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Atemberaubender Teppich

Von sirsims |

Datum: 16.06.2012 | zuletzt geändert: 16.07.2012, 20:42 Uhr


Es folgt ein experimenteller Blogeintrag. Eine Kurzgeschichte.

Eine mit tiefen Falten übersäte Hand liegt auf einer vergoldeten Mahagoni-Armlehne. Der zugehörige Stuhl steht direkt hinter einem noch teureren Schreibtisch.
Während draußen am Himmel fahles Licht vom Mond ins Zimmer geworfen wird, glänzte der Schreibtisch im Licht des Kronleuchters an der Decke und wirft einen Teil des reflektierten Lichtes in das Gesicht des alten Mannes, der im Stuhl hinter dem Schreibtisch sitzt. Das schräge Licht lässt seinen Teint noch faltiger erscheinen.
Jede Einkerbung wirft einen schwarzen Schatten über das gesamte Gesicht – dadurch erinnern die Falten fast an tiefe Narben. An Narben, die der alte Mann tief in seiner Seele trägt. Narben, die seine Augen ausdruckslos nach vorne blicken lassen.

Der gesamte, büro-ähnliche Raum ist mit Gold, Mahagoni und rotem Stoff bedeckt. Die gigantischen Bücherregale, welche sich bis zur Decke erstrecken, schüchterten Besucher in alten Tagen bereits an der Türschwelle ein. Hier regierte eine mächtige Person, die augenscheinlich ganze Berge versetzen konnte und regelmäßig Geld entsorgen musste, um überhaupt noch Platz dafür zu haben. Nun aber saß ein fast lebloser Körper am Ende des Raumes – im thronenden Stuhl. Er saß so da, als hätte man ihm die gesamte Lebenskraft ausgeschöpft. Jahrelang hatte er mit den besten Aktien der Welt gehandelt, hatte sich eine „eiserne Faust“ in Verhandlungen und Verkaufs-Gesprächen antrainiert. Diese warf er mit zornigem Ausdruck in die Höhe, wenn seine Anforderungen nicht erfüllt wurden. Jetzt hängt seine von blauen Adern durchzogene Faust wie ein totes und abgefaultes Gedärm nach unten.
Sein Mundwerk war meilenweit und über Kontinente hinweg für die punktgenaue Wortwahl und die gefürchteten Befehle an Mitarbeiter berüchtigt. Jetzt klappert es nur noch wie das abgefaulte Gebiss eines Skelettes bei jeder Bewegung. Höchstens ein stilles Stöhnen kommt noch heraus. An die Zeiten, als sein Gehirn noch wie ein Höchstleistungsrechner unter ständigem Druck arbeitete, kann er sich schon lange nicht mehr erinnern. Heute ist sein Gehirn nicht mehr als ein nach ausgespucktem Kaugummi aussehendes Etwas, das da in seiner Schädeldecke dahinvegetiert und darauf wartet, abgeschaltet zu werden. Seine linke Hand setzt sich plötzlich in Bewegung und greift nach einer der Schubladen. Die Pupillen bewegen sich während dieser Bewegung langsam nach unten. Beim ersten Griff nach der Schublade, verfehlt er den Knauf, Knöchel schlagen gegen die Holzverkleidung. Ein widerliches Geräusch geben die Knöchel beim Aufprall von sich.

