Wie Youtube-Entwickler den Internet Explorer 6 zu Fall brachten

Vor 10 Jahren schmiedete ein kleines Team von Youtube-Programmierern einen heimlichen Plan, um den Internet Explorer 6 loszuwerden. Und sie waren erfolgreich.

von Manuel Schulz,
10.05.2019 20:11 Uhr

Youtube warnt auch heute noch vor veralteten Browsern (Screenshot Arstechnica.com)Youtube warnt auch heute noch vor veralteten Browsern (Screenshot Arstechnica.com)

Knapp 10 Jahre ist es her, dass der Internet Explorer 6 (IE6) plötzlich rapide an Bedeutung verlor. Doch bisher wusste niemand, wieso es eigentlich dazu kam. Weil er immer wieder die Quelle für massive Probleme mit Youtube war, schmiedete ein kleines Team von Youtube-Entwicklern heimlich einen Plan, den veralteten Browser möglichst von der Bildfläche zu verbannen (via arstechnica.com).

Als die Truppe sich an ihr Werk setzte, liefen noch 18 Prozent des Youtube-Traffics über den Internet Explorer 6. Das führte jedoch immer wieder zu einem großen Problem, denn im IE6 verhielten sich einige HTML-Befehle anders als erwartet und konnten so sogar Youtube-Server mit Bluescreens zum Absturz bringen.

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Ein Hauptschuldiger war dabei der HTML-Befehl <img>, der zum Bildeinbau verwendet wird. War dieser ohne Quellenangabe im Quelltext zu finden, versuchte der Internet Explorer 6 den gesamten Ordner als Quelle zu laden, was zu einer Lastspitze bei den Servern führte.

Daher war es jedes Mal ein Notfall, wenn ein <img>-Tag den Weg in den Quelltext fand, schildert der ehemalige Youtube-Mitarbeiter Chris Zacharias in seinem Blog:

"Wann immer es ein Problem gab, war es brutal und es hatte mit dem Internet Explorer 6 zu tun. IE6-Nutzer machten zu dem Zeitpunkt aber noch 18 Prozent unserer User aus. Wir wussten, dass wir daher nicht einfach den Support einstellen konnten."

Zu viel Traffic

Nach einer erneuten kurzen Nacht wuchs dann die Idee heran, einfach anzudrohen, den IE6-Support einzustellen. Der Plan war einfach: Ein Banner über Youtube-Videos sollte schlicht behaupten, dass der Support eingestellt würde, gekoppelt mit der Bitte, auf einen neuen, moderneren Browser upzugraden.

Der Internet Explorer 6-Banner bei Youtube (Bild Chris Zacharias)Der Internet Explorer 6-Banner bei Youtube (Bild Chris Zacharias)

"Dabei war der Text vage formuliert und kein Zeitplan genannt. Die Nutzer konnten also einfach den Browser zu wählen, den sie wollten, oder die Meldung auch einfach schließen, um sich später damit zu befassen."

Spezielle Rechte machten es möglich

Ein wichtiger Faktor dabei war, dass firmenintern außer dem Web-Entwicklungsteam von Youtube (das zum damaligen Zeitpunkt schon zu Google gehörte) praktisch niemand mehr den Internet-Explorer 6 benutzte. Dadurch fiel das Banner bei Youtube zunächst keinem auf.

Auch die Übersetzung wurde für einen späteren Zeitpunkt terminiert, damit nicht ein Übersetzer die Firmenleitung zufällig vorab auf den Plan aufmerksam machen würde.

Erst im Januar 2016 stellte Microsoft den Support für alle älteren Internet-Explorer-Versionen vor dem IE 11 ein.Erst im Januar 2016 stellte Microsoft den Support für alle älteren Internet-Explorer-Versionen vor dem IE 11 ein.

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Außerdem musste der Code nahezu unbemerkt eingebaut werden. Das gelang, weil einige Entwickler besondere Rechte, genannt »OldTuber«, besaßen.

Mit diesen konnten sie Google's Richtlinien zur Code-Veröffentlichung noch umgehen, weil die Integration von Youtube in die Firmenstrukturen und Richtlinien von Google noch nicht abgeschlossen war - so gelang es ihnen, den Code ohne weitere Kontrolle in den Live-Betrieb von Youtube einzuschleusen.

Nachdem das Banner im Juli 2009 eingebaut war, machte sich schnell die Nachricht breit, dass Google den Internet Explorer 6 loswerden wolle. Alle großen Technik-Magazine fragten an, warum Youtube den Support einstellen wolle.

Nachfragen vom Management

"Die erste Person an unseren Schreibtischen war der Pressechef. Wir erklärten ihm, warum wir das eingebaut haben und halfen ihm die bestehende Geschichte auszuweiten."

Auch zwei Google-Anwälte suchten das Programmiererteam auf. »Sie forderten, dass wir den Banner entfernen«, sagte Zacharias.

Die Anwälte waren besorgt, dass es für Probleme mit den EU-Wettbewerbshütern führen könne, dass der Chrome-Browser als erste Alternative in dem Banner beworben würde.

Weil die Reihenfolge der statt dem IE6 empfohlenen Browser in dem Banner aber zufällig war, ließen die Google-Anwälte die Sache auf sich beruhen.

Auch sonst trat niemand an das Team heran und das Banner verbreitete sich in der Folge auf andere Google-Projekte. Das Ergebnis war ein massiver Rückgang in der Nutzung des IE6 - innerhalb eines Monats halbierte sich der IE6-Traffic auf Youtube.

Selbst Microsoft feierte im Dezember 2011, dass der Internet Explorer 6 zumindest in den USA unter die Ein-Prozent-Marke bei den Nutzern gefallen war - weltweit lag der Anteil noch bei 7,7 Prozent.Selbst Microsoft feierte im Dezember 2011, dass der Internet Explorer 6 zumindest in den USA unter die Ein-Prozent-Marke bei den Nutzern gefallen war - weltweit lag der Anteil noch bei 7,7 Prozent.

Medien machen Google-Führung verantwortlich

Weil das Banner bei Google Docs so zeitnah nach dem ursprünglichen Banner bei Youtube online ging, kam es sogar zu einer kuriosen Situation. Denn die Medien nahmen an, dass die Google-Führung selbst den Auftrag für das Banner gegeben hatte.

Als das Youtube-Management die Vorgänge schließlich intern nachrecherchiert und in Erfahrung gebracht hatte, kam die Führung zum Schluss, dass das Ergebnis im Nachhinein die Mittel rechtfertigte und deckte die Geschehnisse nie offiziell auf - bis Chris Zacharias nun den Blog-Eintrag veröffentlichte.

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In Folge dessen war im April 2012 die Nutzung von Internet Explorer 6 auf unter ein Prozent gefallen und selbst Microsoft feierte den Tod des IE6.


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