Tja, da haben wir wieder den Salat. Kaum sind Kinder Opfer einer Schießerei in den USA geworden, schreit die Gesellschaft nach Sanktionen, und die Waffenlobby schmollt. Natürlich werden bei solchen Katastrophen wieder Filme und Spiele auf die Anklagebank gesetzt, was zwar in diesem Fall noch keine vorrangige Rolle gespielt hat, aber auch wieder von Fanatikern angeprangert wird und somit wieder mit im Boot sitzen. Der ewige Kreislauf setzt sich also unvermittelt fort, und nun hat sogar schon der Dishonored-Entwicklerstab seine Ängste vorausgenommen.
Erstaunlich ist aber, dass Joe Houston (Arkane Studios Ex-Entwickler), also einer der Köche in „Teufels Küche“, uns Spieler mal mit in die Pflicht nimmt. Wie soll man denn seine Aussagen als Spieler deuten? Verbreitet der Mann nur Panik, oder ist da was dran an seinen Bedenken?
Ja, ich fand Dishonored spannend. Egal, ob ich nun auf Zehenspitzen tapsend einfach nur den Wachen entging oder mich dazu gezwungen sah, ihnen die Klinge an die Kehle zu setzen. Da Arkane ein bisschen wie die Vorzeigeschnetzler im Spielemedium gelten und da noch lange nicht die schlimmsten sind, darf man sich auch mal die Frage stellen, wann Gewaltdarstellungen nicht mehr schön sind. Da ich da jetzt das Leitmotiv schon ein wenig vorausgenommen habe, werde ich nachfolgend ein bisschen weiter ausholen.
Gerade in Dishonored sind die Prinzipien Engel und Teufel so nah beieinander wie selten gesehen. Wie schon erwähnt, kann man das ganze Spiel absolvieren, ohne jemanden zu töten, oder aber auch die Keule auspacken und alles und jeden effektvoll in den Tod zu häckseln. „Effektvoll“ – genau hier liegt der Hund begraben. Dishonored hat sich die Bandbreite zwischen liebevoll und lieblos voll und ganz angeeignet. Tod und Leben – das Schicksal liegt in unserer eigenen Hand. Diese Gummiband hat einen Anfang und ein Ende, dazwischen gibt es aber ehrlich gesagt nicht viel. Klingt martialisch, ist es auch, aber die Unterschiede machen den Tenor. Wer tatsächlich nur Betäubungspfeile verschießt oder jemandem die Luft abdrückt, bis er einschläft, ist wohl der Samariter unter den Actionspielern. Wirklich sehr ungewöhnlich, aber auch eine vorbildliche Abwandlung im „Shooter“-Einerlei. Dann gibt es eben noch die anderen. Diejenigen, die die Messer wetzen und den Abzugshahn schon auf Dauer-Bereit ziehen, diejenigen, die es toll finden, wenn die Klinge mit den passenden Tönen (glitsch-zing-frrrrrz) im Hals landet und die drei Liter Blut am liebsten mit dem Tonbecher auffangen würden. „Effektvoll“ – genau hier hört Realismus auf.
Hört es aber auch auf, durch Blutfontänen Spaß zu empfinden? Ich kann da nur für mich sprechen, aber ich habe die Subkultur Horror, Splatter und Gore so erlebt, dass sie mir irgendwann über meine persönliche Füllmarke gestiegen ist. Dabei war immer wichtig zu erkennen, was denn ein Spiel oder Film vermitteln wollte. Zwar ist Braindead damals ins Guinessbuch der Rekorde eingegangen als der Streifen, der das meiste Filmblut vergossen hatte, aber war der Film eher ein Slapstickmovie, der auf Witz und Absurditäten gesetzt hatte. Da werden Gesetze der Physik ausgehebelt, und im Grunde kann man wirklich gar nichts an dem Gezeigten ernst nehmen. Heute, im Zeitalter der Folterpornos, hat sich die Ausgangslage stark verändert. Nichts witziges mehr zu erkennen, und selbst die Farbe des Blutes sollte immer mehr an die Realität angenähert werden. Bestes Beispiel und Vorzeigefolterer Hostel, wo Regisseur Eli Roth seine Schauspieler tatsächlich mit Schweineblut einschmierte, weil „es realistischer wirkt“. Noch schöner, dass die Touristengruppe von einer gelangweilten Unternehmersippschaft abgeschlachtet wird, die im übertragenen Sinne wohl seine Filmfans personifizieren könnten. Und wieder eine Grenze überschritten, weil man mit Realismus angeben wollte.
