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Jugend und Politik im 21. Jahrhundert, ein Widerspruch

Von slihs |

Datum: 05.05.2013 | zuletzt geändert: 11.07.2013, 21:05 Uhr


Jugend und Politik im 21. Jahrhundert, ein Widerspruch in sich

Eine Ursachenforschung




Nicht ganz 3 Jahre ist es her, dass ich im Zuge der Begeisterung über meine erste Wahl eine damalige Freundin fragte, ob sie schon wählen war. Sie entschied sich dagegen. Wählen sei nicht ihr „Ding“. Mit Erstaunen, Verwunderung und Enttäuschung nahm ich diese Antwort hin. Wobei ganz hingenommen hab ich es nicht, es war damals der Funke der nötig war, um mein politisches Feuer zu entfachen. Doch warum? Warum war das von unseren Eltern erkämpfte Wahlrecht ihr nicht viel Wert?
3 Jahre politischer Nachwuchsarbeit und viele Gespräche später, kann ich eine, so denke ich, durchaus fundierte Antwort auf diese Frage geben.

Der Natur der Sache nach kann es hier keinen singulären Grund geben, es kann auch kein alleiniges Verschulden der Jugend, der restlichen Gesellschaft oder der Politik sein. All das wäre zu kurz gegriffen.


Frieden, Fluch und Segen zugleich

Wie es ein junger Staatssekretär vor kurzem treffend formulierte. Diese Generation ist die erste, welche nicht mehr direkt oder auch indirekt von den Kriegen des letzten Jahrhunderts betroffen ist. Eine Diktatur oder andere Formen der Monokratie und die damit nicht vorhandenen Freiheitsrechte, bei denen ich das Wahlrecht für das wichtigste halte, erlebten wir nicht mehr am eigenen Leib. Dieses Geschenk ist nicht nur Segen sondern auch Fluch zugleich, da wir nicht mehr wissen, was Unfreiheit und eine nicht vorhandene Wahlfreiheit bedeutet. Diese Tatsache, welcher nur durch umfangreicher Bildung und entschiedenem Eintreten der Zivilgesellschaft entgegen getreten werden kann, begünstigt, auch gesamtgesellschaftlich, eine Politik- und Demokratieverdrossenheit. Nicht zu unterschätzen, ist die Gefahr, welche aus einer derartigen gesellschaftlichen Entwicklung hervorgeht.


Wohlstand, Demokratiekiller und Erhalter

Auch mit dem Wohlstand ist es so eine Sache. Er bewahrt uns vor größeren Umbrüchen und damit vor politischen Unruhen, welche in der Weltgeschichte mehrheitlich zu Autokratien geführt haben. Gut zu beobachten ist diese Korrelation zwischen dem Verlust von Wohlstand und dem Untergang der Demokratie in den südlicheren Ländern Europas, speziell in Griechenland. Doch das ist nur die eine Seite der Medaille.

Wohlstand führt unweigerlich auch dazu, dass die Menschen, besonders die Jugend und speziell wenn sie nichts anderes kennt, mit ihrer Situation im Großen und Ganzen derart zufrieden sind, dass eine politische Partizipation, und sei es nur durch den Gang in die Wahlkabine, als Zeitverschwendung und überflüssiger Ballast empfunden wird. Oder wie es meine damalige Freundin bezeichnete, als etwas das einem liegen muss.


Fehlende Einbeziehung, ein selbstgemachtes Problem

Doch eine Politikverdrossenheit unter meiner Generation ist nicht rein auf generelle Zustände zurückzuführen, sie sind zu einem erheblichen Teil hausgemacht. Denn die Demokratie und eine für ihre Überlebensfähigkeit notwendige Partizipation, ist keine reine Hohlschuld des einzelnen Jugendlichen. Sie ist eine Bringschuld der aktuellen Garde.

Jugendliche wollen beteiligt werden, sie wollen mitentscheiden, mitdiskutieren, doch sie wollen dies meiner persönlichen Erfahrung in der Jugendpolitik nach, mehrheitlich nicht in den alten Strukturen in denen sie dann auch noch auf den guten Willen der jeweiligen Mutterpartei im Land oder der Gemeinde angewiesen sind. Aber Partizipation von Jugendlichen ist nur sinnvoll in Themen welche in ihrem Lebensumfeld von relevanz sind, eine Verwaltungsreform fällt gewiss hier nicht darunter. Andere Themen tun dies aber serwohl.

