Ubisofts DLC-Zukunft : Aus Rainbow Six: Siege lernen? Eine fantastische Idee! Aus Rainbow Six: Siege lernen? Eine fantastische Idee!

Publisher lieben (und brauchen) Profit. Das ist nichts Neues, trotzdem will das hier zum Einstieg nochmal vergegenwärtigen: Die Königswürde des Kunden hängt an seiner Kaufkraft - und danach richten sich strategische Unternehmensentscheidungen in erster Linie aus. Money makes the gaming world go round, oder so. In der Spielelandschaft hat das alles zum Glück vergleichsweise selten was mit unmenschlichen Arbeitsbedingungen und krummen Ressourcen-Deals zu tun, trotzdem spürt man die Monetarisierungstendenz tagtäglich. Ein neues Phänomen in der Spielelandschaft kann noch so nobel und kreativ starten, auf kurz oder lang finden Menschen einen Weg, damit ordentlich Geld zu scheffeln. Und genauso sieht's auch mit DLCs aus.

Kaum werden digitale Inhalte und Downloadplattformen wie Steam wichtiger, schon denken sich eifrige Tüftler den perfekten Weg aus, damit Geld zu machen: Mini-Addons, für die man sogar auf den Vollpreis draufzahlen muss. Genial! Das fängt klein an mit Winzbeträgen für belanglose Pferderüstungen. Ein paar Jahre später gibt's dann aber den nächsten Schritt: Der Season Pass als DLC-Shortcut kostet manchmal fast genauso viel wie das Hauptspiel, mindestens aber seine 30 Euro - oft nur für ein paar läppische DLCs. Und mittlerweile beinhaltet dieser magische Pass nicht mal mehr zwangsläufig alle Inhalte, wie bei Anno 2070 und Street Fighter 5. Es gibt Collector's Editions in zehn verschiedenen Ausführungen, digitale Vorbesteller-Boni, Premium-Mitgliedschaften, Ingame-Shops in Vollpreisspielen - für 60 Euro bekommen wir nicht mehr zwangsläufig ein Spiel, das sich vollständig anfühlt, zumindest nicht im Triple-A-Business.

Und dann kommt Ubisoft und sagt in einem Interview mit der Branchenseite GameIndustry.biz an, dass DLCs künftig quasi ausnahmslos kostenlos sein werden. Klingt wie ein Aprilscherz. Ist es aber nicht. Hinter der neuen Strategie steckt aufmerksames Kalkül. Trotzdem will ich hier lautstark dafür appellieren, dass Ubisofts Neuausrichtung unbedingt Schule machen sollte.

Warum Rainbow Six: Siege aktuell so viele Spieler begeistert

Money makes the gaming world go round

Die Zeiten von mehr oder minder belanglosen Cash Grabs, Map Packs und Challenge Paketen könnten künftig der Vergangenheit angehören. Als Paradebeispiel führt der Publisher hier Rainbow Six: Siege an, das zwar einen optionalen Season Pass für 30 Euro bietet, abseits von rein kosmetischen Extras aber all seine Inhalte komplett kostenlos für alle Spieler zur Verfügung stellt - gleichzeitig wird Rainbow Six (wie jüngst angekündigt) noch mindestens bis Ende 2017 mit neuem Content versorgt. Idealerweise soll sich dieser Zeitraum bei künftigen Spielen auf fünf bis zehn Jahre erweitern. Ich bezahle also meine 60 Euro und kriege zehn Jahre kostenlose Inhalte? Donnerwetter.

Rainbow Six Siege
Screenshots aus dem DLC »Operation Black Ice«

Natürlich gibt's hier Einschränkungen. Die Umstellung von Ubi betrifft ausschließlich Spiele mit Multiplayer. Bei Solo-Kampagnen kosten größere Inhalts-Updates nach wie vor Geld. Gleichzeitig - und das beobachte ich als Storyenthusiast mit Sorge - wird der Anteil an reinen Singleplayer-Spielen in den nächsten Jahren wohl spürbar abnehmen. Stattdessen bekommen wir Hybrid-Titel mit Mehrspieler-Anteil wie Ghost Recon: Wildlands, Watch Dogs 2 und For Honor, in denen sich mehrjährige Content Updates auch rentieren. Und zwar durch Echtgeld-Shops.

