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Volksbefragung zur Wehrpflicht

Von slihs |

Datum: 10.09.2012 | zuletzt geändert: 17.11.2012, 23:09 Uhr


Liebe Community,

Heute widme ich mich einem aktuellen, nicht gamingtechnischem, Thema.
Nach jahrelangem Streiten und Stillstand zwischen ÖVP und SPÖ über die Zukunft des Österreichischen Bundesheeres und des Zivildienstes, übergibt man diese Entscheidung nun dem Volk, welches am 20. Jänner 2013 darüber Abstimmen darf.

Als aktuell Zivildienstleistenter, im Behindertenpflegebereich, möchte ich nun meine Meinung zu diesem doch sehr wichtigen Thema kundtun und euch einen Blick auf diese Frage aus der Sicht eines "Zivis" geben.


Die Aufgaben eines zukünftigen Heeres:

Der kalte Krieg und dessen Nachwehen sind vorbei, Österreich ist umgeben von freundlich gesinnten Ländern und die moderne Kriegsführung hat sich komplett verändert.
Was sind die Aufgaben eines zukünftigen Heeres und brauche ich dafür noch Grundwehrdiener?

Meiner Meinung nach sollte ein Heer der Zukunft aus 3 Hauptstützen bestehen:

1. Berufssoldaten für Auslandseinsätze im Rahmen von UNO-Mandaten (Golan, Ex-Jugoslavien, Tschad,...)
2. IT-Experten für zukünftige Cyberwars.
3. Miliz- und Berufssoldaten für Kathastropheneinsätze (Pioniere) und Sicherungsaufgaben.


Um zu verstehen wieso meiner Meinung nach Grundwehrdiener für diese Aufgaben nicht notwendig sind ein paar Zahlen aus dem Jahr 2010.

Im Jahr 2010 verfügte das österreichische Bundesheer über 55.000 einsetzbare Soldaten.
Davon sind 16500 Berufssoldaten und die Miliz, die als ständige Reserve jederzeit einberufen werden kann, umfasst rund 27.000 Soldaten. Lediglich ca. 11.500 Grundwehrdiener waren 2010 Teil der Streitkräfte.

Um auch weitere Argumente zu verstehen, sollte man sich kurz vor Augen führen, wie die Ausbildung der Grundwehrdiener vonstattengeht.
Österreichische Wehrdienstleistende sind insgesamt 6 Monate beim Heer. In diesem 6 Monaten muss jeder 6 Wochen Grundausbildung bestreiten, teil dieser 6 Wochen ist auch das Waffentraining. Nach diesen 6 Wochen arbeiten 50 % der Wehrpflichtigen in sogenannten Systemerhalterjobs! Als Küchenhilfe, Schreibkraft, ect..! Diese Soldaten haben nach den 6 Wochen Grundwehrtraining nie wieder eine Waffe in der Hand!

Pflücken wir also nun die Argumente der Wehrpflicht-Befürworter etwas auseinander.


Argument 1: Es gäbe zu wenige Berufssoldaten für die notwendigen Aufgaben des Heeres.

Aktuell befinden sich 1412 Soldaten (http://www.bmlv.gv.at/ausle/zahlen.shtml) des Bundesheeres in Auslandseinsätzen. Also befinden sich nur 8,5 % der Berufssoldaten aktuell im Einsatz! Und hier soll ein Engpass durch das Wegfallen der Wehrpflichtigen entstehen?

Und auch falls es zu größeren Kampfhandlungen, was extrem unwahrscheinlich ist, mit anderen Ländern kommt stehen also 43500 Soldaten zur Verfügung welche entweder Berufssoldaten sind oder über die Miliz an regelmäßigen Übungen teilnehmen. Also wirklich einsatzfähig sind!
Denn Leute, Hand aufs Herz! Glaubt irgendwer ein Grundwehrdiener der 6 Wochen in seinem Leben eine Waffe in der Hand hatte, ist wirklich im Kampfeinsatz brauchbar?


