Gamestar 08/2015

Erscheinungsdatum: 29. Juli 2015  |  Seitenumfang: 130 Seiten

Editorial

Eine Frage des Vertrauens

Wir schreiben den Oktober 2006. Mir gegenüber sitzt mein Kollege Daniel Matschijewsky und schwitzt Blut und Wasser. Warum? Er darf Gothic 3 testen, das meisterwartete Rollenspiel des Jahres. Und fragt sich zunehmend, ob es wirklich so eine tolle Idee war, sich freiwillig für die große Titelstory zu melden. Dabei bekommen wir zum Test die Goldmaster-Version, finaler geht es eigentlich nicht. Und dennoch stolpern wir über mehr Bugs als Schimpfwörter.

Als wir Publisher Jowood damit konfrontieren, stoppt dieser kurzfristig die Produktion der Spiele-DVDs und verspricht, sämtliche (!) Bugs bis zum Verkaufsstart zu beheben. In Folge bekommt Kollege Matschijewsky täglich neue Patches, die vorhandene Fehler korrigieren, aber auch neue hinzufügen. Die Spielstände sind natürlich nicht miteinander kompatibel, weswegen Daniel nach jedem Update wieder von vorn beginnen muss und ich viele Dialoge des Prologs bis heute zitieren kann: »Was ist eigentlich mit Lester?«

In Folge begehen wir den wahrscheinlich größten Fehler der GameStar-Geschichte: Wir entschließen uns, Gothic 3 trotz aller Probleme eine 85 zu geben und bescheinigen dem Spiel sogar das Potenzial für eine 89, falls Entwickler Piranha Bytes wie von Jowood versprochen die Bugs bis zum Verkaufsstart in den Griff bekommt. Zum einen, weil wir trotz aller Probleme durchaus viel Spaß mit dem Rollenspiel-Monster haben. Zum anderen, weil wir die Schwere und Vielzahl der Bugs sträflich unterschätzen und gleichzeitig Jowood sträflich vertrauen. Der arme Daniel konnte am wenigsten etwas dafür.

Das Ergebnis ist bekannt: Gothic 3 wird vollkommen kaputt auf den Markt geworfen – erstaunlicherweise noch kaputter als unsere anfängliche Goldmaster-Version. Und unser damaliger Test wird uns noch heute – also fast zehn Jahre später – von erbosten Community-Mitgliedern als unwiderruflicher Beleg für unsere erwiesene Inkompetenz um die Ohren gehauen, falls mal wieder ein Lieblingsspiel »mindestens eine 90 verdient hat«.

Gibt es zu frühe Titelstorys?

Warum ich Ihnen diese Anekdote aus grauer Vorzeit erzähle? Weil sie auch auf den Tisch kam, als wir im Team darüber konferierten, ob wir Elex, dem jüngst angekündigten neuen Spiel von Piranha Bytes, schon jetzt eine Titelstory widmen dürfen. Ein mindestens so ambitioniertes Rollenspiel-Projekt wie seinerzeit Gothic 3, von dem gerade mal ein roher Prototyp existiert. Darf man schon jetzt Vorfreude auf etwas wecken, was eventuell auch böse in die Hose gehen kann?

Wir haben diese Frage diskutiert, sie aber letzten Endes mit einem eindeutigen »Ja« beantwortet. Piranha Bytes haben mit den Risen-Spielen zuletzt vielleicht keine Meisterwerke abgeliefert, aber dennoch mehrfach bewiesen, dass sie inzwischen in der Lage sind, größtenteils bug-freie Spiele abzuliefern. Außerdem dürfen wir uns nicht über Leser beschweren, die uns für unsere Gothic-3-Wertung kritisieren, wenn wir unsererseits Piranha Bytes immer noch wegen des damaligen Debakels misstrauen.

Das dritte und für mich wichtigste Argument ist aber schlichtweg das Interesse unserer Leser. Allein schon die Ankündigungs-news wurde auf GameStar.de hundertfach kommentiert und auf Facebook geteilt. Das Thema – pardon – elextrisiert unsere Community. Entsprechend ist es auch unsere Pflicht als Spielejournalisten, so viel wie möglich darüber rauszufinden. Und wie gut uns das gelungen ist, können Sie in unserer Titelstory nun selbst überprüfen.

Viel Spaß beim Lesen, Gestalten und Spielen!
Heiko Klinge

 
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