Alter Wein in neuen Schläuchen? Der Schlauch scheint den Unterschied zu machen. Meckern auf hohem Niveau:
Und ich wollte es nicht wahrhaben. Ich dachte: „Ach, das Setting, so wichtig kann’s doch nicht sein.“ Das Anno-Prinzip ist unerschütterlich, Bauen, Bevölkerung friedliche bekommen, mehr bauen, immer so weiter. Anno 2070 ist da doch nicht anders, oder?
Und doch.
Das Setting kommt nicht an, bei mir nicht. Aber auch viele andere konnten nichts mit der nahen Zukunft als Schauplatz für das Aufbauspiel anfangen, dabei ist es doch nur alter Wein in neuen Schläuchen, ein Facelift, einfach andere Grafiken. „Das Anno-Prinzip bleibt das gleiche“, hatte Christopher Schmitz von Blue Byte vor dem Release in jede verfügbare Kamera insistiert. Nur, weil man nicht mehr in der Vergangenheit siedelt, müsste das Konzept der Serie erhalten bleiben. Denn spielerisches Grundgerüst, also alle Abläufe, die die Engine simuliert, müssten doch mit dem Erscheinungsbild nichts zu tun haben. Man würde einen Menschen nicht nur anhand seiner Kleidung beurteilen, ein Album nicht nach dem Cover, ein Spiel nicht an der Grafik.
Aber warum überzeugt mich das nach so vielen Stunden Spielzeit nicht? Zwar fasziniert mich Geschichte und das Nachspielen von längst vergangenen Jahrhunderten, aber mit der Zukunft sollte ich mich auch anfreunden können. Ist doch nur die Grafik. Aber das kommt nicht an, ich habe sichtlich weniger Spaß an 2070 als an seinem grandiosen Vorgänger 1404.
Scheinbar wirkt sich die Grafik/das Setting also auf das Spielprinzip aus. Anno wäre eigentlich das letzte Spiel, bei dem ich das behaupten würde. Aber Anno lebt von der Atmosphäre der Stadt, die man selbst aufgebaut hat. Das Spiel machte nur halb so viel Spaß, wenn man sich nicht selbst auf die Schulter klopfen könnte, während man sein Werk bewundert. Und nach dem Sprung über 600 Jahre von Spätmittelalter in die Zukunft hat sich an der Stadt so einiges verändert.
Der Sandstein ist dem Glas gewichen, der Pflasterstein dem Stahlbeton, der Ziegelstein dem Karbon. Die hellen Farben, die Pracht der Gebäude, die wehenden Fahnen und stolzen Kirchen, all das fehlt 2070. Die Städte wirken abweisend, kalt, verspiegelt, anonym. So stelle ich mir die Zukunft vor und so ist es vielleicht schon heute, aber das mag mich bei aller Realität nicht an den Bildschirm fesseln. So gut die Texturen, das Antialiasing und die Wasserdarstellung auch sein mögen, die Atmosphäre fehlt.
Dazu kommt, dass die Produktionsgebäude ihre Arbeit ins Innere verlegt haben. Man kann niemanden mehr bei seinem Tagwerk zuschauen, Roboter und vollautomatisierte Felder gehören zum Bild. Während ich mich bei 1404 stundenlang damit beschäftigen konnte, irgendwelche kleinen, liebevollen Animationen in der Spielwelt zu suchen, finde ich heute Roboter und Arbeitsdrohnen. Wie spannend.
Ebenfalls komplett unspannend ist die Seefahrt geworden. Wo früher majestätische Handelsschiffe unter der Flagge von waghalsigen Kapitänen sich Tag für Tag in die Wellen stürzten, fahren heute anonyme Transportschiffe mit dem Charme eines Fiat Multipla. Die Seefahrt ist zur Seefarce geworden, durchgeplant und emotionslos.
So, jetzt ist genug gemeckert worden. Anno 2070 ist immer noch eines der besten Spiele seines Genres, es besticht durch das einzigartige und unumstößliche Grundkonzept der Serie und funktioniert tadellos. Die Grafik ist technisch gesehen unglaublich gut, die Vertonung erstklassig, die Kampagne fordernd und der Wiederspielwert am oberen Limit.
Wäre da nicht das Setting, das wohl doch nicht unabhängig von der Spielmechanik stehen kann, sondern an diese gekoppelt ist, zumindest im Falle von Anno. Wieder ‘was gelernt.