Argument 2: Der Katastrophenschutz braucht die Grundwehrdiener

Die Aufgaben des Katastrophenschutzes liegen dem Gesetz nach in den Händen der Feuerwehren und Rettungsdiensten, wo aktuell ca. 550.000 Österreicher teils beruflich, teils ehrenamtlich, Dienst leisten.
Daten des Innenministeriums belegen. dass in den letzten 5 Jahren lediglich 1400 Soldaten zur Unterstützung im Katastrophenschutz Dienst geleistet haben.

Wieder Vergleich:
43500 Berufs- und Milizsoldaten, jederzeit einberufbar innerhalb von 48 Stunden
1400 Soldaten im Kathastrophenschutz eingesetzt (2007-2012).

Selbst beim Jahrhunderthochwasser 2002 kamen "nur" ca. 10.000 Soldaten zum Einsatz. Vergleiche mit weiter oben.


Argument 3: Ein Berufsheer ist der Abbau der Demokratie

Diese Argumentation kann ich am wenigsten verstehen. Das österreichische Bundesheer unterliegt noch immer dem Befehl des demokratisch gewählten Bundespräsidenten, welcher ohne eine Zustimmung des Parlamentes (2/3 Mehrheit notwendig) keine Kampfhandlungen des Bundesheeres befehlen kann.
Also wo wird hier bitte durch ein Berufsheer die Demokratie untergraben?


Die Zukunft des Zivildienstes

Seit mittlerweile 3 Monaten leiste ich nun in einem betreuten Wohnhaus für Behinderte meinen Zivildienst, zu einem Stundenlohn von 1,74 €. Damit gehöre ich zu den ca. 13500 Zivildienstleistenden in Österreich.

Sofort nach dem Ankündigen der Volksbefragung, gab es Kritik der beiden größten Trägerorganisatoren, dem Roten Kreuz und dem Samariterbund. "Ohne die Zilvidiener sei es nicht mehr möglich innerhalb von 10 Minuten am Einsatzort zu sein, die Gesellschaft muss sich also mit Wartezeiten von 30 und mehr Minuten abfinden", so der Präsident des Roten Kreuzes Oberösterreich Dr. Walter Aichinger.

Für das Sozialsystem sind wir Zivildiener also notwendige, und vor allem billige Arbeitskräfte! Ohne uns wäre das österreichische Sozialsystem in der aktuellen breiten Aufstellung nicht mehr erhaltbar, also leisten Zivildiener hier durchaus einen wichtigen Dienst für die Gesellschaft, was man von Grundwehrdienern nicht gerade sagen kann.
Doch wieso wehren sich die Trägerorganisationen gegen ein freiwilliges soziales Jahr, obwohl die Erfahrungen aus Deutschland durchaus positiv sind.

Dazu ein kleines Rechenbeispiel:
Ich verdiene 520 € im Monat. Darin enthalten sind 300 € Grundvergütung welche vom Innenministerium bezahlt werden. Also kostet ein "Zivi" der Trägereinrichtung ca. 220 € im Monat. Der Kollektivvertrag, und damit der wahrscheinliche Grundverdienst im freiwilligen sozialen Jahr, beträgt 1400 € Brutto (14-mal im Jahr).

Also kostet diese 1 Person so viel wie 6-7 "Zivis". Die "Zivis" machen sich also vor allem in der Bilanz der Trägereinrichtungen gut.


Fazit

Ich halte die Wehrpflicht für ein Relikt des Kalten Krieges und damit für überflüssig im 21. Jahrhundert. Jedoch erschwert sich meine Entscheidung durch die Tatsache das der Zivildienst wegfallen wurde, welche auf jeden Fall sinnvoll ist und ein gute Erfahrung für alle junge Menschen. Auch für Frauen!

Ich hoffe ich konnte euch etwas bei euer Entscheidung helfen.

