Cyberpunk 2077 - Laut Ex-Entwickler Crunch-Chaos wie bei Anthem, aber CD Projekt verspricht humane Arbeitszeiten

Vier Ex-Entwicklern zufolge soll die Arbeit an Cyberpunk 2077 ähnlich holprig wie bei Anthem laufen, aber CD Projekt gelobt Respekt für seine Angestellten.

von Maurice Weber,
19.05.2019 12:43 Uhr

Wie hart sind die Arbeitsbedingungen bei Cyberpunk 2077? Die leitenden Entwickler geloben, sich gut um ihre Mitarbeiter zu kümmern, einige ehemalige Angestellte üben aber Kritik.Wie hart sind die Arbeitsbedingungen bei Cyberpunk 2077? Die leitenden Entwickler geloben, sich gut um ihre Mitarbeiter zu kümmern, einige ehemalige Angestellte üben aber Kritik.

Ohne Crunch und Überstunden geht es auch bei der Entwicklung von Cyberpunk 2077 nicht - aber die Entwicklung soll zumindest weniger zehrend werden als die von The Witcher 3. Das versprach CD Projekts Mitbegründer Marcin Iwinski in einem Interview mit Kotaku: »Wir haben klar kommuniziert, dass es natürlich Momente gibt, in denen wir härter arbeiten - die E3-Demo ist denke ich ein gutes Beispiel - aber wir wollen humaner sein und die Leute mit Respekt behandeln. Wenn sie sich frei nehmen wollen, können sie sich frei nehmen.«

Kotaku-Autor Jason Schreier will aber auch von vier Ex-Entwicklern gehört haben, die eine ähnlich chaotische und stressige Arbeit wie bei Biowares Anthem beschreiben. Schreier war es auch, dessen Insider-Report die Probleme mit Anthem an die Öffentlichkeit brachte.

CD Projekts Umgang mit Crunch

Laut Iwinski verfolgt das Studio eine »nicht-verpflichtende Crunch-Politik«: Zwar werden Mitarbeiter sehr wohl gebeten, nachts und an den Wochenenden zu arbeiten, es sei aber nicht verpflichtend, das dann auch zu tun. Das Studio wolle sich öffentlich dazu bekennen, damit Mitarbeiter ruhigeren Gewissens sagen können, wenn sie mal keine Überstunden einlegen wollen.

Allerdings wollte Iwinski auf Schreiers Nachfrage keine konkreten Grenzen für Crunch oder Überstunden setzen. Zwar gebe es Puffer-Perioden für unvorhergesehene Umstände im Terminkalender, aber zusätzliche Arbeitszeit könne trotzdem nötig werden: »Wir versuchen, das nicht einzuplanen. Aber manchmal ist das trotzdem das Ergebnis und ja, dann brauchen wir zusätzliche Zeit. Interne Spieleplanung ist richtig schwer.« Cyberpunk-Leiter Adam Badowski ergänzte:

"Aus einer breiteren Perspektive betrachtet muss man bedenken, dass die ganze Produktion vier oder fünf Jahre dauert und es die meiste Zeit, vielleicht drei Jahre, keinen Crunch gibt. Es gibt keine Überstunden. Manchmal vor der E3, aber die meiste Zeit ist die Produktion supernormal.

Wir reden hier von der letzten Runde vor Release. Es ist immer schwer zu managen, aber du weißt, dass es manche Komplikationen gibt. Und es ist sehr schwer, nicht alle Arbeitskraft zum Ende einzusetzen. "

Im Gegensatz zu vielen anderen Entwicklern zahlt CD Projekt Red allerdings für die zusätzliche Arbeit: 50 Prozent mehr für Nachtarbeit und das doppelte an Wochenenden. Das Studio räumt aber auch ein, dass die Grundgehälter in Polen niedriger sind als in manchen anderen Ländern.

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Kritik von ehemaligen Mitarbeitern

Einige von Jason Schreiers Quellen zeichnen ein negativeres Bild von der Cyberpunk-Entwicklung als Iwinski und Badowski. Vier ehemalige Mitarbeiter hätten sich bei Schreier gemeldet und einer beschriebt die Zustände als ähnlich schlimm wie die chaotische und anstrengende Arbeit an Anthem:

"Ich hatte das Gefühl, dass man hunderte Parallelen zwischen der holprigen Entwicklung von Anthem und der hoplrigen und bald noch holprigen Entwicklung von Cyberpunk 2077 ziehen könnte. Manchmal war mein Eindruck, ich könnte einfach den Studionamen und den Spieletitel austauschen und es würde alles so ähnlich aussehen, fast identisch."

Schreiers Kontakte erzählten außerdem, dass Entwickler dieses Jahr auch an polnischen Feiertagen arbeiten sollten und Urlaub nur zu festgelegten Zeiten nehmen durften - entweder im Sommer kurz nach der E3 oder im Winter. Dies bestätigten auch Iwinski und Badowski. Sie betonten aber, dass Ausnahmen zu besonderen Anlässen möglich sein. »Wir werden danach eine Umfrage machen und uns gut um die Leute kümmern.«

Bereits nach der E3-Demo 2018 hätten mehrere Entwickler gegenüber Schreier erklärt, dass CD Projekt eine »Crunch-Kultur« förderte und Entwickler starken Druck zu exzessiven Überstunden verspürten. Dass die E3-Demo Crunchzeiten erforderten, hatten auch Iwinski und Badowski eingeräumt. Laut Schreiers Quellen sind aber nicht alle Mitarbeiter davon betroffen - manche vermeldeten auch, dass sie gerade ihre bislang beste Zeit bei der Firma haben.

Cyberpunk 2077 - Screenshots ansehen

Die Arbeitsbedingungen bei Spiele-Entwicklern standen in jüngster Zeit immer wieder im Rampenlicht, von den 100-Stunden-Arbeitswochen bei Red Dead Redemption 2 bis zu jüngsten Vorwürfen gegen die Mortal-Kombat-Macher.

CD Projekt will sich dagegen einen Ruf erarbeiten, seine Angestellten zu respektieren. »Wir haben auch Privatleben«, so Badowski. »Wir werden älter, und die meisten Leute, die für Crunch verantwortlich sind, die haben Familien und Kinder, die sehen das ganz genauso«. Iwinski betont: »Wir haben eine Menge grundlegender Funktionen geschaffen, damit wir uns verbessern können. Mit diesem öffentlichen Gelübde zeigen wir hoffentlich, dass wir diese Angelegenheit sehr ernst nehmen.«

Wenn Cyberpunk 2077 tatsächlich zwischen 2020 und 2021 erscheint, wie wir vermuten, dann wird die entscheidende Entwicklungsphase bald anbrechen.

Crunch bei Red Dead Redemption 2 - Videodiskussion: Braucht es 100-Stunden-Arbeitswochen für ein Meisterwerk? 23:00 Crunch bei Red Dead Redemption 2 - Videodiskussion: Braucht es 100-Stunden-Arbeitswochen für ein Meisterwerk?


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