Kolumne zu Windows 10 : Microsoft tut sehr viel, um uns zum Wechsel zu Windows 10 zu bringen – Nils meint sogar: zu viel. Microsoft tut sehr viel, um uns zum Wechsel zu Windows 10 zu bringen – Nils meint sogar: zu viel.

Da ist was faul im Ökosystem Windows – und zwar alles außer Windows 10. Diesen Eindruck vermittelt Microsoft zumindest seit Monaten, jüngstes Beispiel ist die für viele überraschende Ankündigung, dass zukünftige Prozessor-Generationen nur noch von der neuesten Windows-Version vollständig unterstützt werden sollen. Weit weniger überraschend ist dagegen, dass Microsoft mit diesen Plänen nicht grade auf Gegenliebe stößt, zumal das IT-Unternehmen in den letzten Monaten bereits bei vielen anderen negativen Schlagzeilen im Zentrum der Aufmerksamkeit stand.

Zum Thema » Windows 10 im Test Alle Infos, Spiele-Performance, DirectX 12 » 30 Jahre Windows Von Windows 1.0 über Windows 95 bis Windows 10 » Windows und Safedisc / Securom-Kopierschutz Alte Spiele laufen nicht mehr Microsoft Windows 10 ab 14,99 € bei Amazon.de So wurde etwa kurz vor dem Erscheinen von Windows 10 Ende Juli 2015 bekannt, dass sich Updates in der Home-Version nicht ohne Weiteres deaktivieren lassen (Stichwort: Zwangsupdates). Zum Release selbst hat Microsoft dann (vor allem hinsichtlich des kostenlosen Upgrades) viele offene Fragen nicht oder nur sehr schwammig beantwortet, etwa in Bezug auf eine mögliche Hardware-Bindung von Windows 10. Kurz nach Erscheinen des Betriebssystems machten wiederum schnell Berichte die Runde, dass Windows 10 besonders fleißig Daten sammeln würde, so dass Verbraucherschützer sogar von einer »privaten Abhöranlage« gesprochen haben.

Gereizte Stimmung

Dass das Ende der Fahnenstange damit noch lange nicht erreicht ist, zeigt allein der Blick in die News auf GameStar.de: Seit dem Release von Windows 10 haben wir 142 News zu dem Suchbegriff »Windows« veröffentlicht. Davon wurden 27 News jeweils mindestens 100 Mal kommentiert, der Spitzenreiter (»Microsoft darf Nutzung gefälschter Spiele und unerlaubter Hardware verhindern«) kommt sogar auf stolze 370 Kommentare.

Bei den so oft kommentierten Nachrichten geht es fast ausschließlich eher um negative Inhalte für Microsoft, etwa zu Problemen beim Start älterer Spiele (143 Kommentare), zu Updates, die ungewollt Einstellungen verändern oder Programme entfernen (100 Kommentare) oder zu der bereits angesprochenen Streichung des Supports für neue CPUs unter Windows 7 und Windows 8.1 (260 Kommentare). Zum Vergleich: Als Windows 8 im Oktober 2012 erschienen ist, gab es in einem ähnlichen Zeitraum nach Release zum Suchbegriff »Windows« 177 News, von denen allerdings nur elf mehr als 100 Mal kommentiert wurden.

Diese Zahlen sind natürlich nur bedingt miteinander vergleichbar und negative Nachrichten werden erfahrungsgemäß häufiger kommentiert als neutrale oder positive. Außerdem nicht zu vergessen: Nur weil Microsoft auf den ersten Blick negative Schlagzeilen mit etwas macht, muss das noch lange nicht bedeuten, dass sie auch wirklich in dem Ausmaß verdient sind.

