»Obsidian wollte mir verbieten, je wieder RPGs zu machen« - Chris Avellone will Pillars-Macher mit Zähnen und Klauen bekämpfen

Obsidian-Mitbegründer Chris Avellone lässt in einem Interview kaum ein gutes Haar an seinem ehemaligen Studio: Man habe ihn enteignet und wollte ihn dann zum Schweigen bringen.

von Maurice Weber,
04.05.2018 20:00 Uhr

Selten erleben wir, dass ein Entwickler sich derart harsch gegen seinen früheren Arbeitgeber wendet wie jüngst Chris Avellone.Selten erleben wir, dass ein Entwickler sich derart harsch gegen seinen früheren Arbeitgeber wendet wie jüngst Chris Avellone.

Knebelverträge, Vertragsbrüche und unerträglich chaotische Arbeitsabläufe: RPG-Großmeister Chris Avellone (Fallout 2, Planescape: Torment, Knights of the Old Republic 2) zeichnet auf RPG Codex ein düsteres Bild von seiner Zeit bei den Pillars-of-Eternity-Machern Obsidian Entertainment. Obwohl er zu den Gründern des Studios gehörte, hätte ihm Mitgründer Feargus Urquhart seine Besitzeranteile eines Tages einfach entzogen, als er die Finanzen der Firma infrage stellte. "Er hat mir gesagt, keine Sorge, du darfst immer noch für uns an Tyranny arbeiten", so Avellone. "Und meine Antwort: Das ist okay, ihr könnt alleine daran arbeiten."

Den Abgang hätte ihm Obsidian dann auch nicht leicht gemacht. Avellone erklärt, er habe keinerlei Aktienanteile oder Kapitalauszahlungen erhalten und das Studio habe mehrere bestehende Verträge gebrochen. Dafür hätte man ihm einen neuen vorgelegt:

"Weil ihnen meine Familienprobleme und meine Schulden bewusst waren, versuchten sie das auszunutzen und mich in eine deutlich engere Trennungsvereinbarung zu drängen. Die hätte mir das Recht genommen, an RPGs zu arbeiten oder über irgendetwas zu sprechen, an dem Obsidian oder sein Vorsitzender beteiligt waren.

[...]Das brachte mich dazu, Teile meines Lebens zu überdenken. Als mir klar wurde, dass Schulden meine Entscheidung beeinflussten, konzentrierte ich mich darauf, so hart wie möglich zu arbeiten, um den Betrag, den Obsidian als Druckmittel nutzte, wettzumachen. Als das klappte, dämmerte mir, dass ich frei war. Feargus und die Besitzer hatten keinen Anspruch auf meine Stimme, meine Zeit und meine Kreativität mehr. Und es war großartig. "

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Avellone betont, dass er seine Kollegen bei Obsidian sehr schätzte und mit einigen immer noch korrespondiert. Aber er habe sich geschworen, nie mehr etwas zu tun, das der Führungsebene um Urquhart in irgendeiner Weise einen finanziellen Vorteil verschaffe. Und mit weiterer Kritik am Management hielt er auch nicht hinterm Berg. Als etwa die Entscheidung getroffen wurde, bei Pillars of Eternity große Teile seiner Story um Durance und die Trauernde Mutter zu streichen, hätte ihm wochenlang über mehrere Meetings niemand genaue Gründe dafür genannt oder konstruktives Feedback gegeben.

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Außerdem ließen sich die Projektleiter oft von persönlichen Sympathien leiten, erzählt er in einem inzwischen über 80 Seiten langen Thread im Forum von RPG Codex. Eric Fenstermaker, der Lead Narrative Designer von Pillars, hätte etwa seinen eigenen Lead Writer John Gonzalez derart verabscheut, dass er kaum mit ihm zusammenarbeiten wollte - obwohl das in dieser Position unerlässlich sei. So hätte Fenstermaker mit Gonzalez einen tollen Autoren vergrault, der seine Fähigkeiten später mit Mordors Schatten und Horizon Zero Dawn unter Beweis stellte.

Fenstermaker arbeitet inzwischen selbst nicht mehr bei Obsidian, meldete sich aber trotzdem zu Wort, um die Firma zu verteidigen: "Mir hat es dort gefallen, so sehr, dass ich über ein Jahrzehnt dort geblieben bin - und ich hatte durchaus lukrativere Optionen. Gute Leute haben das Studio geleitet, und gute Leute haben dort gearbeitet." Er räumte ein, dass er die Streichung von Avellones Pillars-Inhalten nicht optimal über die Bühne brachte und sich dafür bei ihm entschuldigt hätte.

Hinter den Kulissen von Pillars of Eternity lief laut Chris Avellone einiges schief.Hinter den Kulissen von Pillars of Eternity lief laut Chris Avellone einiges schief.

Allerdings distanzierte er sich abgesehen davon klar von dessen Sichtweise: "Du sprichst nicht für mich. Unsere Perspektiven sind meilenweit voneinander entfernt. Meine Erinnerung an manche dieser Ereignisse unterscheidet sich massiv von deiner, und ich unterstütze deine Darstellung nicht."

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Laut Avellone war die Entwicklung des ersten Pillars so schlecht geplant, dass sogar Teammitglieder von Tyranny abgezogen werden mussten, um es rechtzeitig fertigzustellen. Diese verlorenen Ressourcen hätte Obsidian nie kompensiert, und das laut Avellone, ohne Publisher Paradox zu informieren. "Publisher hören es allgemein gar nicht gern, dass sie die Ressourcen nicht kriegen, für die sie bezahlt haben."

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Und laut Avellone könnten seine Enthüllungen erst der Anfang sein. Auf die Frage, ob er Angst vor den Konsequenzen hat, so negativ über seinen früheren Arbeitgeber zu sprechen, gab er sich kämpferisch:

"Abgesehen davon, dass ich das Geld wettgemacht habe, das mir Obsidian nicht gezahlt hat, habe ich eine Summe für rechtliche Konsequenzen beiseite gelegt, und ich werde mit Zähnen und Klauen gegen alles kämpfen, was sie vorbringen. Ich heiße das sogar willkommen.

Wenn ich bösen Taten gegenüberstehe (die als solche von aktuellen Angestellten eingeordnet werden, die bald zurücktreten werden - schaut in einer Woche oder zwei wieder rein für die nächste Runde, obwohl bei einem die Katze schon aus dem Sack ist), werde ich bereit sein, sie zu bekämpfen. Ich garantiere, dass ich mehr auf dem Konto habe als Obsidian, weil sie selten länger als zwei Monate vorausplanen - und unglücklicherweise berechnet ihr sehr, sehr teurer Anwalt seinen Lohn nach Stunden, was unglücklich ist, aber wie ein Schiffshalter-Fisch weiß er immer, woran er sich klammern muss, um den größten Gewinn rauszuschlagen.

Aber es ist alles in Ordnung - Paradox hat sich bereits bei mir gemeldet, und sie sind nicht allzu glücklich damit, wie Obsidian die Arbeit gehandhabt hat, um die sie gebeten haben. Künftige Enthüllungen werden vermutlich deutlich spaßiger ausfallen als meine."

Seit seinem Weggang hat Avellone unter anderem den untoten Begleiter Fane für Divinity: Original Sin 2 beigesteuert und arbeitet inzwischen am Oldschool-Rollenspiel Pathfinder: Kingmaker. Obsidian hat sich bislang nicht zu Avellones Kritik geäußert, wir haben aber ein offizielles Statement angefragt.

Quellen: RPG Codex, Resetera

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