Hitman: Episode 5 :

Zum Thema Hitman ab 6,98 € bei Amazon.de HITMAN - The Full Experience für 41,99 € bei GamesPlanet.com Wer in den vergangenen Monaten 50 Euro in die Hand genommen und sie bei Steam (oder den Konsolen-Pendants) für die sogenannte Full Experience von Hitman ausgegeben hat, der kaufte sich damit vor allem ein Versprechen: Mit jeder neuen Episode wollen die Entwickler aus dem sechsten Serienteil das größte und beste Hitman aller Zeiten basteln. In der Realität war das für viele Skeptiker kaum mehr als eine überteuerte Wundertüte, denn faktisch spielen konnten sie lediglich das Tutorial und vielleicht ein oder zwei Aufträge. Und wer keinen Bock hatte, diese Missionen immer und immer wieder mit neuen Strategien anzugehen, der war nach zwei Stunden fertig seiner »Experience«. Von »Full« keine Spur.

Mit der aktuellen Colorado-Episode nähert sich Hitman mittlerweile aber dem Staffelfinale, der Content hat sich seit Release der Paris-Location locker verfünffacht. Zehn Elusive Targets (also Bonus-Missionen, für die man nur zwei bis drei Tage Zeit hat) konnten Fans bisher live erlegen, es gibt Dutzende von Zusatzaufträgen in den einzelnen Locations (sogenannte Escalation Missions, die jeweils aus fünf immer härteren Jobs bestehen), Hunderte von Featured Contracts aus der Community, ein gigantisches Arsenal an Gadgets für Agent 47, die man auch rückwirkend in älteren Episoden nutzen kann - kurz: Hier hat sich was getan. Aber auch genug, um jetzt den Vollpreis zu rechtfertigen? Episode Fünf - so viel will ich vorwegnehmen - könnte als einer der anspruchsvollsten Hitman-Aufträge der Seriengeschichte das Zünglein an der Waage sein.

Aber bevor ich mit Hitman in den Ring steige, werfe ich mal ein dickes »Sorry« in den Raum, denn ich hab's versäumt, Episode Vier im Gamescom-Trubel zu testen (was veröffentlicht Square die Mission auch mitten im Messegeschehen!). Als kleine Wiedergutmachung beziehe ich den Bangkok-Auftrag kurz in diesem Artikel mit ein - das kann man nämlich guten Gewissens machen, weil sowohl der neueste Colorado-Job, als auch die letzte Mission in Thailand beide von derselben Sache profitieren: dem Schwierigkeitsgrad.

Hier geht's zum Test der Bonus-Episoden zu Hitman

Hitman zieht an

Auf der Gamescom habe ich mir von IO Interactive erklären lassen, dass die neuesten Hitman-Episoden spürbar härter ausfallen werden als die ersten drei Episoden. Der Grund dafür ist nachvollziehbar: Man will verhindern, dass Agent 47 zu routiniert meuchelt. Mittlerweile haben die Spieler so viele Zielpersonen in Toiletten ertränkt, mit explosiven Gummienten hochgejagt oder mit Münzen in eine dunkle Ecke gelockt, dass »mehr vom gleichen« einfach nicht greifen würde. Die Bangkok-Episode im exotischen Paradies-Hotel zeigt deshalb bereits eindrucksvoll, wie IO die Hitman-Formel auflockert. Selbst mit aktivierten Wegpunkten reicht es hier nicht, stumpf den Markern zu folgen, denn dann landet man vor einer bewachten Tür und muss sich was Cleveres einfallen lassen. Die beiden Zielpersonen in dem prunkvollen Fünf-Sterne-Etablissement auf Silent Assassin zu erledigen, ist ein wirklich hartes Stück Arbeit. Aber wer sich Mühe gibt, kriegt echt was zu sehen: Zum Beispiel ein Hotelatrium, das 47 mit Pestiziden ausgeknockt hat.

Mit diesen knackigeren Herausforderungen rangiert die vierte Episode ganz weit oben bei den besten Hitman-Missionen. Ein klarer Schritt in die richtige Richtung. Aber wie sieht's mit Colorado aus? Hier muss 47 nicht nur eine oder zwei Zielpersonen um die Ecke bringen, sondern gleich vier (also mehr denn je). Und das auch nicht undercover als Hotelgast, Tourist oder Auktionsteilnehmer, sondern inmitten einer geheimen Terrormiliz im US-amerikanischen Hinterland. Ab der ersten Sekunde der Mission bin ich als Spieler hinter feindlichen Linien, jeder andere Mensch in diesem Gebiet legt umgehend auf mich an. Wo frühere Episoden sich noch wie ein Bond-Film oder Heist-Movie anfühlen, wirkt das hier eher wie ein Splinter Cell: Conviction: Agent 47 schleicht mit taktischer Kampfmontur durch einen schwer bewachten Komplex.

Das überrascht. Bei der Ankündigung einer USA-Episode haben wohl die meisten Fans mit irgendeinem urbanen Groß- oder Kleinstadtszenario gerechnet wie bei der grandiosen Hope-Mission aus Hitman: Absolution. Die Entwickler erzählen mir, dass sie bewusst mit den Erwartungen spielen wollen und kein offensichtliches New-York-City-Setting wählen. Kann man so sehen, auf der anderen Seite wären belebte Straßen mit fahrenden Autos und allerhand Verkehr in der statischen Engine von Hitman wohl auch nahezu unmöglich gewesen. Aber sei's drum, auch Colorado kann punkten - zwar nicht unbedingt mit optischer Opulenz, dafür aber mit spielerischer Extraklasse.