Die Stimmung gegenüber Microsoft ist aber in vielen Foren merklich gereizter als noch zu Zeiten von Windows 7 und sogar Windows 8 – und das obwohl gerade Windows 8 aufgrund der starken Zugeständnisse in Richtung Tablets und Touch-Bedienung (Stichwort: »Kacheln«) viel Kritik einstecken musste. Die Schuld an der gereizten Stimmung trägt Microsoft aber aufgrund der oft ungeschickten Kommunikation gegenüber der Öffentlichkeit meiner Meinung nach größtenteils selbst.

Kolumne zu Windows 10 : Bei den Besuchern von GameStar.de hat Windows 10 das geschafft, was Windows 8 und Windows 8.1 nie gelungen ist: Windows 7 als Spitzenreiter bei den Betriebssystemen zu verdrängen.

Umfrage auf GameStar.de, Januar 2016
Bei den Besuchern von GameStar.de hat Windows 10 das geschafft, was Windows 8 und Windows 8.1 nie gelungen ist: Windows 7 als Spitzenreiter bei den Betriebssystemen zu verdrängen.

Der Wechseldruck ist (zu) groß

Der große Unterschied zwischen der neuesten und den älteren Windows-Versionen besteht nämlich darin, dass man Windows 8 viel einfacher links liegen lassen konnte als heutzutage Windows 10 – und Microsoft tut sehr viel dafür, diesen Eindruck zu verstärken. Alleine der (vermutlich nur zunächst) auf ein Jahr begrenzte Zeitraum für die Nutzung des kostenlosen Upgrades setzt Windows-Nutzer trotz der vermeintlichen Großzügigkeit unter Druck. Und durch die sich immer wieder meldende »Get Windows 10«-App oder unerwünschte Hintergrund-Downloads von Windows 10 wird dieser Druck nicht gerade gemildert.

Ebenfalls ein wichtiger Faktor: Das exklusiv für Windows 10 reservierte DirectX 12 wird deutlich gravierendere Änderungen mit sich bringen, als dass bei den ebenfalls exklusiven Vorgängern DirectX 11.1 (Windows 8) und DirectX 11.2 (Windows 8.1) der Fall war, auch wenn passende DirectX 12-Spiele immer noch auf sich warten lassen. Windows 7 wird außerdem nicht jünger. Zum Release von Windows 8 war es etwa drei Jahre alt, beim Erscheinen von Windows 10 dagegen schon sechs Jahre.

So nicht, Microsoft!

Diese explosive Mischung aus vergleichsweise großem Wechseldruck und zahlreichen negativen Schlagzeilen führt bei vielen Windows-Nutzern verständlicherweise zu einer Trotzhaltung, getreu dem Motto »So nicht, Microsoft!«. Dabei beruhen viele der größten Kritikpunkte an Windows 10 aus meiner Sicht eher auf Missverständnissen und auf äußerst ungeschickter Kommunikation seitens Microsoft als auf belastbaren Fakten.

Der viel diskutierte Blog-Eintrag zu dem eingeschränkten CPU-Support und Windows 7 und Windows 8 ist ein gutes Beispiel dafür: Wer sich die Mühe macht, ihn selbst zu lesen, der muss sich erst durch Unmengen an PR-Gerede sowie Eigenlob und Fremdlob für Windows 10 in Form von Zitaten großer PC-Hersteller wie HP, Lenovo oder Dell kämpfen, da der Blog-Eintrag sich ganz explizit an Unternehmenskunden richtet.

Kolumne zu Windows 10 : Auch bei Steam ist Windows 10 auf dem Vormarsch. In der letzten Umfrage aus dem Dezember 2015 konnte Windows 7 zwar noch nicht ganz eingeholt werden, das dürfte sich aber in den nächsten Monaten ändern.

Steam-Umfrage
Auch bei Steam ist Windows 10 auf dem Vormarsch. In der letzten Umfrage aus dem Dezember 2015 konnte Windows 7 zwar noch nicht ganz eingeholt werden, das dürfte sich aber in den nächsten Monaten ändern.

