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Ser Parzival

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User-Blogeintrag Nr. 10

Parzi guckt: Die Ami-Wahl

Freitag, 09. November 2012 | 17:40
Immerhin, the worst has been avoided. Das Electoral College war am Ende nicht geteilt, die Wahl nicht unentschieden, das wochenlange mediale Trommelfeuer endlich verstummt. Kein drohendes Nachspiel wie 2000. 

Und das nach einem so vielversprechenden Vorspiel! Die Umfragenschere ging auf und wieder zu, Romney machte seine Positionen von der Tageskrawatte abhängig, in diversen Bundesstaaten wurde über das Early Voting gezankt, in Pennsylvania das Wahlgesetz vom Gerichtshof gekippt, journalistische Größen wie Charles Krauthammer, Rush Limbaugh oder Rachel Maddow sorgten für eine sachliche, ehrliche und ausgewogene Wahlkampfkulisse und Ohio erlebte den schlimmsten Herbststurm seit 8 Jahren. Nein, nicht Sandy, ich rede von Wahlwerbung via Telefon, TV, E-Mail, Twitter und wahrscheinlich auch auf dem Klopapier. 4 more years of chochlate. Besagte Sandy sei natürlich ebenfalls nicht zu vergessen, bietet sie Fox News nicht nur eine dankbare Ausrede und brachte Obama die nötigen Last-Minute-Schlagzeilen, sondern fand mit New Jerseys Gouverneur Chris Christie gleich mal Jeb Bushs großen Konkurrenten für 2016. 'Murica! Doch selbst den kreativsten Schreiberlingen geht irgendwann der Stoff aus, und als die hochheilige ZEIT ein paar Tage vor der Wahl sich genötigt sieht, den Kleidungsstil von Anne und Michelle zu vergleichen sind die Zeichen überdeutlich, dass die Journalistenzunft nur mit Mühe die Berichtfrequenz bis zum Schluss halten kann.

Am Wahltag zunächst das gewohnte Bild, nachdem Claus Klebers traditioneller Gruß aus Washington zum Vorabend das Finale der Democalpyse eingeleitet hatte. Servus TV, arte und co. dienten dabei als dankbare Anlaufstellen in der hellen Tageszeit, zumindest wenn man einen Intensivkursus in Amerikas politischer Geschichte belegen oder mal ein bisschen Doku-Abwechslung von -je nach Sender- französischen Frauenrechtlerinnen, Daily Hitler oder Riesenbaggern haben wollte. Für die arbeitende Bevölkerung übernahmen Zeit Online, derStandard.at oder SpOn das rot-weiß-blaue Hintergrundrauschen in den Newsfeeds. 
heute-Journal, ZiB2, Tagesthemen, das Phanteon des televisionären Journalismus, der Puls steigt. Live-Schaltungen von irgendwo in Washington oder Chicago oder New York oder meinetwegen auch Sioux Falls, Idaho. Claus Kleber und co. wiederholen die Sprüche über die USA, Obama und Ohio, die wir seit über einer Viertelstunde nicht mehr gehört haben, denn nie hat ein Republikaner die Wahl gewonnen, ohne Ohio zu gewinnen. Der ORF weist der beginnenden Nacht eine besondere Bedeutung zu, indem man die Hauptnachrichten mal eben auf beiden Sendern gleichzeitig sendet und die komplette Truppe über den großen Teich jettet. Dort sahen sie gleich viel glücklicher aus, vielleicht sollte man in Wien überlegen eine kleine Touri-Freiheitsstatue im Studio aufzustellen.
 
