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Denglische Wochen

Von TheVG |

Datum: 25.03.2013 | zuletzt geändert: 03.06.2013, 20:51 Uhr


„Hey, ich bin mitten in der Map gespawnt, yeah! Jetzt kann ich grinden und farme mal nach dem Plus-Five-Sword.“

„Hör mal auf zu campen und adde mich im Steam, du Noob. Epic fail! Geh´ mal rushen. Woot, das war´n Headshot!”

“GZ, stfu, flamer!”




(Anmerkung: Bitte seht es mir nach, wenn die oberen Zitate eventuell keinen Realitätsbezug oder Anspruch auf richtige Aussprache haben.)



Geil, da lernt man 10 Jahre die deutsche Sprache in der Schule (darüber hinaus natürlich von Geburt an von Hause aus), nimmt das auch voll ernst, um sich dann im gestandenen Alter in einem Multiplayer-Spiel sowas anzusehen. So viel an Hieroglyphen, und ich kam mir vor, als hätte ich mich in Gizeh einem Altägyptisch-Kurs angeschlossen. Dem Umstand gedankt, dass mein Interesse an MP-Shootern etwas spät vonstatten ging, kann man sich ja in zweierlei Weise an ein solch unterschiedliches Spieleerlebnis heranwagen. Entweder man schert sich nicht um Buchstaben und konzentriert sich auf das Spielen selbst, oder man erkennt den Spielerauflauf an und versucht, da Anschluss zu finden.

Zweites setzt aber auch voraus, dass man sich ein bisschen in der Gamersprache auskennt und diese einzusetzen weiß. Da haben sich nämlich Ausdrücke durchgesetzt, die basierend auf gängigen Spielausdrücken ein bisschen verselbstständigt haben. Nun sollte auch erwähnt werden, wie sich die Sprache der Jugend entwickelt hat. Nichts mehr erinnert mehr an unsere eigens angewendeten Ausdrücke wie „geil“, „knorke“ oder das damals Höchste an Anglizismus: „cool“. Nimmt man die oberen Beispielsätze als Anhaltspunkt, passiert dem Späteinsteiger das Unvermeidliche – er fühlt sich wie im Kongress der Sprachwissenschaften.



Die Kunst der Fingerfertigkeiten

Da wird also mit Abkürzungen nur so um sich geschmissen, deutsche Wörter schlicht mit dem englischen Pendant überstrichen oder die „fachlichen“ Ausdrücke ins Sprachrepertoire übernommen. Nun kann nur noch eine ausführliche Einarbeitung dafür sorgen, sich in dem Wulst aus Wortfetzen und Buchstabendschungel zurecht zu finden. Uneingeweihte, die das Ausmaß der Sprachentwicklung wenigstens erahnen, würden sogar in einem „wwwwaaaaaaaaaassssssaaassddddddd“ einen Ausdruck von Erstaunen oder Ärger erkennen (vielleicht sowas wie „Was das denn???“) , aber dass derjenige nur fälschlicherweise die Chat-Taste gedrückt hatte, erklärt sich erst, wenn man denselben Fehler begeht (und keine Lust hat, die Backspace-Taste zu benutzen).

Nun kommt irgendwann einmal der Punkt, an dem man sich sogar beides angeeignet hat: Spielen und schreiben. Wer regelmäßig auf seinem Stammserver oder sonstwie unterwegs ist und sich erste Bekanntschaften angelacht (oder eher: geskillt) hat, hat es eben in sich drin, dieses Schreibgen, das bei Neulingen für Verwirrungen sorgt. Das hat durchaus seinen Sinn, so zu verfahren und Abkürzungen sowie englische Parallelausdrücke zu nutzen. Es drückt in kürzester Zeit meine Emotionen aus, ist die bequeme und praktische Variante, sich in dieser dualen Welt zu Wort zu melden, ohne dass man seinem Gesprächspartner vor den Kopf stößt, weil man keine unnötige Zeit für ganze Sätze verschwenden muss.



Gamer im Kino

Jetzt ist das rein spieleexklusiv zu betrachten, wenn man sich in diesem Ablauf ohne Probleme bewegen kann. Aber, und das ist das kuriose daran, transportieren nicht wenige dieses Sprachgewächs ungesehens in die reale Welt. Kleines Beispiel: Wir saßen im Kino und schauten uns „Die Abenteuer von Tim und Struppi“ an, und wegen des Filmes selbst saß ein sehr gemischtes Publikum drin. Wir Mittdreißiger, ältere Tim und Struppi-Fans, aber auch ein paar ca. 10-jährige, die auch gerade mal zwei Sitze weg von uns Platz genommen hatten. Nun kamen auch die Szenen, die actionlastig waren und auch ein paar Gags eingebaut hatten. Ihr könnt Euch denken, was jetzt kommt: Die Kids bewerteten die Gags mit einem lauten „LOL!“, „ROFL!“, und als Haddock den leeren Flugzeugtank mit seiner Alkoholfahne wieder zum Laufen brachte, schrie gar jemand „What the fuck??“. Was natürlich weiter oben im Kinosaal mit einem unverständlichen Gelächter kommentiert wurde. Ich selbst konnte nur noch „Sind wir hier bei Call of Duty?“ von mir geben, was die Jungs mit einem erstaunten Seitenblick beantworteten.

