Analoge Gedanken 4.0

Von Roadwarrior · 21. August 2021 · ·
Analoge Gedanken...again...diesmal aus Sicht des Geldes
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  1. Die Straße schreitet fort und fort...

    ...nicht nur im Herrn der Ringe ist das so, sondern auch in vielen anderen Welten. In meiner eigenen kleinen Welt gilt diese Aussage für so manchen Weg, den ich mir ausgesucht habe. Im Beruf. Und auch was meine Freizeit angeht und ganz besonders unser Aller liebstes Hobby.
    Ich hab' ja in anderen Blog-Beiträgen immer wieder mal meinen Blick über die Thematik "Veränderung" schweifen lassen. Wie ich mich verändert habe, die Community, die Industrie hinter den Spielen, der Aufbau der Spiele und die "Gewinnmodelle"...und natürlich auch die Spiele selbst.

    Heute ist es ein anderer Gedenke, der mich beschäftigt. Was mir heute durch den Kopf geht ist der Zugang zu den Spielen...die Hürden die man nehmen muss, um überhaupt spielen zu können.

    "Zugang" bedeutet die Anschaffung der Hardware...den Kauf der Spiele...Abo-Dienste wie "Playstation Plus" oder den "Game Pass"...ein Rattenschwanz ohne Ende. Man spielt ja von Seiten der Industrie mit dem Konsumenten, seiner "Sucht" nach Nachschub, mit der Sammelleidenschaft und vermutlich auch mit der Angst etwas zu verpassen.

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    Die Xbox Series X habe ich im Grunde nur wegen des "Game Pass" - und wegen der Vollständigkeit

    Das liebe Geld...

    Moderne, zeitgemäße Hardware in Form einer aktuellen Konsole oder eines leistungsstarken Rechners ist in jedem Fall ein Kostenfaktor. 500 Euro für ein nacktes Gerät ohne Spiele und Zubehör machen die Konsolen nicht gerade zu einem Schnäppchen. Dazu kommt, dass für die neuen Spiele auch gerne mal mehr Geld genommen wird als bisher gewohnt. Stellen wir einfach das Beispiel "Playstation 5" in den Mittelpunkt unserer Überlegung und tun so, als wäre sie "verfügbar" - was sie ja faktisch für die breite Masse weiterhin nicht ist und auch noch eine ganze Weile nicht sein wird.

    Für die Anschaffung der Konsole rechnen wir 500 Euro. Ein zweites Pad kostet 70 Euro. Die Ladestation für die Pads kostet 30 Euro. Dann braucht man entweder eine externe Platte für die PS4-Spiele (ca. 100 Euro) oder den deutlich teureren NVMe-Speicher. Dieser schlägt für 2 TB mit rund 400 Euro zu Buche. Nun könnte man einwerfen, dass dies Luxus sei. Aber die Wahrheit ist, dass die interne Festplatte der PS5 mit den Spielen FIFA 21, CoD Cold War, Warzone und Battlefield 5 "voll" ist. Man kommt als Spieler früher oder später nicht um die Erweiterung seines Speichers herum.

    Dazu braucht man im Grunde einen 4K-fähigen und spielegeeigneten Fernseher. Da kann man es heftig über- oder auch untertreiben...in der Mitte liegen wir mit 800 - 1000 Euro aber vermutlich nicht völlig daneben in unserer Rechnung. So über den Daumen gepeilt kostet der Einstieg - TV kann vorhanden sein, ich weiß - so um die 2000 Euro, wenn man heute mittendrin statt nur dabei sein will.

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    Eine PS5 zu kaufen ist ein kostspieliges Vergnügen - wenn man denn eine bekommt...

    Meine eigene Rechnung - das Beispiel aus der Praxis...

    Ich persönlich bin seit vielen Jahren Multiplatformer, lediglich um Nintendo habe ich bis zur Switch jahrelang einen Bogen gemacht. Inzwischen bin ich aber auch auf dem Flughafen gelandet.

    Aktuelle spiele ich also PS5, Xbox Series X, Switch und habe einen immer noch recht potenten Rechner am Start. Dazu kommen unzählige Spiele auf der jeweiligen Plattform bzw. bei den unterschiedlichen Anbietern auf dem PC.

    Meine eigene Rechnung (zur Vereinfachung nicht völlig aufgeschlüsselt):

    Xbox Series X plus Zubehör (Pads, Festplatte, Ladestation usw.): 900 Euro
    Playstation 5 plus Zubehör (s.o.): 1100 Euro
    Nintendo Switch plus Zubehör (s.o.): 600 Euro
    Gaming Rechner inkl. Equipment (Monitor, Peripherie usw.): 4500 Euro
    Spielefähiger 4K TV inkl. Soundsystem: 2500 Euro
    Xim Apex & Cronus Zen und zusätzliche Maus und Keyboard: 400 Euro

    Laut GOG Galaxy kommen dazu zusammengerechnet auf allen System (ich liebe diese Funktion dieses Launchers, nur Rockstar zählt er nicht mit) ca. 2500 Spiele, der Löwenanteil auf Steam (ca. 1200) und Playstation (ca. 500). Den Preis dieser Spiele kann man im Nachhinein ohnehin nicht mehr ermessen durch Sales usw. - in jedem Fall wurde einiges an Geld versenkt.