Die deutschen Öffentlichen beschließen im Anschluss mal wieder Gebührenverschwendung und beginnen Live-Sendungen in der ARD, dem ZDF und Phoenix, auch im ORF II wird weiter berichtet. Während sich Mitternacht nähert, mit Schließung der ersten Wahllokale startet ein parteiischer, aufwendiger Reigen. ARD und ZDF, die ihre bizarren Sendungen lieber gleich als "Wahlpartys" titulieren, fahren dabei alles auf, was im öffentlich-rechtlichen Fernsehen Rang und Namen hat. Gut, mit dem Wahlexperten Jörg Schönenborn (ARD) gibt’s sogar echte Kompetenz im Studio (die interessanterweise deutlich aufwendiger gehalten sind als bei der Bundestagswahl), sonst moderiert die neue Allzweckwaffe Matthias Opdenhövel aber eine Sendung, die mit Musicact eher wie eine Politik-Spezialausgabe von Schlag den Raab wirkt. Statt "Spiel 15: Ohio gewinnen" und einen Kandidatenduell mit Elton gibt’s aber nur einen halbstündlichen, unmotivierten Blick auf eine sich quälend langsam füllende Karte. Die hätte man besser beschriften sollen, einen Geografiepreis gewinnen die Moderatoren nicht. Keine Details, keine Analysen, kennen wir ja von den bekannten Wahlsendungen. Das ZDF kann sich da nicht lumpen lassen und unterbietet die ARD trotz Hitler-Vergleich nochmal mit links, zur Wahltante Bettina Schausten gesellt sich ein buntes Gästegruselkabinett auf dem Wetten, dass-Sofa, leider ohne Tom Hanks. Sascha Lobo darf sich belanglose Twitter-Kommentare anschauen, bekannte USA-Kenner wie Klaus Wowereit ihre Meinung bekannt geben und Quotenrepublikaner Joachim Steinhöfel rechtspopulistischen Müll verbreiten. Bei beiden Sendern ist man offensichtlichst auf Seiten Obamas, dazu fehlen natürlich nicht Menschen, die einen kurzen Teil ihres Lebens in den Staaten verbracht haben, einen amerikanischen Akzent sprechen und deshalb aus irgendwelchen Gründen für qualifizierte Experten gehalten werden. Aber immer noch besser als die Bild.de-Onlineshow (!), finest Quality of Trash.
Wie sieht’s bei Phoenix und ORF II aus? Besser. Beiden Sendern merkt man das kleinere Budget positiv an. Nicht am Studio, die wären selbst für die Lokalnachrichten am Mittag zu schäbig, aber Prominente haben keinen Zutritt erhalten und man beschränkt sich auf wenige Gäste, die dafür auch wirklich was zu sagen haben, und auch Live-Schalten erscheinen sinnvoll. Phoenix klinkt sich ab dem Tageswechsel immer wieder in die CBS ein, (alternativ ohne nervigen Übersetzer, super!), ein guter Zeitpunkt zu den internationalen Sendern zu wechseln. 

Und ich bin baff, deklassieren BBC und CNN, wo ich die meiste Zeit nach Mitternacht verbringe, die deutsche Wahlfolklore doch um Längen. Gut, die BBC beginnt ihre Übertragung mit dem Höhepunkt in einem Clevelander Pub Besoffene zu interviewen, aber das sind die Briten wohl von zu Hause gewöhnt und ist dabei verdammt unterhaltsam. Danach aber seriös und stiff upper lip. Man hat sich ein Studio in Triple-A-Lage beim Weißen Haus gegönnt und führt durch einen gediegenen News-Abend britischer Kühle, wo man es sogar wagt bei den Zwischenständen etwas genauer hinzuschauen. 
Apropos CNN? Haut raus was geht. Recht früh in der Nacht darf ein Moderator den Zwischenstand im Senat verkünden, wofür er in einer Blue Box virtuelle Senatsbänke präsentiert, da wurde an den Special Effects nicht gespart. Für ganz schön viele Dollar hat sich der Sender dazu die Spitze des Empire State Building gemietet, wo aufsteigende Lichtssäulen die aktuelle Verteilung im Electoral College zeigen. Unnötiges Showbrimborium, aber das lieben die Amerikaner nun mal und das können sie auch verdammt gut. Wahlen organisieren können sie allerdings weniger, die Ereignisse des Tages könnten auch aus einem Schwellenland stammen. In Pennsylvania weigert sich eine Wahlmaschine Obama als Kandidaten zu akzeptieren, in Florida und Virginia machen Wahllokale wegen langer Schlangen (Schlangen! Bei ner Wahl!) Überstunden bis in die Nacht, in Ohio laufen wegen mangelnder Wahlzettel die Kopierer heiß und wegen fehlerhaft gedruckter Briefwahlformulare dürfen Wahlhelfer in Miami tausende Bögen per Hand übertragen. 

