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Und als ich dem armen Kerl an jenem nasskalten Tag im Januar 2010 wortlos das Paket aus den Händen reiße, während er voller Panik in Richtung Tür schielt, in der nicht ganz unbegründeten Erwartung, gleich von einem etwa 30 Zentimeter hohen Derwisch angefallen zu werden, habe ich unsere unterkühlte Beziehung bestimmt auch nicht verbessert.

Leider ließ sich der unwirsche Austausch nicht vermeiden, denn im Paket war Mass Effect 2, und bei so was muss man Prioritäten setzen. Schließlich habe ich über zwei Jahre lang darauf gewartet, endlich zu erfahren, wie es weitergeht mit Commander Shepard und den Reapern.

Tschüss Normandy

Im »Büro« ist alles generalstabsmäßig vorbereitet: Der PC erwartungsvoll und einsatzbereit hochgefahren, der sorgfältig gehütete Spielstand des ersten Teils zum Rapport auf dem Desktop, eine Kanne Kaffee auf dem Schreibtisch und das Telefon abgestöpselt. Es kann losgehen. Und da ist sie auch schon, meine schlanke, pfeilschnelle, perfekt getarnte und ... explodierende Normandy? Was zur Hölle?

Mass Effect 2

Plötzlich geht alles ganz schnell: Ich rette Joker aus dem Wrack (darüber sprechen wir übrigens noch, unbekannte Angreifer!), werde in den Weltraum geschleudert, habe ein Loch im Anzug und bin ... tot? Wollen die mich auf den Arm nehmen?

Ah, Moment, anscheinend bin ich bloß ein bisschen tot, denn irgendwie flickt mich da wieder jemand zusammen. Und zwar ... Cerberus? Diese xenophoben Alienfeinde, denen ich im ersten Teil noch mit Freuden die Basis unterm rassistischen Hintern weggeblasen habe? Ausgerechnet denen soll ich jetzt auch noch dankbar sein?

Wir sinnen auf Rache

Mit einem Wort: Wow! Mass Effect 2 brennt schon im Intro mehr »Oh mein Gott«-Momente ab als andere Spiele in 40 Stunden. Ich bin gefesselt, nein, mehr noch, ich bin Hals über Kopf eingetaucht in eine andere Welt, und das nach gerade mal acht Minuten.

Und wie schon im Vorgänger gelingt es Bioware beinahe spielend, die ganze Angelegenheit zu einer sehr persönlichen Vendetta zu machen. Das war mein Schiff und meine Crew, verdammt noch mal! Ich habe zwar keine Ahnung, wer (oder was?) mich da vom Himmel gepustet hat, aber wenn ich die Feiglinge in die Finger kriege, dann ist echt Schluss mit lustig, aber so was von!

Und weil wir gerade dabei sind: Bloß weil ihr Cerberus-Heinis mich wiederbelebt und mir eine niegelnagelneue Normandy gegeben habt, müsst ihr euch nicht einbilden, dass ich euch auch nur einen Meter über den Weg traue oder euch gar dankbar bin. Mit Rassisten kann ich gar nicht, selbst wenn es (scheinbar) extrem großzügige Rassisten sind.

Die goldene Mitte?

Der Mittelteil einer Trilogie leidet häufig unter strukturellen Problemen: Eine Story will weitergesponnen, aber eben nicht vollständig aufgelöst werden, diverse Plot-Elemente müssen fürs Finale in Stellung gebracht werden, haben allerdings (noch) keinen unmittelbaren Einfluss, neue Figuren werden eingeführt, es entstehen zwangsläufig lose Enden.

Mass Effect 2 eröffnet zwar geschickt mit einem Paukenschlag und schlägt so einen überzeugenden Bogen weg von der Space-Opera-Natur des ersten Teils und hin zum neuen zentralen Element der Selbstmordmission.

Bei allem erzählerischen Geschick kann Bioware aber nicht ganz kaschieren, dass es auch bei Mass Effect 2 ein paar typische Mittelteil-einer Trilogie-Probleme gibt. Die eigentliche Handlung beispielsweise ist – gerade im Vergleich zur komplexen Vorgängergeschichte – ziemlich dünn.

Einen erheblichen Teil des Spiels verbringe ich eben nicht damit, den Reapern (oder ihren neuen Kumpels, den Kollektoren) das Handwerk zu legen, sondern düse quer durch die Galaxis, um erst mal ein Team zu diesem Zweck zusammenzustellen. Habe ich eine festgelegte Anzahl an Söldnern rekrutiert, lassen sich die Reaper bzw. die Kollektoren »zufällig« kurz blicken, ich darf ein bisschen Story spielen und anschließend wieder Crewmitglieder einsammeln.