Jegliche Bereiche des Schul- und Universitätswesen, Mobilität, Jugendschutz und Freizeitgestaltung. Das sind Felder der Politik welche jeden Jugendlichen täglich betreffen und dadurch auch Themen in welchen wir mitgestalten und mitdenken möchten. Doch diese Möglichkeit wird uns außerhalb politischer Gremien nicht gegeben, obwohl es Instrumente wie am Fließband gebe, welche genutzt werden könnten, um Jugendliche zumindest teilweise in Fragen wie Gesamtschule, tägliche Turnstunde, Gestaltung von Lehrveranstaltungen oder Mobilität, speziell im Hinblick auf ländliche Gebiete, einzubeziehen. Seien es Befragungen jeglicher Art über jegliche Kanäle oder öffentlichen Diskussionsforen, speziell für kleine Gemeinde eine hervorragende Möglichkeit zur Bürgerbeteiligung, bei jugendrelevanten Themen, diese und viele weitere Möglichkeiten gäbe es.

Gleichzeitig findet auch im politischen Tagesgeschäft der Generationenkonflikt statt. Politiker und deren Parteien wollen gewählt werden, da gilt es sich der Wählerschicht zuzuwenden, welche zurzeit noch den überwiegenden Teil der Stimmen bringt, aktuell ist das noch die Gruppe 65+. Die Parteien werden förmlich versklavt, sich primär dieser Bevölkerungsschicht zuzuwenden, zugleich wählt das gemeine Volk nicht die Parteien die ihnen im Sinne der Solidarität und Verantwortung gegenüber der nächsten Generationen keine Wahlzuckerl geben, noch schlimmer sogar schmerzhafte aber notwendige Reformen ehrlich anspricht und umsetzt. Nein, denn das mit dem Wahlrecht eine Verantwortung einhergeht, haben viele Vergessen. Gewählt wir jemand der vieles verspricht und vieles schenkt.

Solange sich diese Mentalität und die Bevölkerungsstruktur nicht ändert, bleibt Jugendpolitik ein undankbares Pflaster, welches oftmals den Eintritt in den Teufelskreis der politischen Versenkung bedeutet.


Ehrlichkeit, ein nicht mehr vorhandener Wert

Neben dem generellen Verlust und Verfall von Werten wie Freiheit, Verantwortung, Solidarität und Chancengerechtigkeit ist das Fehlen von Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit in der Politik, natürlich nicht bei allen Politikern doch bei erschreckend vielen, der letzte der großen Gründe für Politikverdrossenheit unter Jugendlichen. Vor allem, da sich dieses Krebsgeschwür durch alle etablierten Parteien zieht, selbst bei selbsternannten Saubermännern wie den Grünen.

Dadurch entsteht ein Vertrauensverlust. Jugendliche wollen sich nicht an einer Demokratie beteiligen, in welcher das heute gesagt morgen nicht mehr gilt und Vorschläge welche man selbst vorgebracht hat nicht gelebt werden.


Es ist noch nicht aller Tage Abend

Auch wenn der Status Quo nicht gerade viel Hoffnung versprüht, es gibt auch die guten Beispiele.

Parteiobmänner welche Jugendliche in der Partei Gemeinderatsplätze zum Leidwesen der älteren anvertrauen. Nachwuchspolitiker welche wieder für Werte einstehen. Gerichte die Korruption aktiv bekämpfen. Jugendbeteiligung in kleineren Gemeinden und vieles mehr gibt es bereits, nur leider viel zu selten.

Abraham Lincoln definierte die Demokratie einst als „die Regierung des Volkes durch das Volk für das Volk“. Doch dazu braucht es ein Volk, welches sich der Wichtigkeit der Demokratie bewusst ist und welches gehört wird.

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Avatar Maggus3
Maggus3
#1 | 06. Mai 2013, 09:14
Hach ja, ein Thema über das man stundenlang reden könnte.

Kenne auch genug Jugendliche, die wählen als Zeitverschwendung ansehen. Dort hört man am häufigsten den Grund: "Es ändert sich doch eh nichts". Wenn man ihnen dann versucht zu erklären, warum das so ist, die Punkte hast du oben genannt, wird sich gelangweilt weggedreht.

Es ist schwer zu vermitteln, warum wählen wichtig ist. Da ich Mathenachhilfe gebe, habe ich zumindest die Mathematik auf meiner Seite und kann ihnen erklären, warum "ungültig wählen" besser als "gar nicht wählen" ist.

Und falls einem der Gang zur Urne zu weit ist, gibt es ja auch noch die Briefwahl.



Drei gute Blogs heute morgen gelesen. So kanns weiter gehen.

