Das Schwarze Auge: Drakensang im Test
Mega-Test zur deutschen Rollenspielhoffnung
Fazit der Redaktion
Trockener Brocken
Christian Schmidt: »Drakensang teilt ein entscheidendes Problem mit Gothic 3: Es ist viel zu groß. Der Vorwurf mag irrsinnig erscheinen. Aber mehr Spiel heißt nicht mehr Spielspaß. Um den Riesenraum irgendwie zu füllen, zwingt mir Radon Labs mit ermüdender Regelmäßigkeit lange Laufwege, ständige Dauerkämpfe und zahlreiche Wiederholungen auf. Die Dungeons gehören zum langweiligsten, was man in Rollenspielen so zu sehen bekommt: Ereignislose Schläuche aus immergleichen Bausteinen, gefüllt mit Standardmonstern - Oblivion lässt grüßen. Wenn Sie von Rollenspielen Dramatik, Tempo, Emotion erwarten, Finger weg von Drakensang! Erforschen Sie dagegen gern gemütlich-hübsche Welten, basteln an Charakteren und bringen Geduld für Fleißarbeit mit, dann ist das Spiel rundum eine Empfehlung.«
Klassisch, kantig, gut
Michael Graf: »Innovativ oder gar originell - nein, das ist Drakensang gewiss nicht. Außerdem krankt Radon Labs' urdeutscher Traditionskoloss an tausend Mikromacken, an denen ich herumkritteln könnte. Könnte, aber nicht möchte. Denn all das juckt mich nicht, ist mir noch wurster als der Einwand, die Steigerung »wurster« existiere gar nicht. Auch ohne in einer bestimmten Disziplin überhell zu glänzen, vereint Drakensang nämlich die Tugenden des klassischen Rollenspiels: Handlung, Dialoge, Kämpfe -- alles unterhaltsam, alles gut. Vom ersten Schritt bis zum Endkampf fesselt mich das altmodische Abenteuer durchgehend. Und das ist mir allemal wichtiger als erzwungene Innovation oder aalglatte Sterilität à la Oblivion.«
Traditionalisten-Traum
Heiko Klinge: »Ich mag meinen Kaffee mit einem Stück Zucker, meine Musik mit lauten Stromgitarren und meine Rollenspiele mit taktischen Kämpfen. Drakensang ist eine spielgewordene Liebeserklärung an Klassiker wie Pool of Radiance, Baldur’s Gate oder Neverwinter Nights und trifft damit genau meinen Nerv. Das komplexe Charaktersystem erlaubt ein herrlich flexibles Heldenaufpäppeln, in den abwechslungsreichen Kämpfen entdecke ich ständig neue Strategien, die spannende Geschichte liefert allerfeinsten Fantasy-Stoff und ein wahrhaft episches Finale. Sicher, an einigen Ecken und Kanten merkt man, dass Drakensang nicht das Millionen-Budget eines Oblivion oder Mass Effect hatte. Aber das Wichtigste stimmt: Ich spiele in einer Welt, in der ich mich von Anfang bis Ende richtig schön wohlfühle. Für mich als Traditionalisten ist Drakensang deshalb das beste Rollenspiel seit Baldur’s Gate 2.«