    Mein Glück war, dass ich beim Release der neuen Konsole von jedem Gerät mehrere Exemplare bekommen habe und deswegen durchaus einen gewissen Gewinn erwirtschaftet habe - dadurch war das Zubehör für meine beiden neuen Geräte und der neue TV quasi wieder reingearbeitet. Dennoch, es ist und bleibt viel Geld, was unser Hobby einfach mal kostet.

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    Viel Geld auf wenig Fläche - mein aktuelles Setup in meiner Personalunterkunft

    Wohin führt der Weg...

    Nun kann man natürlich zu Recht sagen, dass nicht alle Zocker es so "übertreiben". Dennoch, aus meiner Sicht ist ein deutlicher Trend abzuleiten. Wenn man den Teil der Spieler der nur Handygames zockt rausrechnet, bleibt ein relativ großer Rest übrig der Geld in die Hand nehmen muss. Sicher bleiben auch viele Spieler noch eine Weile auf älterer Hardware unterwegs...einige weil sie wollen, die Meisten aber vermutlich eher weil sie müssen (nicht das nötige Geld, keine Möglichkeit an aktuelle Konsolen/Grafikkarten zu kommen).

    Die aktuelle Knappheit an Geräten und Komponenten sorgt auch noch für ziemlich überhöhte Preise, sowohl bei den Konsolen als auch bei Grafikkarten. Diese Knappheit soll laut Analysten bis weit ins Jahr 2022 anhalten, unter Umständen sogar noch länger.

    Was mir Sorgen bereitet ist das Gefühl, dass die Hürde immer höher wird...den Zugang zu unserem Hobby zu finden wird für neue Spieler immer schwieriger. Für benachteiligte Jugendliche aus sozial schwachen Familien ist es faktisch unmöglich mitzuhalten.

    Es war dieser Teil der Jugendlichen, der mich erst auf diese Gedanken gebracht hat. In meiner täglichen Arbeit mit sozial schwachen und psychisch kranken Jugendlichen sieht man eben auch die Welt weit jenseits des Zuckergusses. Mein Bruder hat sich bereit erklärt, meiner Station seine alte "Day One Edition"-Xbox One zu spenden, damit diese auf der Station von der Kids bespielt werden kann. Klar, ein Highlight wenn das Ding mal angeworfen wird und in der Runde lustiges Zocken ausbricht. Aber schon in diesen Momenten sieht man den Unterschied zwischen den Kids die gewohnt sind zu spielen und denen, die kaum oder gar nicht die Gelegenheit haben dazu.

    "Meine" Kinder sind teilweise deutlich überfordert, haben keine Automatismen und brauchen schon bis sie sich durchklicken zum "Spielstart" eine ganze Weile. Im Spiel selbst sind sie ebenso wenig routiniert und scheitern öfter an einfacheren Aufgaben. Und wir reden hier nicht von intelligenzgeminderten Kindern, sondern vom Durchschnitt der Gesellschaft was den IQ angeht...mit den normalen Ausreißern nach oben und unten, wie sie nun mal üblich sind.

    Worum es mir geht...

    Ich bin nun 46 Jahre alt und stamme noch aus den Anfängen unserer "Szene"...man schleppte Monitore auf LAN-Parties, saß nächtelang nebeneinander, knüpfte Kontakte und schloss Freundschaften, die bis zum heutigen Tage halten. Und das ganze in einer Zeit, in der das Internet und die digitale Welt weit weniger Gewicht hatten als heute.

    Seien wir ehrlich: viele Türen bleiben verschlossen, wenn man "offline" bleiben muss. Das ist keine Schwarzseherei sondern wissenschaftlich belegter Fakt. Der Zugang zu Kontaktmöglichkeiten im Besonderen und zu Informationen jeder Art im Allgemeinen ist ein riesiger Vorteil, den man gar nicht mehr zu schätzen weiß und der von den Privilegierten einfach inzwischen als "selbstverständlich" und gegeben genommen wird.

    Die Evolution der Preise, das immer krassere Gewinndenken der Konzerne und nicht zuletzt die Entwicklung innerhalb der Spiele (Pay to Win, Gewinnoptimierung, Mikrotransaktonen etc.) sorgen dafür, dass unser Hobby vor Allem eines ist: exklusiv

    Es macht mir Sorgen, dass vielen der Zugang inzwischen verschlossen bleibt und andere nur noch durch extremen Verzicht an anderer Stelle schaffen, vielleicht doch noch einen Fuß in die Tür zu kriegen. So sollte es nicht sein bei einem Hobby, dass nach langer Zeit und viel Mühe wirtschaftlich und auch kulturell den Schritt in die Mitte der Gesellschaft hinter sich gebracht hat. Für mich sollte Gaming für jeden der will zugängliches Kulturgut sein. Schon rein aus sozialen Gründen.