Hast grün von mir bekommen.
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Avatar Blake90ification
Blake90ification
#2 | 09. Mai 2013, 22:03
Super Blog, hab ich deine Erlaubnis den in unserem Politik-Unterricht einzubringen (9. Klasse)?
Hab zwar wenig Hoffnung dass sich irgendwas am Verhalten meiner Mitschüler insgesamt gegenüber Politik verändert (Langweilig, Da setzen sich doch schon genug andere mit auseinander, usw), aber vielleicht begreift der eine oder andere ja doch noch, dass Politik ein wesentlicher Bestandteil unseres Lebens ist und sich jeder damit auseinandersetzen sollte
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Avatar slihs
slihs
#3 | 10. Mai 2013, 11:10
Zitat von Blake90ification:
Super Blog, hab ich deine Erlaubnis den in unserem Politik-Unterricht einzubringen (9. Klasse)?
Hab zwar wenig Hoffnung dass sich irgendwas am Verhalten meiner Mitschüler insgesamt gegenüber Politik verändert (Langweilig, Da setzen sich doch schon genug andere mit auseinander, usw), aber vielleicht begreift der eine oder andere ja doch noch, dass Politik ein wesentlicher Bestandteil unseres Lebens ist und sich jeder damit auseinandersetzen sollte


Natürlich darfst du den Blog verwenden :)
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Avatar Yeager
Yeager
#4 | 15. Mai 2013, 10:24
Mentalität - dieser Wert fehlt vielleicht noch in deiner Ursachenforschung.

Ich hatte schon immer den Eindruck, dass es in versch. Ländern - nicht nur geschichtsbedingt - eine unterschiedliche, graduell oder in Tendenzen auftretende Mentalität gibt, eine gefühlte Massen-Welt, die eine Art Gruppenzwang oder kollektive Stimmung erzeugt.
Ob diese auf wie auch immer gearteten objektiven Realitäten fusst oder eine Form von kollektivem Selbstbetrug darstellt, mag ich nicht beurteilen.
Dieser Gedanke gefällt mir einerseits nicht, da er ein Sprungbrett für Rassismus darstellt, hat andererseits aber auch viel mit Identitäten - was sie sind, woher sie kommen, was wir aus ihnen machen - zu tun.

Die hiesige ist eine passive, naiv-vertrauende und desinteressierte. Fast schon (wieder) obrigkeitshörige.
Oder wie es Grönemeyer schon in einem seiner Songs zum Ausdruck gebracht hat: "Wir werden gern regiert".

Typisch hierfür sind Sätze wie:
"Die da oben machen das schon" oder
"Man kann es ja doch nicht ändern".

Diese Mentalität wird noch durch die bereits von dir genannten Faktoren verstärkt, vielleicht sogar zum Teil erzeugt (Wer war zuerst da, Huhn oder Ei?) so dass sich ein regelrechter Kreislauf der Selbstverstärkung bildet.

In diesem Zusammenhang leisten gerade Wahlmeinungsforschungsinstitute der vermeintlich freien Gesellschaft einen Bärendienst.
Ich habe eine Menge Leute kennen gelernt, die eine Partei nur deswegen nicht wählen, weil sie ihr durch die vom Institut dargestellten Tendenzen keine Chance einräumen und nicht wollen, dass ihre Stimme "verloren" ist.

Doch genau dadurch geht sie verloren.
Demokratie und Individualismus?
Vive la difference? (frz: Es lebe die Unterschiedlichkeit)
Freiheit?

Das Gegenteil ist der Fall.

Es hiess schon zu Schulzeiten immer, dass eine niedrige Wahlbeteiligung extremistischen Parteien Vorschub leisten würde.
Das mag sein.

Aber ich würde noch hinzufügen bzw. widersprechen:

Eine niedrige Wahlbeteiligung sichert das Etablissement.

Was widerum tief blicken lässt.
Denn man erkennt daran, wer von der bezeichneten Mentalität am meisten profitiert - und ergo den geringsten Nutzen hat, etwas daran geändert zu sehen.
Somit verhalten sich selbst unpolitisch eingestellte Menschen auf eine indirekte Art und Weise durchaus sehr politisch-manipulativ.
Nur nicht im Sinne des Erfinders.
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Avatar taznet
taznet
#5 | 19. Mai 2013, 10:37
Ich freue mich sehr, diesen Beitrag gefunden zu haben! Im allgemeinen Sinne bin ich eher einer der politischen Muffel. Aber das Wahlrecht ist für mich heilig und meine Stimme nutze ich immer. Wir stehen hier in Schleswig-Holstein gerade vor einer Kommunalwahl. Und hier bin ich mit einigen Leuten ins Gespräch gekommen. Die Themen sind hier natürlich sehr lokal, aber gerade diese Tatsache hat mich angesprochen. Also kann man hier mit seiner Stimme doch etwas verändern.
Außerdem möchte ich noch eine Lanze für das Ehrenamt brechen. Ähnlich wie du es für das politische Interesse unserer Gesellschaft anführst (und ich beziehe mich hier nicht nur auf die Jugend), verhält es sich eben auch mit dem Ehrenamt. Wenn jeder Bürger unseres schönen Landes nur ein Ehrenamt gemäß seiner Interessen ausüben würde, was hätten wir für eine gut ausgeprägte kulturelle, politische und mitmenschlichere Gesellschaft. Jeder an seinem Platz kann eine Menge bewegen.
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