„Aha“, dachte ich da. Nicht mal in der Pubertät und wahrscheinlich schon hunderte Stunden in CoD verbracht. Leider bestätigen solche Vorfälle das Unding, dass man auf Servern immer wieder den Voicechat ertragen muss, in dem sich quiekige Kinderstimmen als Spieler offenbaren. Nun darf ich mich ja ein bisschen fragen, wie diese sich an diese Sprache gewöhnt haben und ob sie überhaupt die englische Sprache, die sie so locker in ihren Wortschatz übernehmen, auch zu deuten wissen. Ich selbst habe das normale Schulenglisch gelernt und auch im Alltag ausgebaut, weil ich viel mit Amis und Engländern zu tun hatte. Ich verstehe noch lange nicht alles, was im Originalton eines Hollywoodfilms gesprochen wird, aber ich kann der Handlung ohne Probleme folgen Lustigerweise ist der Trend, sich Filme im OT anzugucken, immer beliebter geworden, weil es im Deutschen „nicht so intensiv“ klinge. Jetzt komme ich mir oberflächlich betrachtet schon richtig doof vor. Ich setze irgendwie voraus, dass ich mit meinem Schul- und Alltagsenglisch plötzlich weniger verstehe als diese Deutsche-Filmversion-Verweigerer. Aber, und da hänge ich mich noch ein wenig dran auf, ich bin der Annahme verpflichtet, dass nicht alle den Sinn der Sätze erfassen, die da gesprochen werden. Nicht jeder Film hat eine Sprache inne, die klar und deutlich ist, da nuscheln manche Schauspieler so in den Raum hinein, dass man nicht nur am Kontext der Worte zweifelt, sondern es auch eine rein akustische Angelegenheit ist. Trotzdem werden solche Originalaudiospuren lieber gehört als die germanische. Nimmt man das zugrunde, kann ich mir nicht vorstellen, dass viele überhaupt verstanden haben, was da gebrabbelt wird (zumindest ohne Zuschaltung von Untertiteln). Da erklärt sich mir auch die Anwendung der Mischsprache, nämlich Denglisch.


„Guten Morgen, Mr. CEO, die Human Recources Managerin ist gerade out of office.“

Ok, jetzt waren wir bei Spielen und Filmen, mittlerweile sollte auch mal der Umstand mit ins Gespräch gebracht werden, dass vor allem große Unternehmen sich der englischen Sprache bedienen. Jetzt ist es natürlich, dass man sich mit Ausländern generell in einer allgemeinen Weltsprache unterhält. Wenn in unserer Firma ein Inder anruft, um einen Auftrag zu übermitteln, erwarten wir ja nicht, dass der deutsch kann, und der nicht, dass wir indisch beherrschen – also wird natürlich englisch geredet. Das ist selbstverständlich, da wird wohl niemand was gegen sagen können oder wollen. Zum Glück ist in unserer Firma aber nicht das eingetreten, das mittlerweile in anderen Großunternehmen gang und gäbe ist. Da werden gar Bewerbungsanfragen in Englisch verfasst und in ein sehr abgestecktes Businesskleid gesteckt, oder – und das wirkt wirklich abstrakt – wieder ein Mischjargon kreiert. Da ist dann die Timeline zu beachten. Was früher der Auftrag war, ist heute das Ticket. Der Chef ist nun der CEO, und die Personalabteilung sorgt sich heute um die Human Resources. Nun habe ich mal in einem Englisch-Kurs vernommen gehabt, dass die amerikanischen Bezeichnungen bei Personen keine Titel sind, sondern eher eine Art Funktionsbeschreibung. Der Herr Direktor ist eben kein Director, weil man ihm diese feste Bezeichnung nicht gibt. Es ist halt nur das, was der Mister so tut. Soll wohl assoziieren, dass der Assistant Game Director genau so eine Hanswurst ist wie der Facility Manager.

