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Die Ärzte - 14.07.13, Bietigheim-Bissingen, Festpl. a. Viad.

Von TheVG |

Datum: 15.07.2013 | zuletzt geändert: 19.07.2013, 23:15 Uhr


Eine kleine Fotogalerie könnt Ihr hier anschauen

Der Kreis schließt sich.

Es ist schon Dekaden her, da wurde ich unfreiwillig Zeuge einer schrägen Musikrichtung, die meine Cousins im zarten Alter von 9 bzw. 10 Jahren laufen ließen und sich daran diebisch erfreut hatten. Auch ich als "kleiner" Cousin war im Alter von 6 irgendwie fasziniert von diesem kindisch angehauchten Punkgeschredder, der - so erfuhr ich später, als die Toten Hosen meinen musikalischen Werdegang zementierten - eigentlich mehr Rock als Punk sein wollte und sich dann auch bis heute kontinuierlich dorthin bewegen sollte. Die Ärzte waren also meine erste richtige Jugendsünde, abseits von Queen, Peter Maffay oder jedem noch so angestrengten Popgedudel.

Tja, und ich wollte doch so gerne mal Die Ärzte live sehen. Doch es ging nicht. Keine Zeit, kein Geld, keine Ahnung, oder ich war schlicht wie der Songklassiker "zu spät". Doch am gestrigen Sonntag gab es keine Ausrede mehr. Bietigheim-Bissingen is calling, and we will follow, um endlich DBBDW (die beste Band der Welt) zu sehen, die im Zuge ihrer "Ärztivals 2013"-Tour im schwäbischen Ländle Station machten und das schöne Viadukt-Panorama für einen Abstecher ausgesucht hatten.


Nach unserem Depeche Mode-Chaos ließen wir uns auch nicht dazu verleiten, die Location so nah wie möglich anzuparken, dieses Mal stellten wir uns im nahe gelegenen Ludwigsburg nahe des Bahnhofs hin, nutzten das Angebot der ÖPNV und nahmen den Zug. 10 Minuten Fahrzeit und 15 Minuten Fußweg sind wirklich nicht viel, und schon bald thronte eine aufblasbare Gwendoline in Übergröße von der Seite der imposanten Bühne auf uns herab. Also rein ins Getümmel, wir erreichten den Eingangsbereich rund um die Zeit des Einlasses (16 Uhr), was sich bei Sonne und guten 28 ° angenehm verkraften ließ. So ließen wir zwei Stunden lang die Sonne auf den Pelz brennen, bis um 18 Uhr die erste Vorband die Bühne betrat.

Vorher war das jedoch Farin Urlaub selbst, der via Sackkarre vor das Mikro geparkt wurde (auch Rockstars werden mal alt?) und selbstpersönlich zu einer Ansage ansetzte. Mit "Side Effect" durfte eine Punkrockband aus Myanmar (!) eröffnen, die sich allerhöchster Unterstützung seitens der Berliner erfreuen durften und so den Anfang markierten. Die Musik haut den anspruchsvollen Rocker jetzt nicht vom Hocker, und die Band wirkt ein wenig angespannt, so dass man höchstens die Mühe und das allmähliche Auftauen positiv bewerten kann. Bei aller Unterstützung politischer Natur und dem spaßigen Cameo von Farin und Bela B. musste ich den Opener leider als belanglos einstufen.

Bei der zweiten Band "Sator" sah das schon ein bisschen anders aus, und die Spielfreude der Schweden schien in vielen Belangen durch. Der Rock der Nordeuropäer erinnerte mich ein bisschen an "The Bones", ohne zu viel Rockabilly zu sein, war aber seitens der Songs ein bisschen zu gewöhnlich. Zum Mitwippen und Abtanzen aber prima geeignet, also kein Rohrkrepierer und als Anheizer einfach passend gewählt, zumal sie auch in recht gutem Deutsch versuchten, ihre Songs an den Mann zu bringen.

