Somewhere, down in South-West-Gemany, Sonntag nachmittag, ein paar Wochen zuvor....
"Ach, scheiße, schon wieder ein Wochenende auf irgend einer Messe, irgend einem Kinobesuch, irgend einem Aufenthalt im Erlebnisschwimmbad."
Mir kribbeln die Finger, die Beine zucken merklich, die Gedanken schweifen ab. Irgendwo in der Ferne redet eine Stimme auf mich ein, irgendwie geht es um´s Einkaufen, glaub ich. Mein glasiger Blick starr auf den Boden gerichtet, und als die Stimme verstummt, versuche ich geistesabwesend, die Wortfetzen zu einer sinnvollen Frage zusammenzufügen. Ja, ich glaube, dass sie eben gefragt hatte, was wir denn danach zum Essen einkaufen. Und schon wieder war da dieses Dilemma – Kartoffeln oder Nudeln? Eine Stunde Half-Life oder Risen? Einen enttäuscht-genervten Blick später schon entscheide ich mich für Variante 3: Ausblenden und später aussuchen – ich rede vom Spielen.
Ja, ich gebe es zu, es kann tatsächlich passieren. Selbst, wenn wir eine spontane Unternehmung angehen und einen spontanen Trip in ein Hallenbad in der Umgebung machen, kann ich manchmal nicht ausblenden, was ich mit meiner freien Stunde anstellen soll. Fernsehen ist mir zu wider. Was soll ich denn mit diesen ganzen gestellten Realitysoaps anfangen, wo mich der Inhalt nicht mehr interessiert als Nachbars Ziergarten? Werbeblocks auswendig aufsagen und mir nebenbei aufzeigen lassen, dass der Mann von heute Strubbellook und Vollbart trägt? Nä, nicht so´n Schischi, auf gar keinen Fall! Oder neben ihr liegen, während sie im Internet nach sonstwas sucht? Kann ich auch drauf verzichten, wenn es nicht uns beide betrifft. Dann doch lieber an meiner Kiste sitzen und selbst was machen, vielleicht noch ein bisschen Risen spielen oder doch etwas Casual? Oder gar nichts spielen und eher kreativ sein? Wenn mich das Selbstbasteln jedoch anwidert oder mir gerade mal nichts einfällt, ist man doch mit Spielen am besten bedient.
Mittlerweile sind wir wieder zu Hause angekommen, sie fällt auf die Couch, ich in den Bürostuhl. Zumindest weiß ich, dass wir uns auf unsere eigene Stunde geeinigt haben („Danke, sehr großzügig.“), und dass ich mich einfach mal auf mein Hobby konzentrieren darf. Nur was denn nun? Ich tendiere zu Risen, da bin ich noch nicht durch. Aber wieder nur zerhackstückeltes Gameplay, um dann ständig auf die Uhr zu schauen, wie lange ich noch Zeit habe? Ach nee, dann lieber doch ´ne Runde Plants vs. Zombies, da vergisst man die Zeit nicht so schnell. Oh menno, das hab ich schon durch, und noch ´ne Endlosrunde – da hab ich jetzt auch keinen Bock zu...
Also doch weiter Risen.
Etwas resigniert stelle ich während des Ladevorganges fest, dass ich eine geschlagene viertel Stunde gebraucht habe, mich zu entscheiden. Jetzt ist es zu spät, das Ding lädt schon. Egal, dann nutze die Zeit und die Gelegenheit, bevor sie wieder anklopft und beides für sich beanspruchen will. Und die Uhr tickt. Alleine schon Programm starten und laden, also bis man wirklich mitten im Spiel ist, verschlingt wieder kostbare Minuten. Der Ladebalken ist auch gegen mich. Er zuckt im Sekundentakt, links-rechts-links-rechts. Dann endlich stehe ich mitten im Urwald, endlich kann ich loslegen. Ok, Tempelanlage. Ich stehe am Eingang, gehe rein, rede mit der Wache, lasse mich warnen. Ruhe jetzt, Mann, und er redet und redet... Moment! Da bin ich doch gestern schon gestorben. Super, abkürzen, den Dialog kenn ich doch schon, rechte Maustaste klicken, klicken, klicken – bis der Dialogmodus aufhört und ich schließlich weitermachen kann. Gut, gut, jetzt erstmal wieder in die Falle tappen, Schatzsucher ansprechen, wieder nur reden, reden, reden. Jetzt will ich doch mal wissen, wie lange ich noch kann. Ein Blick auf die Uhr. Eine halbe Stunde hab ich noch. Uff, wenn Rollenspiele nicht immer so viel Zeit schlucken würden. Egal, weiter. Dialog überspringen, weiter durch den dunklen Gang, rechts durch den Wanddurchbruch schlüpfen, hochspringen.
