Adé 2D, hallo The Outer Worlds - Meinung: Endlich Schluss mit Oldschool!

Peter war einst ein großer Befürworter klassischer Rollenspiele im isometrischen Look. Doch Kickstarter und Oldschool-Hype haben den Markt überschwemmt - und inzwischen sehnt nicht nur er sich wieder nach modernen 3D-RPGs.

von Peter Bathge,
15.01.2019 15:00 Uhr

Peter hat genug von isometrischer Perspektive und Oldschool-Rollenspielen. Mit The Outer Worlds geht Obsidian seiner Meinung nach den richtigen Weg - in die Zukunft.Peter hat genug von isometrischer Perspektive und Oldschool-Rollenspielen. Mit The Outer Worlds geht Obsidian seiner Meinung nach den richtigen Weg - in die Zukunft.

Ich hätte nie gedacht, dass es mal soweit kommt. Ausgerechnet das - von mir! Aber ich schätze, es war nur eine Frage der Zeit. Wobei, ehrlich gesagt hat niemand etwas falsch gemacht. Im Gegenteil. Alles lief genauso, wie ich es mir jahrelang ausgemalt habe.

»Die detaillierten 2D-Hintergründe sehen fantastisch aus«, schrieb ich einst über Pillars of Eternity an anderer Stelle. Und: Das Rollenspiel von Obsidian sei »die perfekte Symbiose aus moderner Einsteigerfreundlichkeit und lange vergessener Komplexität«. Kurzum: »Pillars of Eternity ist ein fantastisches Rollenspiel« und »genau das RPG, das ich mir gewünscht habe«.

Das war 2015, als Obsidian Entertainment nach erfolgreicher Kickstarter-Kampagne den Oldschool-Charme meiner geliebten Party-Rollenspiele/CRPGs im Stile von Baldur's Gate 2 (natürlich das beste PC-Spiel aller Zeiten) wiederbelebte - für mich das Highlight des damaligen Jahres, noch vor The Witcher 3.

Und jetzt, vier Jahre später? Da habe ich die Schnauze voll von Oldschool-RPGs. Vielleicht freue ich mich 2019 deshalb so sehr auf The Outer Worlds - und vielleicht geht es Entwickler Obsidian genauso.

Der Autor
Peter Bathge liebt Rollenspiele, egal ob Mass Effect, Deus Ex oder Baldur's Gate. Sein einstiges Lieblingsstudio Bioware erkennt er inzwischen zwar kaum noch wieder. An seiner allgemeinen Faszination für Quest-Entscheidungen, Stufenaufstiegen und Multiple-Choice-Dialogen hat das aber nichts geändert. Nur ganz so oldschoolig wie anno dazumal muss es für ihn im RPG-Genre erst mal nicht mehr zugehen.

Überangebot im RPG-Genre

Das Problem: Nach Pillars of Eternity (und Divinity: Original Sin ein Jahr zuvor, 2014) überrollte eine wahre Oldschool-Welle den PC-Markt - ein Rollenspiel nach dem nächsten setzte auf isometrische Perspektive, Heldengruppe, textlastige Dialoge und Kampfsystem mit Pause oder Rundenmodus.

Tyranny, Torment: Tides of Numenera, Pathfinder: Kingmaker, dann natürlich die Nachfolger Divinity: Original Sin 2 und Pillars of Eternity 2 - das waren alles sehr gute bis exzellente Genre-Vertreter, die zurecht in unserer Liste der besten Rollenspiele stehen.

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Aber sie haben mich auch erschöpft, haben mir nach langer Durststrecke ein bisschen den Appetit verdorben, weil sie doch alle recht ähnlich daherkommen. Und weil sie (fast) alle eine Spielzeit von 60, 80 oder gar 100 Stunden auf die Waage bringen, mich theoretisch Wochen, wenn nicht gar Monate am Stück beschäftigen.

Was ich früher bei Baldur's Gate als Schüler und später bei Pillars of Eternity aus Nostalgie gerne gemacht habe, dafür habe ich heute oftmals keine Muße mehr. Nicht wenn ich vier, fünf dieser Umfangsmonster praktisch hintereinander spielen muss. Ausnahmen wie Assassin's Creed: Odyssey bestätigen die Regel.

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Alles schon mal gesehen

Die Marktlücke für Oldschool-Rollenspiele ist meiner Meinung nach längst geschlossen. Auch weil es schwer für irgendeinen Entwickler ist, an Larian Studios und ihrem Meisterwerk Divinity: Original Sin 2 vorbeizukommen. Selbst Obsidian hat das als Begründer der Bewegung nicht geschafft; nach allem was man hört, war Pillars of Eternity 2: Deadfire wirtschaftlich eher so semi-erfolgreich.

Ich bin mit Schuld daran, habe ich es mir doch gar nicht mehr gekauft, trotz aller Liebe für Teil 1 - mein Bedürfnis nach einer lange vorenthaltenen CRPG-Spritze war da nämlich schon längst gestillt. Mir geht's inzwischen ein bisschen wie Sandro mit seiner Abneigung gegenüber Hardcore-Rollenspielen.