Pünktlich zur Tagesschau war es dann auch schon soweit, und so begrüßte das Berliner Trio das sonnengebräunte Publikum. Mit "Wie es geht" wurde sogleich eingeläutet und ein buntes Portfolio durch alle ihre Alben, natürlich mit Fokus auf ihre neue Platte "auch", ausgepackt. Folgend nun Kritikpunkte im Einzelnen:

1. Die Band

Was ich von der besten Band der Welt erwartete und kannte, wurde in jeder Hinsicht bestätigt. Wie in jedem Konzertmitschnitt sichtbar, so präsentierte sich der Dreier auch an diesem Sonntag in entsprechender Spiellaune. Sehr im Vordergrund, nach meiner Kenntnis teils sogar mehr als sonst, stand der Humor, der immer wieder vor allem zwischen, aber auch während der Lieder ausgepackt wurde. Überraschend, dass nicht wenige der neuen Stücke stimmungstechnisch gut aufgenommen wurden, abseits eines obligatorischen Stimmungstiefs bei Songs jüngeren Datums, aber wer die Ärzte kennt, kann auch ohne Vorkenntnisse die Finger, Hüfte oder den Nacken kreisen lassen. Farin war da als selbst ernannter "Marathon-Man" unterwegs und schaffte es sogar, die komplette Bühne von links nach rechts und zurück zum eigenen Mikrofon durchzuspazieren - 3 Minuten für ca. 100 Meter Bühne sind schon ... ok. Überhaupt war das Ambiente der Band nicht auf das übliche Rockstar-stachelt-die-Meute-an-Klischee zu beschränken, man hatte eher das Gefühl, einer Unterhaltungsshow beizuwohnen. Es ist einfach herrlich, den dreien beim Sich-gegenseitig-Sprüche-an-den-Kopf-werfen zuzuschauen und bekam dazu noch eine lockerleichte Musikuntermalung obendrauf spendiert. Auch sehr positiv zu erwähnen waren die immer wiederkehrenden Kommentare vor allem von Bela B., der keine Möglichkeit ausließ, ein paar kritische Anekdoten anzusprechen. Ein bisschen Snowden-Verehrung, und eine passende Anspielung auf Stuttgart 21 musste da schon sein ("Warum muss man einen Bahnhof in den Boden verlegen, wenn es doch dort oben auch geht?" - mit Blick auf das nahe Viadukt, wo regelmäßig die Züge in luftiger Höhe am Gelände vorbeifuhren). Beifall war jedenfalls garantiert.

2. Die Songs und der Sound

Wie schon eingangs erwähnt war der neue Output der Berliner der Stein des Anstoßes, doch mit "Wie es geht" und "2000 Mädchen" wurde zuerst die Klassikerfraktion eingeführt, bevor mit "Ist das noch Punkrock?" der Opener aus "auch" sowie später "Tamagotchi" oder "Waldspaziergang mit Folgen" angestimmt wurden. Älteres Material durfte hier natürlich nicht fehlen, und so durften dann die All-Time-Hits wie "Hipp Hipp Hurra", "Zu spät", "Ignorama", "Schrei nach Liebe", "Rebell" oder "Junge" ran. Dabei war der Sound schlicht glasklar. Nicht zu laut oder kratzig, einfach in jeder Hinsicht gut produziert, der jedes noch so kleine Instrumentenfitzel hörbar zur PA übertrug. Selten war es mir passiert, dass ich mir über den Sound keine Gedanken machen musste und mich voll und ganz auf die Songs konzentrieren konnte - perfekt! Völlig "wurscht", ob da ein paar Patzer passiert waren, es waren die ca. 45 Euro Eintritt auf alle Fälle wert, und zu Recht durften die Ärzte letztlich auch zweimal für Zugaben heraustreten.

