Es ist mal wieder soweit. Lange habe ich überlegt, wie ich dieses Kapitel, das jetzt garantiert etwas umfangreicher ausfallen wird - also einige Blogs mehr als die bisherigen - gestalten kann und habe mich für die naheliegendste Variante entschieden. Ähnlichkeiten mit Personen und Begebenheiten sind unbeabsichtigt, dennoch ist alles weitgehend wahr. Vielleicht etwas überzogen, aber dafür sind wir ja schließlich hier! Nicht wahr? Also viel Spaß und willkommen im:III. Inferno 1EinmarschDer Blick durch das Fenster zeigt die Einöde des Wüstenlandes. Niemand lebt dort. Verglichen mit der Welt dort draußen ist dein Aufenthaltsort in dieser Oase der reinste Jungbrunnen. Das weckt Neider. Und die ersten hungrigen Wölfe schleichen in lauernder Haltung um diesen Jungbrunnen herum. Der Durst nach Blut und das Verlangen nach Fleisch treibt sie an, und sie warten nur auf ein Zeichen, eine Regung, das Öffnen der Pforten, um in dieses Paradies eindringen und nach Herzenslust Beute reißen zu können. Ihr Wunsch, die Pforten zu öffnen sei auch deiner Kameraden befehl. Wie ein eifriger Soldat, der tapfer von Schützengraben zu Schützengraben springt, hechtet der Marktleiter mit gezücktem und entsicherten Marktschlüssel an die Türen, um diese zu öffnen. Du siehst das Bild ganz deutlich vor Augen, wie die Wölfe aus ihrer Lauerstellung hervor preschen und den Marktleiter niedertrampeln.
Und so - oder so ähnlich zumindest - geschieht es dann auch. Ein paar Frühaufsteher hasten eilig durch die Gänge. Da sind sie nun, die Wölfe, die ihren niederen Trieben unterlegen sind. Sie greifen sie in die Regale, ziehen Sachen heraus und verlieren sich in ihrer eigenen Wichtigkeit. Es sind die typischen Menschen, die auf dem Weg zur Arbeit oder zur Schule sind oder in der Früh sonst nichts besseres zu tun haben, als einkaufen zu gehen. Der Geruch von zu früh abgebrochenem Schlaf hängt an ihnen wie ein Schleier, und hochgradig konzentrierter Stress rinnt aus ihren Poren. Zeitdruck macht ihr Leben aus. Aber dennoch müssen in der durchgeplanten Hektik unbedingt lebenswichtige Sachen gekauft werden. Und das schnell! Der Erbärmlichkeit nahe fallen die uninspirierten Einkäufe meist aus. Schokoriegel, Schokobrötchen, Kakao, Zigaretten - mal was ohne Schokolade - und die Bild Zeitung. Zu wertvoll sind die Schätze. Da kann man sich bereits morgens in der Früh bereitwillig einen unsagbaren Stress selbst erschaffen.
Du sitzt mittlerweile in deinem Kassenhäuschen, beobachtest und wartest auf den ersten, der es wagt auch nur ein Wort zu sagen. Von deiner Kasse aus kannst du einigermaßen den recht geräumigen Markt überblicken. Oh ja, du beobachtest sie. Sie, wie sie da in den Regalen wühlen. Aus deiner anfänglichen Verzweiflung resultiert nun Dominanz. Wenn der Kunde König sein will, dann bist du mindestens Kaiser. Du hast immerhin eine formschöne Kleidung an, ein Namensschild, und du bist letztendlich derjenige, der sie alle um ihr Wechselgeld bescheißen könnte, wenn sie dich herausfordern. Du herrschst in diesem Markt!
Und es geht los. Der erste Kunde an diesem Tag, der so schön hätte werden können... aber keine Zeit, die Gedanken kreisen zu lassen.
LatzhoseEr ist Ende 20, Anfang 30 oder vielleicht auch schon 40, so genau kann man das nicht beurteilen, trotz schmuddeliger Arbeitskleidung allerdings gepflegt. Er riecht zumindest nach knapper Dusche und irgendeinem aufdringlichen Aftershave. Automechaniker oder Monteur oder sonst was. Jedenfalls ist seine blaue Latzhose mit reichlich Flecken übersäht. Er schmeißt ruckartig die zwei Brötchen, die Schachtel Marlboro Gold, die zwei Packungen Kakaogetränk und die Tafel Milka, Geschmacksrichtung Rosette, wie du sie immer so schön nennst, aufs Band. Wer hätte es gedacht. Ein allmorgendlicher Routineeinkauf.