Der Alte verzieht keinen einzigen Muskel in seinem Gesicht. Schmerzen war er mittlerweile gewöhnt. Beim zweiten Anlauf hält er den mit echtem Gold überzogenen Knauf der Schublade in seiner Hand. Er zieht leicht und verhalten daran, bis sich der Inhalt entblößt: Ein 357. Magnum Revolver, der an seinem Griff mit echten Diamanten besetzt ist und dank der Silber-Beschichtung glänzt, als sei er selbst ein Edelstein. Der Alte umklammert den unteren Teil des Revolvers mit seinen knochigen Fingern und führt ihn aus der Schublade heraus. Dann, ohne auch nur für einen Moment zu Zögern, drückt er den Lauf gegen seine Schläfe und schließt die Augen. Ein sanftes Lächeln zeichnet sich auf seinem Gesicht ab. Er schließt die Augen noch fester und drückt schließlich ab. Doch anstatt eines erlösenden Knalls, ist nur ein ernüchterndes Klicken zu hören. Er hält die Augen noch immer geschlossen, zuckt kurz zusammen und drückt erneut. Klick. Seine Hand beginnt zu zittern. Völlig verzweifelt drückt er den Auslöser wieder und wieder. Klick. Klick. Klick. Klick. Klick. Mit einem Mal lässt er seine Hand nach unten sacken.
Der Revolver gleitet aus seinen Fingern und landet auf dem Marmorboden. Er schaut noch eine Weile auf den ungeladenen Revolver am Boden. Dann stützt er sich ohne zu Zögern mit seinen Armen am Schreibtisch ab und steht auf. Seine Beine scheinen verbogen, sein Gang ist unsicher. Plan A ist gescheitert, aber für ihn gab es seit jeher auch einen Plan B – diese Eigenschaft hatte er
nicht verloren. Mit langsamen Schritten bewegt er sich durch den Raum und äugt auf den Kronleuchter in der Mitte. Ein Seil ist daran festgebunden, dieses wiederum endet mit einem engen Galgen. Augenscheinlich hängt der Galgen tief genug, um sich noch mit den Füßen am Boden abzustützen, ohne den Halt zu verlieren. Als der Alte seinen Kopf durch die Schlinge steckt, steht er mit seinen Füßen nicht mehr auf dem Marmorboden, sondern auf dem kleinen, runden Teppichbelag, welcher sich direkt unter dem Kronleuchter befindet. Seine Füße berühren pure Bequemlichkeit:
Der mindestens 15 Zentimeter dicke, rötlich gefärbte Teppichbelag lässt den alten Mann in sich hinein sinken. Seine kahlen Füße tauchen sanft in die seidenen Fasern ab. So, als stünde er plötzlich auf einer Wolke. Seine Augen schließen sich erneut, während auch das wohlige Lächeln auf seinen Lippen zurückkehrt. Seine Füße baumeln nun fast schon bis zu den Knöcheln völlig frei in den weichen Teppichfasern. Ein fester Untergrund ist nicht in Sicht. Das hatte ihm auch der Verkäufer berichtet: Dieser Teppich wird ihre Füße vollständig einhüllen. Während die Schlinge ein tieferes Einsinken in den weichen Traum verhindert, findet der Alte keinen Halt mehr,der Druck des Seils um den Hals wird unerträglich. Höchstens ein dumpfes Röcheln gibt er noch von sich, dann hängen seine Arme bewegungslos nach unten.

Die letzten Gedanken, waren wohl dem Kauf des kleinen Teppichs vor mehr als drei Jahrzehnten gewidmet. Der Verkäufer hatte ihm damals noch versichert, wie atemberaubend dieser Teppich doch sei. „Ja, dieser Teppich ist wirklich atemberaubend!.“ hätte der Alte jetzt wohl gesagt, wenn ihm seine Zunge nicht wie ein abgestorbener Kadaver im Hals hängen würde.

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Avatar Sehnerv
Sehnerv
#1 | 16. Jun 2012, 19:54
Ich schicke gleich mal voraus, dass mir deine Geschichte außerordentlich gefällt. Du beschreibst da sehr eindrucksvoll, warum sich dieser Mann umbringen will. Ein ehemals gesunder, mächtiger Mann, der das Sagen hatte, über seine Angestellten und seinen Körper bestimmte, der ist nun schwach, das Gehirn will auch nicht mehr so richtig, und über andere kann er auch nicht mehr befehlen.
Die Umsetzung seines Plans wirft meiner Meinung nach allergings Fragen auf.
Du beschreibst ihn als einen kraftlosen, zittrigen Greis, der sein Dasein nicht mehr ertragen kann. Er plant also seinen Selbstmord. Aber warum ist die Waffe nicht geladen, oder warum hatte er keine Munition, um sie noch zu laden, und ist es für einen solchen schwachen Tattergreis überhaupt möglich den Abzug zu ziehen? Dann also zu Plan B; dort ist mir auch nicht klar geworden, wie der Alte das Seil eigentlich über den Kronleuchter beschwungen und angebracht hat. Wäre er aufgrund seiner körperlichen Verfassung überhaupt in der Lage gewesen?
Aber auch wenn das für mich nicht logisch klingt, so sind mir diese Ungereimtheiten doch auch egal, denn dazu ist die Geschichte viel zu gut.
Da fällt mir noch etwas ein. Hat der alte Mann diese Vorkehrungen zu seinem erfrühten Ableben etwa noch zu fitteren Seiten vorgenommen? Ach nein, denn wie sollte er den Leuten erklären, warum da ein Strick den Leuchter herunterhängt. Hm...oder hatte er einen Helfer?
Wie auch immer, die Geschichte ist klasse, besonders gefällt mir die Beschreibung des Aussehens des Mannes und der Umgebung, in der er sich befand. Dieses Büro bildet sich ganz genau vor meinem geistigen Auge. Und der kleine Teppich, ich spürte selbst diese seidenen Fasern unter meinen Füßen.
Schön fand ich auch, wie das Erzählte im letzten Abschnitt wieder an die Überschrift anknüpft...der atemberaubende Teppich...während ihm durch die Strangulation die Luft wegbleibt... einfach köstlich.
Jetzt habe ich über Äußerlichkeiten und Stil geschrieben, dabei hat deine Geschichte in meinen Augen auch eine starke Aussage, obwohl ich natürlich nicht weiß, ob das von dir überhaupt so gemeint ist. Aus meiner Sicht heraus bedeutet sie, dass das Leben also an Wert verliert, sobald man alt und krank ist, oder sobald es einem nicht mehr möglich ist produktiv zu sein; bei der Arbeit zum Beispiel.
Auch junge Menschen denken an Selbstmord, obwohl sie körperlich gesund sind. Es kommt wohl immer darauf an, ob man dem Leben, egal wie die eigenen Umstände auch sein mögen, noch etwas positives abgewinnen kann, ob man vielleicht noch gebraucht wird. Ob der Mann in deiner Geschichte Familie hatte wird nicht deutlich, aber ich glaube mit einer Familie im Hintergrund ist es viel schwieriger einen Selbstmord durchzuführen. Man hat immer Gewissensbisse und Sorgen, wenn man sich deren Trauer vor Augen hält. Dann steckt man in einem richtigen Dilemma. Trotzdem, ist das Elend zu groß und schmerzhaft, so gelingt auch irgendwann der Mechanismus des Verdrängens nicht mehr, und man tut, was man tun will. Es gehört meines Erachtens sehr viel Mut dazu sich selbst zu töten, obwohl da ja die Meinungen auseinander gehen.
Zum Abschluß möchte ich noch gerne wissen, ob das Erzählte deiner Fantasie entsprungen ist, oder ob es da einen Bezug zu einem Spiel gibt? Manche hier haben ihren Fokus ja sehr stark auf das Spielen ausgerichtet, und da ich mich da nun nicht soo gut auskenne, weiß ich das natürlich nicht. Oder gibt es sogar einen Bezug zu deinem Leben, falls diese Frage nicht zu aufdringlich ist?
Grüner Daumen von mir. Wie gut manche doch schreiben, ich freue mich jedesmal aufs Neue.
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Avatar sirsims
sirsims
#2 | 16. Jun 2012, 23:34
Zitat von Sehnerv:
Ich schicke gleich mal voraus, dass mir deine Geschichte außerordentlich gefällt.