3. Atmosphäre und Bühne

Ein paar Sachen hab ich schon beschrieben. Die spaßig ausschauenden Gwendoline-Puppen wackelten beständig von links nach rechts, die Bühne war ausladend und voller moderner Lichttechnik ausgestattet, was während des Sets auch ausgiebig ausprobiert wurde. Das Glanzstück waren die Videowände, die im ersten Anblick wie überdimensionale Fliegengitter anmuteten. Nein, das waren engmaschige Gitter im Großformat, insgesamt neun Stück an der Zahl wurden mit Videoausschnitten und Kamerabildern an- oder ausgestrahlt (?), was in beeindruckender Qualität und im Zuge der aktuellen Videoschnitttechnik mit vielen Effekten garniert wurde. Also zog trotz aufgeräumter Bühne und relativ wenig Schnickschnack ein zusätzliches Augenschmankerl den Fokus auf sich.

Neben der humorigen und tanzbaren Showatmosphäre muss dann doch wieder das Publikum ein bisschen als Grund zum Meckern herhalten. Man muss im Vorfeld erwähnen, dass sich doch sehr unterschiedliche Fan- bzw. Besuchergruppen zum Viadukt verirrt hatten, die die Altersspanne von 6 - 60 Jahren locker abdeckten. Leider machte sich das auch im Stimmungsgrad der rund 17 000 Besucher bemerkbar. Es ist ja nichts Schlechtes, wenn Opa Albert mit Enkel Kevin gleichzeitig mitwackeln, aber hatte das nur im Sichtfeld der Bühne das übliche Reaktionsportfolio zur Folge. Schwäbisch behäbig wäre wohl noch zu lieb ausgedrückt, denn sowas wie Clubtour-Atmosphäre stellte sich einfach nicht ein, wo die Meute einfach mal willenlos ausgerastet wäre - immerhin war es Sonntag, wo ein solches Event wohl eher als pure Abwechslung angesehen wurden. Entsprechend waren auch so manch bösen Kommentare von der Bühne zu vernehmen ("Wir machen jetzt mal einen Klatschkurs!"). Naja, wenn es nicht so sehr mit dem Publikum klappt, haben wir eben mit uns selbst Spaß, mussten sich da Belafarinrod gedacht haben und zogen so ihre Ansagen weiterhin unbekümmert durch - Exotik im ländlichen Gefühlsgefängnis, ging es mir durch den Kopf. Noch ein Punkt, der wohl ein bisschen dazu beitrug, dass Gefühlswallungen nicht oder nur wenig stattfanden: Die Security sorgte mit dafür, dass kleine Gruppen junger Leute ihre Begeisterungsbekundungen nicht durchziehen durften. Sobald sich ein kleiner Moshpit bildete (zumindest bei uns hinten im letzten Bereich), wurde sofort reagiert, die Muskelprotze bauten sich drohend vor den "Störenfrieden" auf - so funktioniert kein Rockkonzert. Schwach, übereifrig und kontraproduktiv! Dass dann Farin doch noch sprachlos war, hatte gleich zwei Gründe. Die Sache mit den BH´s auf der Bühne ist bei den Ärzten ja schon ein alter Hut, aber dass eine junge Dame mit Irokesenschnitt auf irgendwelchen Schultern ihre beiden imposanten Gründe Richtung Bühne zeigte, unterbrach dann sogar den sonstigen Redeschwall der Truppe schlagartig - dass der gleichzeitig angestimmte Song ein bisschen brustbezogen ausartete, rief wohl Sauerstoffzeltbetreiber und Psychologen auf den Plan...

Fazit

5 Stunden Rock - neben einer Dritte-Musikwelt-Gefälligkeit und Partyrock waren natürlich die Ärzte das unbestrittene Highlight des Open Air-Abends, spaßig, spielfreudig und selbst einer lethargischen Zuschauerschaft gewachsen. Wer sich dafür in jeder Hinsicht erwärmen konnte, bekam das volle Programm serviert, konnte sich nebenbei noch an der schönen Location erfreuen und sichtlich zufrieden wieder den Heimweg antreten. Wir hatten jedenfalls unseren Spaß und bekamen genau das, was wir uns so sehnlich erhofft hatten. Vor allem ich selbst, dass ich ganze drei Jahrzehnte auf ein Live-Event hoffen musste, um meine erste Jugendsünde endlich mal selbst zu erleben - der Kreis hatte sich (endlich mal) geschlossen.

Auch hier nachzulesen via maggus-desire.de

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