die Menschen in 500 Jahren werden vielleicht Geschirr von arcoroc im Museum ausstellen und in den Musikhäusern wird "klassische" Musik von Lady Gaga und Tokio Hotel gespielt.

Für mich sind z.B. jetzt schon Spiele wie Dear Esther oder Limbo künstlerisch wertvoll.

Und ein Stück Kulturgut (Alltagskultur) sind Spiele schon lange. Pac-Man, Mario und Lara Croft sind Namen mit denen selbst Nichtspieler etwas anfangen können. Lara wurde gelegentlich auch schon als Ikone der Pop-Art-Kultur bezeichnet.

Ob dies Bestand haben wird, kann nur die Zeit zeigen. Was heute Kunst ist kann in 10 Jahren schon wieder vergessen sein.

Bedauerlicherweise missbraucht aber gerade die Spieleindustrie (und auch die Filmindustrie) den Kunstbegriff häufig für ihre Zwecke um Grenzen zu überschreiten und Taboos zu brechen - die "Kunst" ist ja bekanntlich frei.
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Avatar cptcaps
cptcaps
#9 | 18. Jan 2013, 12:43
So lange Sachen wie ein 3x4 Meter langes rotes Rechteck als "Kunst" bezeichnet werden, ist sogar der Landwirtschaftssimulator ein Meisterwerk ;)
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