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Hitman: Episode 5 - Colorado
Mit der fünften Episode wird der Contract-Modus überarbeitet, das Spiel erkennt und unterscheidet zig Mordarten.

So müssen sich Siege anfühlen

Der Colorado-Job besteht aus einigen Zelten, Hütten und Häusern in abgesperrter US-Wildnis. Überall patrouillieren Wachen, selbst mit einer Verkleidung fühlt man sich selten so wirklich sicher. Dieses Paranoia-Gefühl steht in hartem Kontrast zu der schillernden Sapienza-Episode: Hier geht's düster, brutal und gnadenlos zur Sache, denn jeder NPC ist ein knallharter Terrorist. Locations wie Italien oder Thailand geben sich deutlich verspielter, Colorado wirkt eben nicht wie ein exotisches Szenario, in dem man allerlei Schabernack mit seinen Gadgets treiben und Passanten mit skurrilen Manövern verwirren kann. Ich bringe als Agent 47 kein geheimes Chaos in eine an sich zivile Welt, sondern fühle mich wie ein Geheimagent hinter feindlichen Linien. Das schafft Abwechslung, der Open-World-Flair früherer Aufträge kommt in der neuen Mission dafür weniger zur Geltung.

Aber auch in Colorado geht's alles andere als linear zur Sache: In dem riesigen Areal kann ich in beliebiger Reihenfolge die vier Ziele angehen, Wachen aus dem Verkehr ziehen und mit den neuen Signature Kills experimentieren. An einer Stelle proben die Fieslinge zum Beispiel ihren geplanten Terroranschlag mit einer Autorampe - ein Schelm würde da an der Steuerung herumspielen und gucken, was passiert. Mehr will ich nicht spoilern, nur so viel: Trotz des etwas zurückgefahrenen Open-World-Aspekts ist Colorado genau das, was ich mir spielerisch gewünscht habe. Die gnadenlose Umgebung zwingt mich zum Umdenken alter Strategien, gerade wenn ich den Auftrag ohne Wechsel der Klamotte schaffen will, und das Splinter-Cell-Feeling bringt atmosphärisch frischen Wind ins Killer-Leben. Als Einzelepisode kommt die US-Location zwar insgesamt nicht ganz an das Niveau von Thailand oder Sapienza heran, im Kontext der anderen Missionen fügt sie sich jedoch sehr abwechslungsreich ins übergeordnete Spielkonzept ein.

Aber auch abseits dieser einen neuen Episode werkelt IO Interactive fleißig am Spiel. Die Elusive Targets kommen mittlerweile recht regelmäßig alle zwei bis maximal drei Wochen und werden immer aufwendiger inszeniert, den Escalation Missions (in denen man fünf immer härtere Aufträge hintereinander angeht) merkt man die wachsende Expertise des Entwickler-Teams ebenfalls an und Hitmans gigantisches Arsenal aus Explosiv-Gummienten, Breach Charges, Macheten, Messern, Giftmischungen und Co. erlaubt wildes Herumexperimentieren. Einzig die Challenges entwickeln sich meiner Meinung nach in eine fragwürdige Richtung.

Auf Richtung Staffelfinale

Klar, es macht richtig Laune, die bizarren Achievements freizuschalten, wenn man Zielpersonen mit Avocados, fliegenden Elchen oder Kokosnüssen umbringt (fragen Sie nicht). Aber mittlerweile ist es oft nicht mehr möglich, diese Varianten ohne die Hilfe des Internets zu lösen, weil ich schlicht nicht weiß, was ich zu tun habe. In Marokko muss ich alle Soldaten als Offizier in den Hinterhof schicken, dann taucht auf magische Weise ein Radio auf, das ich vor dem Schullautsprecher platziere - und erst dann fängt die komplette Miliz an zu tanzen. Lustig, aber ohne Guide nicht zu bewältigen. Und andere Challenges lassen sich nur lösen, wenn ich eigene Missionen im Editor darauf zuschneide. Die Idee dahinter ist super, aber als Hitman-Achiever experimentiere ich gerne auf eigene Faust und gerate hier an Grenzen, die mich nerven. Zumal das Internet nicht gerade vor Hitman-Guides explodiert.

Aber das ist Detailkritik für Enthusiasten wie mich. In der Summe würde ich soweit gehen, zu behaupten, dass bisher skeptische Fans früherer Hitman-Spiele, die im Grunde was mit dem leicht repetitiven Spielprinzip anfangen können, mittlerweile guten Gewissens zur Full Experience greifen können. Das Spiel wird nicht nur permanent überarbeitet und mit neuem Content versorgt, sondern bietet auch im jetzigen Zustand schon genügend Umfang, um auch Nicht-Hardcore-Fans lange genug bei der Stange zu halten. Und auch die Rahmenhandlung gewinnt an Fahrt: Hingen bisherige Aufträge noch recht lose zusammen, suchen Agent 47 und Diana jetzt gezielt nach den Verbindungen, um den mysteriösen Shadow Client aus seinem Loch zu treiben. Im Hinblick auf die ausstehende sechste Episode und das Staffelfinale zeigen die bisherigen Missionen also, dass IO Interactive im Schnitt ein gutes bis sehr gutes Niveau an den Tag legt - ganz ohne negative Ausreißer. Außerdem scheinen die Dänen mittlerweile auch wieder den monatlichen Release-Rhythmus einzuhalten. Sehr schön.