"Moin", sagt er mit krächzender Stimme. Die von leichten Stressfalten gezeichneten Augen werden nur von zwei dunklen Balken darunter übertrumpft. Seine Haare sind mit Schuhcreme oder Schneckenschleim nach links, zur Mitte und dann kreuz und quer, aber Hauptsache nach oben geschmaddert. Das Kinn ist mit üblen Stoppeln verziehrt, und dennoch riecht er nach Aftershave. Das befürwortet den aufkeimenden Verdacht – der hat verpennt, hat es eilig zur Arbeit zu kommen, muß aber trotzdem noch Geld ausgeben. Nun gut, so sei es. "Moin."
Der Scanner gibt seine ersten gelangweilten Pieplaute von sich, als du die Artikel schwunghaft darüber hinwegfliegen läßt. Du steckst gerade voller Elan, aber das interessiert weder Latzhose, noch die Kasse zwischen ihm und dir. Du wendest deinen Blick der Preisanzeige zu, nachdem alle Waren gescannt sind und setzt gerade zur Verkündung an, da unterbricht er dich: "Ich brauch noch ne Handykarte." "Ja OK, für welches Netz?" "15 Euro." "Ähm, ...nein, ich meine, für welches Netz das Guthaben sein soll." Gut, ein kleines Missverständnis. Das kann ja durchaus mal passieren. Aber so freundlich lächelnd, wie du ihn anschaust, so hibbelig wird er. "Ich brauche eine Handykarte für 15 Euro!" Sein Tonfall wird von leicht anschwellender Aggression begleitet. "Welches Netz haben sie denn", fragst du mit diplomatischer Ruhe, "ich muß das hier in der Kasse eingeben. Die Aufladenummern funktionieren leider nicht Netz-übergreifend."
Es macht Klick und seine Aggression verfliegt zusehens. Er nennt dir einen Netzanbieter und jetzt dauert es ein paar Sekunden, bis das Guthaben in der Kasse registriert ist. Jeder weiß das, aber Latzhose wird etwas zappelig. "Das dauert immer etwas", sagst du in einer normal desinteressierten Haltung, aber du weißt genau, was Latzhose zumindest denkt: "Hätte ich bloß nichts gesagt!" Und du hoffst, daß Latzhose weiß, was du gerade denkst. "Hättest DU bloß nichts gesagt!" Dein Blick und sein Blick kreuzen sich kurz, und man ist sich schweigend auf unangenehme Art und Weise einig. Zumindest scheint er genauso wie du das Gefühl zu haben, dem jeweils anderen gerade den Titel Sackfresse zugeschoben zu haben.
Keine halbe Minute später ist auch die Kasse soweit, den Extrabon für die Handykarte auszudrucken, und Latzhose bezahlt brav seine zweiundzwanzig Euro und ein paar Cents. Er reißt dir die Bons aus den Händen, braucht scheinbar keine Belehrung, daß der eine die Aufladenummer enthält, der andere nur der Kassenbon ist. "Schüss..." murmelt er und eilt davon. "Tschüss..." Du blickst etwas irritiert hinterher. "...und verpass deine Bahn nicht“, denkst du noch, während Latzhose seine Bahn an der Haltestelle vor dem Laden tatsächlich verpasst, fluchend hinter dem Vehikel herbrüllt und wild mit den Armen wedelt.
Ist doch noch ein schöner Morgen geworden. Zumindest ein schönes Bild, wie Latzhose im zwielichtigen Schein der, noch aufgehenden, Sonne da steht und sich ärgert. Und du freust dich sichtlich darüber. Ein breites Grinsen ziert dein Gesicht, während du dir den Anschiss ausmalst, den Latzhose von seinem Chef bekommt; oder gar die Kündigung? Immerhin trifft es mal nicht dich. Und ein bißchen Spaß muss auch mal sein. Das sagte schon der brasilianische Philosoph Roberto Blanco, dessen Weisheiten du schon immer sehr zu schätzen wusstest.
Freudig drehst du dich wieder um, da steht ein harmloser Opi vor dir...
Fortsetzung folgt
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