Ubis neues Modell ist zwangsläufig an Ingame-Shops gebunden, die über die Jahre das nötige Geld eintreiben. Dass das funktioniert, zeigen ja zuletzt die Bestrebungen von Activision und EA, in ihren Flaggschiffen Call of Duty und Battlefield ebenfalls Skin-Shops einzubauen. Aber sei's drum: Solange diese Dinge optional bleiben und die Balance unberührt lassen, bezahlen die willigen Liebhaber solcher Gimmicks zig Jahre an Inhalten, von denen alle Spieler profitieren. Klingt nach Win-Win. Ubisoft handelt hier natürlich nicht aus reiner Spielerliebe, sondern auf Basis cleverer Abwägungen. Rainbow Six: Siege verbucht immense Spielerzahlen, rangiert quasi immer unter den Top 20 bei Steam und (abgesehen von Serverproblemen) lieben die Spieler den Multiplayer-Shooter. Und Liebe ist ein erstaunlich wichtiger Faktor, auch im Spielegeschäft.

Von den Besten lernen

So attraktiv reißerische »Cash Grabs« angesichts der im Schnitt jungen Spielerschaft auch sein mögen, so sehr sollte man sich vor dem Shitstorm einer aufgebrachten Community in Acht nehmen. Activision kämpft hiermit quasi am laufenden Band (haben Sie den Trailer zu Infinite Warfare schon gesehen?), aber auch Ubisoft musste in der Vergangenheit ordentlich Kritik für unsaubere Releases (Assassin's Creed Unity) und fehlplatzierte DLC-Politik (Anno 2070) einstecken. Auch wenn es auf den ersten Blick nicht so aussehen mag: Der Triple-A-Markt ist gegenwärtig ein heißes Pflaster. Die Verkaufszahlen diverser großer Marken (Dishonored 2, Titanfall 2, Watch Dogs 2, Infinite Warfare) bleiben hinter den Erwartungen der Publisher zurück, bei Assassin's Creed legen die Entwickler aufgrund der Kritik zurecht eine Kreativpause ein.

Gleichzeitig zeigen Spiele wie League of Legends, Dota und Payday 2 (vor dem berüchtigten Echtgeld-Update), wie groß man seine Marke mit dem richtigen Community-Management machen kann - selbst wenn das eigentliche Spiel im Fall der Mobas kostenlos ist. Kein Wunder, dass sich Ubisoft genau hier eine dicke Scheibe abschneidet - die DLC-Politik von Rainbow Six: Siege wirkt ohnehin wie eine Weiterentwicklung der Payday-Idee. Davon dürften auch die Spielerzahlen profitieren: Mit so integrativen Updates für alle Spieler vermeidet man eine Zwei-Klassen-Spielerschaft aus DLC-Besitzern und Normalos wie bei Battlefield, Call of Duty oder Battlefront.

Hinter Ubis Zukunftsplänen mag letztlich auch nur wieder der Profit stehen. Das soll mir persönlich aber recht sein, sofern der Weg zum Geld auch für die Spieler profitabel ausfällt. Und das tut er zumindest bei Rainbow Six: Siege. Nachdem wir Spieler uns seit Jahren drüber ärgern müssen, dass viele Publisher fast schon wie einem Straßenbasar immer neue Tricks ausprobieren, mit denen sie neben dem Vollpreis zusätzliche Moneten verdienen können, freut mich aufrichtig, dass hier Besserung in Sicht ist.

Ich habe keine Lust mehr auf die Grabenkämpfe zwischen Spielern und Spieleherstellern, Shitstorms und Betrugsvorwürfe. Und verbuggte Releases sind ebenfalls eine Zumutung. Rainbow Six: Siege geht mit seinen Spielern reif, transparent und respektvoll um - und erntet dafür eine treue Community, Geld und vor allem Vertrauen. Wenn das wirklich Schule machen sollte, bin ich zufrieden. Nur die gegenwärtigen Serverprobleme von Siege dürfen dabei gerne draußen bleiben.