MFG
Slihs

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Avatar Cr4sh
Cr4sh
#1 | 10. Sep 2012, 18:00
Heyho,

über die österreichische Wehrpflicht kann ich nichts aussagen, wohl aber über die deutsche. Ich habe zu meinen GWDL-Zeiten (9 Monate) schon gemeint, dass eine reine Berufsarmee besser wäre. Durch den Stellenabbau wären die Soldaten bei insgesamt weniger Ausgaben besser gerüstet. Und die Auslandseinsätze, die ja derzeit die einzigen Kampfhandlungen der Bundeswehr bilden, brauchen keine GWDL.

Klar, der soziale Teil der Wirtschaft hat garantiert unter dem Wegfallen der Zivis gelitten, allerdings wurde der Bundesfreiwilligendienst wohl besser von den jungen Erwachsenen angenommen als erwartet. Wenn man diesen BuFDi z.B. an erhöhtes und verlängertes BaFöG im Studium oder in der Ausbildung koppeln würde, wäre die Nachfrage sicher noch höher.
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Avatar Aye, aye, Sir!
Aye, aye, Sir!
#2 | 10. Sep 2012, 20:43
Ich bin ja eigentlich dafür, den Zivildienst abzuschaffen.
Im Heer lernt man wenigstens Disziplin: http://www.youtube.com/watch?v=ol5Dfs7jqFI
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Avatar matthia5i
matthia5i
#3 | 10. Sep 2012, 22:07
Da kann ich dir als ehemaliger Zivi (im Altenpflegebereich) nur zu 100% zustimmen :-)

Das waren 12 wertvolle Monate, in denen ich viel über das Leben gelernt habe. Im Gegensatz dazu konnten meine Kollegen, welche sich wegen der Kürze für das BH entschieden haben, nicht wirklich sagen was sie die ganzen Monate eigentlich getan haben. ;-)
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Avatar Clawhammer
Clawhammer
#4 | 11. Sep 2012, 10:06
Ich hab mich ganz normal damals gemeldet zum Wehrdienst. Hab mir gedacht für 9 Monate kannst dich dort gut in Form bringen lassen und dann weiter mit Ausbildung.

Blöd nur das sich die Bundeswehr erst kurz vor beginn meiner Ausbildung gemeldet hat. Kurzum ich gammelte 9 Monate zuhause rum, hab dann die Ausbildung angefangen, die chance wollte ich mir nicht entgehen lassen und nun arbeite ich hier :)
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Avatar Sadmod
Sadmod
#5 | 11. Sep 2012, 20:58
Als weiterer Kritikpunkt wäre zu nennen, dass es einfach "verarschend" ist wenn man als Mann Zivil/Wehrdienst machen muss während die weiblichen bekannten keine solchen Verpflichtungen haben.

Sexismus funktioniert halt in beide Richtungen -.-
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Avatar Skyhaster
Skyhaster
#6 | 11. Sep 2012, 21:23
Sehr gut argumentiert. Bei uns in D gibts ja nun den Bundesfreiwilligendienst als Ersatz. Endlich das Relikt des kalten Krieges abgeschafft, dass real nurnoch zur Aufrechterhaltung des Gesundheitssystems durch Zivis diente und ne Menge Kohle verschlang. Nun wird überall nach Fsj'lern und freiwilligen geschrien :D

Welcher von den Knirpsen wäre bitte noch Einsatzfähig, wenn neben ihm der Kopf seines besten Kumpels zerplatzt? Nur Kanonenfutter im Zweifelsfall. Eine gut ausgerüstetes kleines Heer aus trainierten Profis ist da schon sinnvoller.

...Ich hab übrigens Widerspruch eingelegt, weil ich diese unentschuldbare Hirnwichse nicht mitmachen wollte.

lol - ich hab als FSJ'ler 1,90 € /8h bekommen für die Rundum Betreuung Schwerstpflegebedürftiger. Ich will nicht meckern, schließlich wollte ich es ja so. Aber man merkt schon, wie wenig einem der Einsatz (monetär gesehen)gedankt wird. Der GAng zum Kardiologen wegen der Stresssymptomatik war gratis mit drin :D Noch nicht mal ein Mittagessen frei war drin. Was für ein Armutszeugnis. Zivis waren da schon mit beträchlich größeren Rechten ausgestattet... Ich habe diese jedenfalls teilweise dafür beneidet...
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Avatar Tsabotavoc
Tsabotavoc
#7 | 11. Sep 2012, 22:55
Sagen wirs mal so: Wenn wirklich einer unser Regierenden glauben sollte das ich mir auch nur einen Kratzer für dieses Land einfang dann sind die noch viel dümmer als ich befürchtet habe.