So, und jetzt vorsichtig, da wartet ein einzelner Ghul. Nicht nur, dass ich ein bisschen angespannt bin wegen der unheilvollen Atmosphäre, Ghule sind hier ein bösartig schwerer Gegner, und der hier hat mich gestern schon ins Nirvana geschickt. Zum Glück kauert er in seiner weit entfernten Ecke, damit ich nochmal meine Gesundheit checken kann. Drei Viertel sind voll, 13 kleine Heiltränke hab ich noch, Armbrust sowie Schwert und Schild sind ausgerüstet. Ich verbrauche einen Trank, zücke die Armbrust, die macht gut Schaden. Laden, anvisieren und zack! Der Ghul setzt sich in Bewegung, dafür hab ich ihm schon mal ein Drittel seiner Lebensenergie entzogen. Nun der Nahkampf. Schild nach oben, da haut das schwarze Monster schon auf mich ein – gestern hatte das schon zu meinem Ableben gereicht. Patsch-patsch-patsch, tot. Dieses Mal aber nicht, er trifft nur geräuschvoll auf Metall. Seine Schlagsalve scheint vorbei, also bin ich dran. Fitz-tscha!-uff. Drei Volltreffer! Gesundheit: ein läppischer Rest!
Ohne einen Treffer seinerseits mache ich das Wesen schließlich platt. Wieder bin ich voll drin im Spiel, bemerke, wie ich das Gesicht als mal verziehe, wenn mir schwere Gegner entgegen kommen. Eigentlich wollte ich derartige Kämpfe darauf beschränken, wenn mein Level höher ist und ich bessere Waffen besitze, aber hier unten in den Katakomben kann man dem außer Spielstand laden nicht aus dem Weg gehen. Zum Glück ist nach dem Gemetzel kein Gegner mehr da, also löst sich diese Miniaufgabe schnell in Wohlgefallen auf. Erfolg, Quest ist erledigt, also weiter im Text. Zurück zum Eingang des Tempels, dann rechts abbiegen, da wartet noch der große Teil der Aufgabe auf mich. Das verschachtelte Tunnelsystem ist auch nicht von schlechten Eltern, ich treffe weitere Schatzsucher, mit denen man sich natürlich auch noch unterhalten sollte. Dann links wie rechts ab in die Tunnels, die man komplett durchspielen muss, weil sonst die Quests nicht erledigbar sind. Und wieder Ghule. An einer Stelle sogar drei auf einmal. Uiuiui, das wird schwer. Und ... ups, eine Art Endgegner! Ein Echsenmensch. Ihr wisst wohl, welche Stelle ich meine. Also ran an die Aufgabe, und....
...die Stunde ist vorbei. Aus irgendeinem Grund erwischte ich mich dabei, wie ich geistesabwesend auf mein Handy schielte. Genau gesagt war ich schon drei Minuten über der Zeit. Dieses Mal wollte ich aber unnötige Diskussionen vermeiden, also müssen sich Meister Echsenmensch und die Skelettkrieger bis zum nächsten Mal gedulden. Also lege ich einen separaten Speicherstand an, verlasse das Spiel und fahre den PC runter. Es ist früher Abend, und den will ich noch angemessen mit ihr ausklingen lassen, bevor uns am nächsten Morgen wieder der Alltag einholt. Aufstehen, zur Arbeit fahren, abends ausspannen – und das wieder im 5-Tage-Rhythmus. Aber, und das ist das gute dabei: Meine Zeiten sind flexibel, und nicht selten hab ich sogar Luft genug, mich alleine an die Kiste zu stürzen. Eben bis sie wieder heim kommt. Denn so ganz kann ich im Alltag auch nicht auf meine Spielsessions verzichten. Unter der Woche ist das dann auch weniger das Problem, außer am Wochenende, wie oben beschrieben. Und wenn wir dann nichts Großes geplant haben, möchte ich schon noch die ein oder andere Stunde zocken. Auch wenn ich zugeben muss, dass ich mir ein wenig wie ein Abhängiger vorkomme, der seine tägliche Dosis braucht.