    Sicher, wie alle Dinge hat auch der Bereich "Gaming" seine Schattenseiten: Sucht, sozialer Rückzug, Erfolgsdruck, die Gefahr andere Dinge unverhältnismäßig zu vernachlässigen. Aber aus den gleichen Gründen könnte man Essen, Sex oder Brettspiele verbieten. Darum geht es aber in diesem Beitrag nicht. Ich sage das nur um zu verdeutlichen, dass ich durchaus auch diese Punkte auf dem Schirm habe.

    Ein Fazit...mit dem Mann im Spiegel

    Ein wirkliches Fazit ist am Ende dieses Blogs gar nicht möglich. Was bleibt ist das Prinzip "Hoffnung", dem ich mich untypisch für meine Persönlichkeit in diesem Fall doch hingebe. Die Selbstreinigungskräfte müssen es richten und die Einsicht der Industrie, dass ein leeres Euter eben nicht gemolken werden kann. Wenn sich der Kreis der Spieler merklich verkleinert, verkleinert sich auch die Aussicht auf Gewinne. Ein bisschen erfasst mich die Wehmut, wenn ich an die Solidarität früherer Zeiten denke. Unter den Spielern und auch zwischen den Spielern und den Herstellern der Games...die damals selbst noch alle Spieler waren und nicht BWL-Absolventen.

    Natürlich hinterfrage ich auch mich selbst, der ich ja mit meinem Geld diese Maschinerie all die Jahre fleißig mit geschmiert habe...wie oft ich Sätze wie "100 Euro hin oder her...mir egal...ich will das haben" gesagt habe kann ich gar nicht zählen. Vielleicht ist es eben doch der Mann im Spiegel, der neben Selbstreinigungskräften und der Einsicht anderer Stellen etwas dazu tun muss...

    Über den Autor

    Roadwarrior
    1975 auf die Welt losgelassen bekam ich 1981 von meinen Eltern zu Weihnachten ein Atari 2600 überreicht - seitdem nahm die Spirale ihren Lauf. Ich bin seit inzwischen etwa 38 Jahren "ingame". Durch verschiedene Berufe, Beziehungen, eine Ehe, Wohnorte und Weltanschauungen hindurch waren in meinem Leben in den letzten 25 Jahren nur 3 Sachen konstant: Motorräder. Heavy Metal. Gaming.
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Kommentare

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  1. Kalnasir
    Also insgesamt ist das ein schöner Artikel zu einem wichtigen Problem. Gerade die Einblicke aus der Wohngruppe (ich hoffe, das ist das richtige Wort) finde ich sehr spannend. Aber - korrigiere mich wenn ich das falsch verstehe: Bist du als Reseller von Konsolen nicht Teil des Problems? Das sorgt doch gerade für eine Preissteigerung durch künstliche Verknappung, wo doch Konsolen gerade eigentlich die günstigere Hardware-Alternative sind.
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    1. Roadwarrior
      Naja, ich hab die Konsolen nie bestellt um "Profit" zu machen. Die schwachen LineUps bei Release und das unmoralische Angebot zweier Ärzte aus meiner Klinik haben mich schwach gemacht ;)

      Die restlichen Konsolen die ich ergattern konnte habe ich ohne Aufpreis im Freundeskreis verteilt.
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  2. Thore
    Sehr schöner Beitrag!

    Ich hab die LAN-Zeit auch komplett mitgemacht. Da war wirklich fast jedes Wochenende bei dem einen oder anderen Freund was los in die Richtung und alle paar Monate gabs die "SpankTheLan" in Rendsburg mit 120 bis 500 Teilnehmern. Ich hätte da heutzutage allein schon Sorgen meinen Rechner mal für ne Nacht unbeaufsichtigt stehen zu lassen, so viel, wie das alles inzwischen Wert ist.

    Ich habe inzwischen in einer Mischung aus Beruf und Hobby relativ viel mit 3d-Design zu tun. Erst hab ich mich fast selbst dazu überredet, eine neue Grafikkarte zu kaufen, dass ich son teures Gerät "brauche", um Renderzeiten etc. zu verringern. Aber dann hab ich mir gesagt: "Nö, da machste nicht mit, dann läuft der Rechner halt ein paar Stunden länger".
    Nur zur Erinnerung:

    RTX 3080
    "Im Handel" (lt. Gamestar): 1190€
    Bei der Gamescon "günstig" beworben: 860€ (ausverkauft)
    UVP vor einem Jahr: 700€

    3060 TI
    "Im Handel" (lt. Gamestar): 640€ - 660€
    Bei der Gamescon "günstig" beworben: 490€ - 500€
    UVP vor einem Jahr: 400€

    Es wäre doch wünschenswert, wenn man die Preise irgendwann wieder in Richtung UVP hinbekommt, dass ist zwar immer noch teuer, aber irgendwie machbar. Damit es auch noch eine neue Generation an PC Spielern gibt...
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