Sollte es keine Wehrdienstbefreiung geben so finde ich das auch Frauen zum Zug kommen sollten mit einem sozialen Jahr. Gleichberechtigung funktioniert auch in die andere Richtung.

PS: Ich denke wenn es bei uns wirklich zum Schlimmsten kommt würden 70-80% desertieren. Und das ist eine optimistische Schätzung.
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Avatar Cr4sh
Cr4sh
#8 | 12. Sep 2012, 01:32
Zitat von Tsabotavoc:
PS: Ich denke wenn es bei uns wirklich zum Schlimmsten kommt würden 70-80% desertieren. Und das ist eine optimistische Schätzung.


Das sagen sie alle, aber es werden ja wohl kaum alle Menschen aus dem Land 'desertieren' können. Und um die eigene Familie zu schützen, würde ich schon die Rübe hinhalten und wenn nötig auch töten, denke ich. Nur wenn man Egomane ist, sollte man diese Überlegung nicht haben. Immerhin gab es in jedem Krieg von allen Seiten Vergewaltigungen, Raubzüge, Brandschatzungen etc. Was bringt dich dazu zu denken, das wäre heute nicht mehr so?

Klar ist es nicht sehr wahrscheinlich, dass ein europäisches Kernland von Krieg überzogen wird. Das haben die Menschen um 1900 aber vielleicht auch gedacht. Oder die Afghanen, Iraker etc. Irgendwann wird es sicherlich auch hier wieder Krieg geben.

Sorry für dieses etwas düstere Weltbild. Ich hoffe ehrlich gesagt, dass sich im Ernstfall eher noch Zivis etc. freiwillig melden würden als dass Soldaten der passiven Reserve, die immerhin ein Gelöbnis abgelegt haben, desertieren.
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Avatar _Freiherr_
_Freiherr_
#9 | 13. Sep 2012, 12:22
Das hier jetzt Meinungen auseinander gehen, dürfte wohl klar sein.
Ich als früherer Grundwehrdiener kann die Abschaffung der Wehrpflicht nicht zustimmen.
Warum?
Weil man zum einen in der Ausbildung Disziplin, Anstand, Respekt gegenüber Vorgesetzten (im zivilen Leben durchaus wichtig) und das wichtigste von allem --> Kameradschaft lernt.
Wer bitteschön kümmert sich tatsächlich um den unmittelbaren Menschen neben ihn?
Großteils niemand.
Als Soldat lernst du wenigstens das Grundvertrauen in den Menschen neben dir zu setzen, auch wenn die Situation eine andere ist.

Fazit:
Als Zivildiener kann man das kaum bis garnicht nachvollziehen, ich weiß.
Aber wie gesagt --> Meinungen gehen da auseinander.
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Avatar Bethoniel
Bethoniel
#10 | 13. Sep 2012, 12:57
Zitat von _Freiherr_:

Weil man zum einen in der Ausbildung Disziplin, Anstand, Respekt gegenüber Vorgesetzten (im zivilen Leben durchaus wichtig) und das wichtigste von allem --> Kameradschaft lernt.

Gerade so Dinge wie Disziplin, Anstand und Respekt anderen gegenüber sollte man aber nicht erst durch den Wehrdienst lernen. Das zu vermitteln ist Aufgabe der Eltern, und nicht irgendeiner Staatlichen Institution. Davon abgesehen ist es im Berufsleben, gerade bei den von dir genannten Vorgesetzten, viel wichtiger zu lernen das aufgetragene zu hinterfragen und aktiv einzuschreiten wenn Vorgesetzte die Falschen Entscheidungen treffen, und das ist etwas was man in einer militärischen Ausbildung mit Sicherheit nicht lernt.
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