Doch CNN muss nicht auf die Show vertrauen, denn die Sendung ist exzellent. Gute, ausgewogen eingeladene Parteienvertreter und Experten. Eine Menge Korrespondenten bis in die Wahllokale, auch in wichtigen Countys auf dem flachen Land. Ständige Updates mit genauen Stimmenzahlen zum Zwischenstand, samt genauer Betrachtungen der einzelnen Countys sowie ihrer Bedeutung in den Swing States. Exit Polls ohne Ende, einige davon eher sinnfrei (die Mehrheit der Tea Party-Gegner wählt Obama, who could have guessed), andere dagegen wichtig. Wo ARD und ZDF über eine mögliche Überraschung im traditionell republikanischen, aber lange unentschiedenen Mississippi raunen, lässt sich CNN zu Recht darauf nicht ein, ein Exit Poll von 60:40 für Romney spricht Bände. Allerdings scheint man sehr zögerlich zu sein, CBS und Fox News vergeben z.B. Wisconsin und Indiana lange vorher.

Da die Spannung mit der Zeit abflacht (Obama führt früh mit einigen zehntausend Stimmen in Ohio, holt in Virginia auf, nur Florida bleibt sehr knapp), spätestens bei der Verteidigung Pennsylvanias durch die Demokraten riecht es deutlich nach Obama in God's own country. Doch meine kurzen Abstecher nach Deutschland beende ich schnell wieder, sind doch die Ergebnisse veraltet. Nebenbei vertreibt sich die ZDF mit einem Karikaturisten die Zeit, bei der ARD gibt’s eine Live-Schalte zu Arne Friedrich, der inzwischen in Chicago kickt. Gut, danke, das reicht dann auch wieder von der heilen, biederen öffentlichen Fernsehwelt. Wenigstens Dirkules hätten sie doch vor die Kameras stellen können.
Großer Auftritt für das wieder besonders fair und balanced berichtende Fox News, wo gegen 4 Uhr morgens der Meltdown beginnt. Sarah Palin ist in einem Interview den Tränen nahe, und Karl Rove darf in einer ziemlich traurigen Online-Runde ausführlich seinen Durchfall verbreiten. Ohio, Iowa oder Virginia sind noch weit davon entfernt entschieden zu sein, doch beginnt man schon mit der Fehleranalyse. Die eigenen extremen Positionen waren nicht der Grund, nein, Sandy war ein Vorteil für die socialists/democrats/liberal mainstream media und Romney passte seine Positionen nicht schnell genug den Wind an. Soso. Am anderen Ende das politischen Spektrums hält sich der Gegenpol MSNBC nicht mit Schadenfreude zurück, als man die Verliererrede des mit Pauken und Trompeten aus dem Senat gewählten "keine Abtreibung nach Vergewaltigung, wenn die Frau keine Schwangerschaft will, kann der Körper das verhindern"-Republikaner Todd Akin fünf Minuten über den Äther laufen lässt. 

5:16, Ohio has gone for Obama. CBS/CNN/Fox News project Barack Obama as the re-elected president of the United States. Das Thema damit durch. Endlich. Donald Trump weint auf Twitter, Tausende Tea-Party-Anhänger auf Facebook. Auch wenn Karl Rove und Mitt Romney noch bis nach 6 Uhr durchhalten. Doch um 6 Uhr reichts mir dann. Achievement unlocked, seit 7 Stunden Fernsehen. 
Was für ein riesiger Unterschied in der Qualität der Berichtserstattung. ARD und ZDF geben sich mehr Mühe als bei den Bundestagswahlen (was traurig genug ist), aber wo man dort bei der BuWa nur ein paar Hochrechnungen erfährt, zufällig alle Politiker Wahlsieger sind und ein "klares Mandat samt Vertrauensbeweis bekommen haben", man noch nicht mal auf die Wahlkreise schaut, fährt CNN eine ganze Armada an detailliert erörterten Statistiken auf, samt recht neutraler Berichterstattung.
Ich bin jetzt aber müde, und das Bett ist nahe am Fernseher. Da fällt die Wahl (haha) nicht schwer. 
Servus und gute Nacht. Four More Years. 
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