(....)

Wie gut manche doch schreiben, ich freue mich jedesmal aufs Neue.


Wow.
So etwas hätte ich nun auf keinen Fall erwartet. Was Du hier ablieferst ist ja schon eine ganze Kritik beziehungsweise eine Analyse meiner Geschichte. =)

Es freut mich wirklich sehr, dass Dich meine Kurzgeschichte so beschäftigt hat.
Ich habe sehr lange überlegt, ob ich sie hier überhaupt im GameStar-Blog veröffentlichen soll - aber ich habe es dann einfach mal gemacht. Nun muss ich Dir zuerst einmal sagen, dass ich Deine "Analyse" (wenn man es so nennen kann) echt sehr genial finde und Du hast da über Sachen philosophiert, an die ich nicht einmal gedacht habe, während ich die Kurzgeschichte verfasst habe.

Das Ganze ist mehr oder weniger komplett meiner Fantasie entsprungen, wobei ich mich doch manchmal an eigenen Erfahrungen orientiert habe. Einen Bezug zu einem Spiel gab es nie.
Während ich an der Geschichte geschrieben habe, kamen die Wörter einfach so aus meinem Kopf auf's Papier, besser gesagt auf die Tastatur - wie bereits gesagt: so tiefgründig wie Du habe ich dabei gar nie gedacht. Zumindest nicht bewusst, vielleicht aber unterbewusst.
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Avatar Angelus_lul
Angelus_lul
#3 | 18. Jun 2012, 03:38
Irgendwie hätte ich da gern mehr Absätze drin ..dann wäre es deutlich leichter zu lesen.
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Avatar Cr4sh
Cr4sh
#4 | 18. Jun 2012, 13:06
Ich finde es bis auf die inhaltlichen Fragen auch ziemlich gut, muss allerdings sagen, dass du meiner Meinung nach mit deiner ausdrucksstarken Sprache bei der Beschreibung der Person ziemlich übertrieben hast.
Ein Beispiel:

"Heute ist sein Gehirn nicht mehr als ein nach ausgespucktem Kaugummi aussehendes Etwas, das da in seiner Schädeldecke dahinvegetiert[...]"
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Avatar Sehnerv
Sehnerv
#5 | 18. Jun 2012, 18:27
Zitat von Cr4sh:
Ich finde es bis auf die inhaltlichen Fragen auch ziemlich gut, muss allerdings sagen, dass du meiner Meinung nach mit deiner ausdrucksstarken Sprache bei der Beschreibung der Person ziemlich übertrieben hast.
Ein Beispiel:

"Heute ist sein Gehirn nicht mehr als ein nach ausgespucktem Kaugummi aussehendes Etwas, das da in seiner Schädeldecke dahinvegetiert[...]"


Naja, so streng sehe ich das nicht. Wenn man sich dazu entschlossen hat das rhetorische Stilmittel der Übertreibung zu benutzen, sollte man sich da überhaupt an Grenzen halten? Gibt es da überhaupt Grenzen? Ich meine: Nein.
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