Die Debatte ist schon alt, ich weiß, aber haben wir eine Antwort auf die einfache Frage: „Sind Videospiele Kunstwerke? Soll man sie als Kultur auffassen?“ Nein, haben wir nicht, und hoffentlich wird es sie auch nie geben.
Wir schreiben das Jahr 1986. Ein Hausmeister entfernt in einem Teil der Düsseldorfer Kunstakademie eine Verfärbung an der Wand in einer Ecke des Raumes. Die Wand war zwei Meter hoch mit Butter verschmiert, die der dienstbeflissene Mann kurzerhand wegschruppte. Der Eklat bei der ganzen Sache: Diese Butterflecken waren nicht etwa das Malheur eines unvorsichtigen Essers oder die Überreste einer explodierten Fritteuse, sondern die „Fettecke“ von Joseph Beuys und somit ein Kunstwerk. Der Schaden ging in die Zehntausende.
Über 20 Jahre später, irgendwo im Dschungel. Es ist dunkel und ich kämpfe mich in voller Montur durch die dichte Botanik des Waldes, sehe vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr. Überall stehen Farne, die Lianen hängen bis fast auf den Boden. Durch das Dickicht stolpere ich minutenlang, bevor ich das Ende des Waldes erreiche. Vor meinen Füßen liegt eine Bucht, die gerade aufgehende Sonne sendet ihre ersten Strahlen hell und warm über das kristallklare Wasser. Mir stockt der Atem, die Szenerie ist wunderschön.
Vielleicht hat der ein oder andere die Szene erkannt, sie stammt aus dem ersten Teil der Crysis-Reihe. Mir geht es prinzipiell aber nicht um das Spiel an sich - das war nämlich nicht mein Fall - sondern um die Frage, warum ein Großteil der Menschen das virtuell animierte Geschehen nicht als künstlerisch wertvoll ansehen kann, man aber an anderer Stelle einen jeglichen Vertreter einer anderen kulturellen Gattung, zum Beispiel Malerei, Musik, Film oder Literatur mehr oder weniger stillschweigend als „Kunst“ einstuft. Denn was sich „Kunst“ oder „Kultur“ schimpft, wird akzeptiert, gekauft, gefördert.
Kultur im weiteren und Kunst im engeren Sinne sind doch für eines da: Sie bieten dem Künstler eine Plattform sich auszudrücken während sie das Publikum unterhalten. Dieser Definition nach sollte man Videospiele doch auch „Kultur“ nennen können? Aber halt, alle Spiele? Bitte nicht! Dann müsste man, wenn man „Crysis“ sagt, auch „Landwirtschaftssimulator“ sagen. Und da liegt der Hase im Pfeffer beziehungsweise der Riss im Nano Suit.
Der Grund, warum man sich mit der Aufnahme von Videospielen in die Kultur-Kategorien und damit in eine Reihe mit Bach und Vivaldi, mit Dalí und Monnet so schwer tut, ist meine Ansicht nach vor allem die Krux mit den Genres insgesamt. Denn wenn ein Genre in die Kunst-Ecke gestellt wird, dann auch immer alle Vertreter, egal, wie gut sie sind. Beispiel Musik: Mozart ist Kunst, Bach ist Kunst, Queen sind Kunst, genauso die Beatles und die Rolling Stones, also ist Musik eine Kunst. Dann werden Carly Rea Jepson und Nickelback auch Kunst sein, oder?
Nein, sind sie nicht, das ist akustische Umweltverschmutzung! Aber so läuft es eben ab, genauso wird die „Fettecke“ zum Kulturgut und Instagram-Nutzer mit DSLR zum Foto-Vollprofi, weil die Fotographie per sé zum kulturellen Umfang des westlichen Kultur-Kanons gehört. Und so lang aus der Games-Branche der Ruf nach Aufnahme aller Spiele nicht leiser wird, wird er verhallen, uns zwar zu Recht. Der Landwirtschaftssimulator wird die Hürde nie nehmen, genauso die CoD-Reihe, wenn Activision so weitermacht.
Aber die wirklich schönen Spiele, deren Animationen mit den Bildern der großen Meister mithalten kann, die uns faszinieren und fesseln, die manchen Film in den Schatten stellen, schaffen es so nie, gesellschaftlich anerkannt zu werden. Was ihnen wirklich helfen würde, wäre ein ernsthafter Umgang mit jedem einzelnen „Kulturgut“. Wenn man nämlich die Einstufung nach (zugegebenermaßen subjektiv empfundener) Qualität und nicht stumpf nach dem Genre, dem sie angehören, festlegen würde, könnten wir alle selbsternannten Künstler, die nur aufgrund von Genrezuweisungen als solche anerkannt sind, in der Versenkung verschwinden lassen. Gleichzeitig könnten manche Spieleperlen endlich die Aufmerksamkeit bekommen, die sie verdienen.