Dishonored: Die Maske des Zorns im Test
Viel Freiheit, wenig Story
Fazit der Redaktion
Jochen Gebauer: »Ach, Dishonored. Ich würde mich wirklich gerne Hals über Kopf in dich verlieben. Aber du lässt mich ja nicht so recht. Du hast alle Elemente für eine fantastische Story – und erzählst stattdessen einen 0815-Plot. Du hast eine faszinierende Spielwelt – und erweckst sie nie so wirklich zum Leben. Du hast alternative Lösungswege, unheimlich coole Spezialfähigkeiten und originelle Einfälle – und treibst mich mit einer verunglückten KI und einem viel zu niedrigen Schwierigkeitsgrad in den Wahnsinn.
Ach, Dishonored, was mache ich bloß mit dir? Oh, ich weiß: Ich wünsche mir, dass du dich trotz meiner Kritik super verkaufst, weil du Charme hast und Ambition und Mumm in den Knochen. Und dann wünsche ich mir, dass dein zweiter Teil nicht nur mutig ist, sondern verwegen genug, um zu sagen: »Ich kann mindestens genauso gut sein wie Thief und Bioshock und Deus Ex!« Denn das kannst du; auch wenn du es im Augenblick noch nicht bist.«
Michael Graf: »Berechtigte Kritik hin oder her, bei mir löst Dishonored vor allem eines aus: Dankbarkeit. Ich bin dankbar, dass Bethesda Mut zur neuen Marke beweist. Dankbar, dass es noch andere Actionspiel-Szenarios gibt als Terrorkrawall und Alien-Gedöns. Dankbar, dass Dishonored mich als Spieler ernst nimmt, mir Intelligenz zugesteht und mich eigene Wege suchen lässt, statt mich durch eine call-of-dutyeske Schießbude zu schleusen.
Endlich beweist mal wieder ein großer Publisher, dass er Kreativität zu schätzen und zu fördern weiß – man hätte schon denken können, sie sei inzwischen Indie-Entwicklern vorbehalten. Auch wenn Dishonored nicht zu Ende gedacht ist und an schmerzhaft vielen Stellen zeigt, dass in diesem großartigen Universum so viel mehr möglich gewesen wäre – ich mag’s. Vor allem als Schleichspiel, in dem ich sogar Bluthunde mit Betäubungspfeilen schlafen lege, um ja wirklich nichts und niemanden zu töten. Wer diese Faszination nachvollziehen kann, wird Dishonored ebenso dankbar sein wie ich.«
Malte Witt: »Der Kollege Gebauer hat leider Recht: Dishonored hat seine Schwächen. Die Handlung bleibt völlig uninteressant, die Spielwelt zieht mich nicht in ihren Bann, die recht dümmliche KI macht das Spiel ziemlich einfach. Aber was soll’s? Ich spiele Dishonored grade schon zum zweiten Mal durch, weil es mir genau das liefert, was ich erwartet habe: Ein Spiel, in dem ich zu jeder Zeit genauso vorgehen darf, wie ich das will. Mir stehen unzählige Wege zur Verfügung, unzählige Mittel, mein Ziel zu erreichen. Es ist etwas schade, dass sich die Talente im Vergleich zum Quasi-Vorgänger Dark Messiah of Might & Magic so beliebig anfühlen, denn so richtig spezialisieren kann man sich nicht. Dafür kann ich die Talente auf unterschiedliche Arten und Weisen einsetzen. Kurz gesagt: Dishonored lässt mir die Wahl, zu jeder Zeit. Und dafür liebe ich es.«