Nun ist Euch bestimmt aufgefallen, dass ich die Worte „Realismus“ und „effektvoll“ in dem Zusammenhang doppeldeutig verwendet habe. Einerseits sind Blutfontänen nicht gerade das, was in der Realität passiert, andererseits aber kann Realismus mit den nötigen Mitteln und demselben Spritzfaktor erreicht werden. Leider ist es so, dass man sich immer dem Gesamtwerk widmen muss, um zu entscheiden, wann Spaß noch Spaß ist und wann dieser aufhört. Mir persönlich geht es im Grunde darum, was ein Film oder Spiel aussagt und welche Welt darum aufgebaut wurde. Wenn ich die Auswirkungen von Braindead und Hostel gegenüber stelle, kann ich auch fast Dishonored und Manhunt heranziehen. Selbst wenn in ersterem das Blut nur so rumfliegt, und auch die Ausrichtung des Spiels keine mit Humor ist, kann ich das Steampunk-Szenario mit Comicgrafik nicht für voll nehmen, während zweiteres vordergründig nur darauf aus ist, jemandem effektvoll die Axt in den Kopf zu rammen. Da kommt dann der Ausdruck „Selbstzweck“ ins Spiel, der für mich am besten darlegt, wann ich mich für oder wider ein Machwerk entscheide. Das heißt, dass ich mir keine Filme anschaue oder Spiele spiele, die nur der Darstellung wegen Splatter und Headshots zeigen wollen. Für mich muss ein Sinn dahinter stecken, eine Aussage, die vordergründig nichts mit der gezeigten Gewalt zu tun hat. Da hatte es mir Clive Barker in meinen früheren Jahren schon sehr angetan, der zwar sehr blutig und detailliert von Verstümmelungen geschrieben hatte, aber immer so etwas wie eine Hintergundgeschichte mit hineinbrachte, und das darüber hinaus noch sehr kunstvoll ausgeschmückt.
Man kann auch mal in der Geschichte kramen, als noch Hitchcock in den 50ern das höchste der Angstgefühle war. Der hatte mal einen Mann im Bild, dem Die Vögel die Augen ausgepickt hatten, und schon stand ein ganzer Kinosaal Kopf. Und was ist heute? Da kriegt ein Mann die Augen herausgezogen, und was hört man im Kino? Kein Gekreische, entsetztes Seufzen oder Geheule – nein, heute heißt es „Haha, cool gemacht.“ oder „Ja, die Sau hat´s verdient!“. Schon sehr unterschiedlich, oder? Auch hier geben sich die Extreme wieder die Klinke in die Hand. Selbst ich bin im zarten Alter von 12 Jahren vor meinem C64 zusammengezuckt, wenn ich ein Spiel gespielt hatte, in dem ein getötetes Sprite einen roten Fleck hinterlassen hatte. Just zu der Zeit begann ich auch, mir erste brutale Filme anzutun, und von Terminator mit 13 bis Hellraiser mit 15 ging die ständige Neuausrichtung meiner persönlichen Hemmschwelle seinen Weg. Aber, und das empfinde ich als wichtig zu erwähnen, vergaß ich nie, wie ich im Alter von 10 Jahren eine Nacht nicht durchschlafen konnte, weil in der alten Die Fliege-Verfilmung ein Mückenarm aus der Jackentasche des Hauptdarstellers rutschte. Irgendwie sind da die Verhältnismäßigkeiten verschoben worden, wenn ich mir betrachte, wie Kinder in diesen Tagen mit Brutalität und Horror umgehen. Ich kann nicht abschätzen, wie Kinder heute ihre erste hässliche Szene so verarbeiten, aber es scheint, als ob das alles nebensächlicher Natur geworden ist.
Aber mal wieder zurück zu Kollege Houston. Dass er sich mal nicht als sturer Hund hinstellt, der seine Kreationen nicht prinzipiell verteidigt, nur um als standhafte Person dazustehen, muss ich ihm doch mal sehr hoch anrechnen. Leider hat die Spielerschaft so ein wenig den Drang, rein aus Trotz gerade noch das Gegenteil von dem zu propagieren, was man ihnen anlastet. Man sollte mal objektiv werden und sich ein, zwei Schritte zurück bewegen, um zu erkennen, warum unser Lieblingsmedium so in der Kritik steht. Ich kann mir keine Gegenargumente erlauben, wenn ich die Nase so nahe vor dem Bildschirm habe, dass ich nur noch die Pixel dessen erkenne, über das sich eigentlich aufgeregt wird. Ich habe schon vor mehreren Jahren gesagt, dass mich dieser Realitätswahn immer mehr abstößt. Ich erntete nur rote Daumen und hämische Kommentare. Jetzt bin ich echt froh, dass sich endlich mal ein kleines Umdenken einstellt und auch in den Entwicklungsprozess involvierte Personen ihr eigenes Tun überdenken.
Wir sollten es auch mal tun. Einfach mal aus Spaß an der Freude sagen, dass die Kritiker recht haben. Ihren Standpunkt akzeptieren und uns selbst auf die Finger klopfen. Ich werde jetzt nicht davon abrücken, Shooter zu spielen, aber ich hinterfrage mein Tun schon ein wenig mehr als früher noch. Deswegen finde ich es gut, wenn Spiele immer mehr ins comichafte rüberwechseln, Blut zensiert und Gliedmaßen-Abhäckseln bei uns beschnitten wird. Dass süße, kleine Spiele mehr Anklang finden und der noch so weit entwickelte Darstellungsgrad von realistischer 3D-Grafik einfach mal ignoriert wird. Wenn es mehr der Kunst dienen würde, dann würde ich das auch mehr akzeptieren, aber solange der Durst nach Blut und diese kranke Sucht nach oberflächlicher Gewaltanwendung besteht, kann ich nur für meinen Teil dazu beitragen, dass sich was ändert. Der Spaß ist mir jedenfalls ein bisschen versalzt worden, weil die Spiele und Filme ihre Errungenschaften zu sehr zur Schau stellen.
Einfach nur so, weil´s Spaß macht.
Also mir nicht....