Der Bereich, in dem es ans Eingemachte geht, ist wesentlich kompakter – und lässt dementsprechend auch viele Fragen offen. Was genau bedeutet es, dass neue CPU-Generationen nur noch von der jeweils aktuellen Windows-Version unterstützt werden? Wie häufig wird es die im Blog angesprochenen »besonders kritischen Sicherheits-Updates« für Skylake-Systeme mit Windows 7 und Windows 8 nach Ablauf der Deadline für den Support ab dem 17. Juli 2017 wirklich geben? Und inwiefern soll jemand mit einem Selbstbau-PC die versprochene Kompatibilitäts-Liste helfen, die sehr wahrscheinlich nur Geräte wie Komplett-PCs oder Notebooks enthalten wird?

Dabei ist doch stark anzunehmen, dass Windows 7 und Windows 8 zumindest problemlos auf Systemen mit neuen Prozessoren starten werden, da auch die kommenden CPU-Generationen auf der x86-Architektur basieren, die uns jetzt schon so viele Jahre lang begleitet. Statt drei Viertel des Blog-Eintrags mit weitgehend inhaltslosem Gerede zu verschwenden, hätte Microsoft diese und andere wichtige Punkte besser konkret ansprechen und vor allem wirklich klären sollen.

Kolumne zu Windows 10 : Der Autor
Hardware-Redakteur Nils Raettig spielt seit ungefähr 25 Jahren auf dem PC. Dabei hat er privat so gut wie alle Microsoft-Betriebssysteme von MS-DOS über Windows 95 bis hin zu Windows 10 mehr oder weniger intensiv genutzt und sich beruflich vor allem mit Windows 10 sehr ausführlich in Form von Artikeln und Videos beschäftigt. So gut ihm Windows 10 auch gefällt, so wenig hält er allerdings von Microsofts oft intransparenten und ungeschickten Umgang mit der Öffentlichkeit.

Erfolg mit fadem Beigeschmack

Bei all dem darf man allerdings zwei Dinge nicht vergessen: Einerseits, dass die Fraktion der privaten PC-Spieler für Microsoft (zumindest kurz- und mittelfristig) wirtschaftlich gesehen deutlich weniger Bedeutung hat als die Fraktion der geschäftlichen Firmenkunden – für die ist Windows 10 nämlich nicht kostenlos.

Andererseits, dass man in Redmond mit dem starken Druckaufbau zu Gunsten eines Wechsels zu Windows 10 gerade unter PC-Spielern mit den größten Erfolg hat (siehe Grafiken). Das ist allein schon deshalb der Fall, weil eher technikaffine Einzelpersonen sich mit einem zeitweise kostenlosen Wechsel des Betriebssystems sicher deutlich weniger schwer tun als Unternehmen, die teilweise auch zur Anschaffung neuer Hard- und Software in großem Stil gezwungen wären.

Dieser Umstand führt zu der paradoxen Situation, das Windows 10 ausgerechnet dort am erfolgreichsten ist, wo die Kritik daran wohl am lautesten geäußert wird. Da ist es eigentlich gar nicht mehr so verwunderlich, dass sich Microsoft so wenig um die Fragen und Sorgen der »Otto-Normal-Nutzer« schert – gleichzeitig ist es aber auch genau das, was mir persönlich besonders sauer aufstößt. Dabei sind all diese Querelen um Windows 10 eigentlich ein Jammer, weil es aus meiner Sicht ein sehr gutes Betriebssystem ist und weil ich so manche heiß diskutierte Entscheidung von Microsoft durchaus nachvollziehen kann.

Aber ganz unabhängig davon, wie man zu diesen Entscheidungen auch stehen mag, sollte Microsoft dringend mit dem penetranten Drängen zum Wechsel zu Windows 10 aufhören und endlich mit transparenter Kommunikation und vernünftiger Öffentlichkeitsarbeit anfangen.

Ich bin mir sicher, dass in diesem Fall viele die Frage »Wechseln oder nicht wechseln?« deutlich lieber mit »Ja« beantworten würden.