Alles wurde hierzulande natürlich schön nach amerikanischem Vorbild gestrickt. Hier stelle ich mir auch spätestens die Frage, inwiefern wir unsere eigene lokale Identität zugunsten der Globalisierung opfern. Man sollte eigentlich mal die „Verursacher“ selbst fragen, die uns so weit gebracht haben. Wie schon erwähnt habe ich mich schon viel mit Amis abgegeben, vor allem mit zeitweise hier stationierten. Einfach aus purer Neugier fragte ich mal nach, was ihnen denn so an Deutschland aufgefallen ist. Die meisten antworteten mit einer wahren Überraschung: Sie wunderten sich, warum im Radio wenig deutsche Musik läuft und eher ihre eigene. Wer zu diesem Zeitpunkt einen Golfball zur Hand gehabt hätte, hätte ihn mir ohne Probleme zwischen die Kauleisten werfen können, so weit stand meine Kinnlade offen. Ich habe ja was erwartet wie unsere Bauwerke oder das Essen, aber nicht sowas. Im Umkehrschluss heißt das auch, dass der allgemeine Durchschnittsyankee keine bewusste Exportierung ihrer Kultur erwartet oder fördert. Das bedeutet ebenfalls, dass wir uns schon selbst der Weltmacht als Opferlamm anbieten. Und – und das ist das schlimmste daran – wir entledigen uns regelrecht unserer moralischen, politischen, persönlichen und viellleicht religiösen Identität. Es heißt zwar, dass man sich Neuem gegenüber nicht verschließen sollte, aber gleich das Scheunentor aufreißen? Naja, so kommt eben auch viel Ungeziefer rein. Und, wenn man das Titel-/Funktionsprinzip zugrunde legt, kann das bei uns sogar zu Missverständnissen und falschen Hierachiegedanken führen.



When it´s done

Okay, das waren mal ein paar Fallbeispiele und auch ein wenig darüber hinaus, nennen wir es mal Brainstorming oder Thinktanks. Nun muss ich schon zugeben, dass mir selbst die Lernmethoden der Jugend nicht mehr geläufig sind. Ich nehme aber trotzdem noch an, dass sich vieles, was sie sich da an Anglizismen angewöhnen, eher der Gruppendynamik – sprich: dem Leben selbst – geschuldet ist anstatt wahrem Fremdsprachenpauken. Es hat sich schlicht verselbstständligt. Man adaptiert, man passt sich an, man verschwindet in der Masse. Eigentlich schade ist das, weil es Fortschritt, also das Fortschreiten, und somit das Bild der Scheunentore zu sehr annimmt und das Alte mit einem herablassenden Blick zurücklässt. Aber selbst, wenn ich mir in sprachlicher Hinsicht immer mehr wie ein Aussiedler vorkomme – ich hoffe, dass man mich noch versteht, wenn ich mal etwas „geil“ finde.

Erschienen auf maggus-desire.de

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Avatar Takamisakari
Takamisakari
#1 | 25. Mrz 2013, 09:36
Selbst der Duden macht von der "Denglisierung" (^^) nicht halt. Nachfolgenden Link habe ich "gegoogelt" (eingedeutschtes Wort!).
http://sprachkreis-deutsch.ch/2011/08/02/e nglisch-gehort-nicht-in-den-duden/
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Avatar Maggus3
Maggus3
#2 | 25. Mrz 2013, 17:44
Sehr schöner Blog zu einem Thema, das mir des öfteren die Tränen in die Augen treibt, wenn diverse Jugendliche auf einmal irgendwas labern.

Was jedoch die Filme anbelangt:
Auch ich gehöre zu der Sorte Zuschauer, die, wenn es möglich ist - sprich: ich alleine schaue ;) - Filme auf Englisch sieht.

Jetzt weniger wegen der Synchro, denn die ist ja bei Filmen im Gegensatz zu Spielen meistens super. Nein. In der deutschen Synchro fehlen die Akzente.

Ein Schotte hat gefälligst auch so zu reden. Und ein Wissenschaftler der Kanadisch spricht - siehe McKay von Stargate Atlantis - klingt gleich viel hochnäsiger und arroganter, wenn er das in seiner Landessprache tut.

Das trägt einfach viel zur Atmosphäre bei. Und von Spielen will ich hier erst gar nicht anfangen, wenn ich nur an Nora Tschirner und ihre emotionslose Ausdrucksweise in Tomb Raider denke...
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Avatar Cr4sh
Cr4sh
#3 | 26. Mrz 2013, 09:10
Sehr guter Blog. Vielleicht magst du ja das Thema der Kulturvermischung noch etwas näher beleuchten? Da ist noch längst nicht alles gesagt.
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Avatar SchwerdtelFan316
SchwerdtelFan316
#4 | 26. Mrz 2013, 09:29
Wo kann ich unterschreiben? Sensationeller Beitrag!
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Avatar TheVG
TheVG
#5 | 26. Mrz 2013, 10:58
Zitat von Cr4sh:
Sehr guter Blog. Vielleicht magst du ja das Thema der Kulturvermischung noch etwas näher beleuchten? Da ist noch längst nicht alles gesagt.


Kannst du mal konkretisieren, welche Punkte du meinst? Natürlich ist da nicht alles gesagt, öfter gehen die Blogs ja auch nur meinen Gedankengang mit ;)

@alle: Danke :)
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