Für viele Rollenspieler geht es nicht besser als in Divinity: Original Sin 2. Andere Oldschool-Rollenspiele haben da anscheinend keine Chance, nicht einmal hochklassige Vertreter wie Pillars of Eternity 2.Für viele Rollenspieler geht es nicht besser als in Divinity: Original Sin 2. Andere Oldschool-Rollenspiele haben da anscheinend keine Chance, nicht einmal hochklassige Vertreter wie Pillars of Eternity 2.

Ich brauche keine beim Spielstart undurchschaubare Charaktererstellung, die Stunden später unweigerlich in einem Neustart resultiert, komplett mit »Dieses Mal mach ich es besser«-Vorsätzen. Und isometrisches 2D mag ja noch so schön sein, aber neue Spiele dürfen gerne auch mal meine Hardware ausreizen, gerade jetzt, wo mein 144-Hertz-Monitor auf Signale der teuren Geforce-RTX-2080 wartet.

Daher reizt mich The Outer Worlds, dessen Macher sich zwar auch auf alte Stärke besinnen wollen - aber gleichzeitig ein modernes Spiel mit Ego-Perspektive und 3D-Grafik entwickeln. Eines, das sich endlich mal von einer Serie inspirieren lässt, die abseits des Szenarios viel zu selten als Blaupause für Rollenspiele herhält: Fallout. Oder genauer: Bethesdas Fallout.

Nicht ganz so verstaubt, bitte!

Klar, es gibt mehr als genug Rollenspieler, die weiterhin Black Isles 2D-Fallouts als die einzig wahren Bringer der Postapokalypse verehren. Aber für mich war es einfach ein besonderer Moment, mit Fallout 3 das erste Mal komplett aus der Sicht meines Charakters in diese Welt einzutauchen, aus der Ego-Perspektive eben. Der Sprung zur 3D-Engine hat die Serie für mich auf einer gänzlich neuen Ebene interessant gemacht und nicht ganz zufällig ein Millionenpublikum begeistert. Schade, dass Bethesda mit Fallout 76 einen anderen Weg geht.

Warum aber haben nicht mehr Spiele in den letzten Jahren diesen für Bethesda Game Studios so typischen Mix aus Erkundung und Selbst-den-Weg-finden adaptiert? Ich finde das ungemein schade - und es hatte ohne Zweifel auch negative Auswirkungen für die Branche, waren sich die Entwickler doch sicher, mit Fallout und The Elder Scrolls ein Monopol auf diese Art der Ego-Rollenspiele zu haben. Das hat sich auch bei der Qualität bemerkbar gemacht, ich fand ja schon Fallout 4 nicht mehr so prickelnd wie den Vorgänger.

Ich wünsche mir mehr 3D-Fallout (links), weniger 2D-Rollenspiele im Oldschool-Gewand (rechts, Pillars of Eternity 2). Das ist wie mit den Weltkriegs-Shootern: Als es die Anfang der 2000er Jahre wie Sand am Meer gab, hingen sie uns alle zum Hals raus, heute aber haben wir wieder Spaß an Call of Duty: WW2 und Battlefield 5, trotz Asbach-Uralt-Szenario. Vielleicht plädiere ich in 2022 ja wieder für eine erneute Renaissance der isometrischen Perspektive? Wer weiß!

Dabei weiß Obsidian, immer noch stark mit den Black-Isle-Anfängen verbunden und teils mit demselben Personal wie vor über 20 Jahren besetzt, doch selbst am besten, was für ein mächtiges Werkzeug die Ego-Perspektive in einem Rollenspiel sein kann, die (mehr oder minder) realistische 3D-Grafik. Herr Richter, ich präsentiere Beweisstück B: Fallout: New Vegas.

Der Trip in die Mojave-Wüste ist vielen Spielern positiv in Erinnerung geblieben. Und er dürfte wohl auch mit verantwortlich dafür sein, dass Obsidian mit The Outer Worlds jetzt quasi ein Fallout im Weltraum macht. Im Interview mit GameStar sagte Tim Cain, seines Zeichens Fallout-Erfinder und bei The Outer Worlds als Co-Game-Director für die große Vision zuständig, zwar jüngst, dass er hoffe, die Oldschool-Welle sei noch nicht fertig geschwappt.

Aber ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass The Outer Worlds für Obsidian auch den Versuch darstellt, der Oldschool-Nische ein Stück weit zu entkommen - und sich nach der Crowdfunding-Phase mit Pillars of Eternity 1+2 von dem Ruf als »Spieleschmiede für alte Gamer« zu distanzieren.

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The Outer Worlds spricht mit 3D-Grafik, Ego-Perspektive und actionreichen Ballereien eine breitere und womöglich auch jüngere Zielgruppe an, will (auch in Sachen Science-Fiction-Szenario oder beim stark präsenten Humor) frischer sein, neuer sein als die übliche Obsidian-Kost der letzten Jahre. Gut so, denn von der alten Schule habe ich erstmal genug!

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