Book of Demons - Das Curved Display unter den Hack&Slays

Von Tsabotavoc · 27. Dezember 2018 · ·
Moderne Elektronikartikel sind oftmals 80% Marketingblendwerk und 20% Funktion. Wenn man bei Book of Demons hinter die Fassade von markigen Begriffen wie Flexiscope und dem aufgesetzten Decksystem blickt ist es ein recht gewöhnliches Hack&Slay dessen wesentliche Neuerungen nicht mal wirklich funktionieren. Warum es für ausgehungerte Diablofans dennoch mehr als nur einen Blick wert ist? Das erfahrt ihr im Test.
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  1. Die Demons Die!

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    Das sind unsere Pappenheimer! Der Typ in der Mitte kommt mir doch ganz entfernt bekannt vor...


    Die Situation im Paperverse ist ernst: Nach jahrelanger Abwesenheit kehrt unser Held, den wir aus drei Charakterklassen, nämlich Krieger, Schurke oder Magier wählen, zurück ins Dorf. Der Bischof hat sich kurzerhand, nach dunklen Verlockungen des Erzdämonen, zum Antipapst ernannt und in der Kathedrale in selbigem Dorf verschanzt. Damit nun die Pappfigürchen die das Dorf bewohnen nicht von den finsteren Horden im wahrsten Sinne des Wortes zusammengefaltet werden begibt sich unser namenloser Held, nennen wir ihn einfach den Wanderer, hinab in die Tiefen der Kathedrale um nach und nach bis in die Hölle hinabzusteigen um dort dem Erzdämonen selbst eins in die Pfeife zu geben.

    Wie der Plot klingt bekannt? Das war schon mal da? Ja zugegeben: Book of Demons bedient sich frei und reichlich an dem Urahn "Diablo" und mehr als nur eine Anspielung an diesen zeitlosen Klassiker sind darin zu finden. Die Stimme des Dorfweisen, der netterweise magische Karten für uns identifiziert, klingt z.B verdächtig nach Deckard Cain.

    Das Spiel nimmt sich dabei nicht besonders ernst: So finden wir in der Hölle den Terminator der eben in der Lava versinkt. Unser Magier meint dazu sarkastisch: "Der kommt bestimmt nicht wieder." An anderer Stelle ist eine Wand der Kathedrale mit Graffiti zugeschmiert was mit einem altbekannten: "The sanctity of this place has been fouled!" quittiert wird.

    Abgesehen vom Humor der mal mehr und mal weniger gut sitzt haben sich die Entwickler aber weit genug vom Original entfernt um nicht einfach nur ein Abklatsch zu sein. Manche dieser Änderungen funktionieren besser... andere schlechter.


    Ein lineares Spielerlebnis.

    Sprechen wir über den Elefant im Wohnzimmer. Du kannst ein Tischdeckchen über ihn legen und ihn als avantgardistischen Kaffeetisch ausgeben aber am Ende bleibt es ein Elefant. Die Entwickler haben nicht wirklich das Geld für aufwändige Animationen und die Darstellung aller möglichen Ausrüstungssets. Also bewegt sich der Spieler mit einem Pappaufsteller durch die Dungeons und kämpft gegen andere Pappaufsteller im Paperverse...

    Ich sags mal so wie es mir dabei anfangs ging: Das kratzt. Das beisst. Das brennt. Und es sieht in meinen Augen einfach wie eine Budgetlösung aus. Für mich die interessante Erfahrung daran war, dass man sich erstaunlich schnell an den Look gewöhnt und das es einem schon nach Kurzem überhaupt nicht mehr interessiert wie der Held den man da lenkt eigentlich aussieht.

    Wenn euch der Stil gefällt umso besser! Mich hat er nicht angesprochen. Die Zaubereffekte, die Umgebungen und die Lichteffekte sind aber durchaus schick anzusehen. Giftnoven und Kugelblitze müssen sich nicht vor der Konkurrenz verstecken.

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    Es zischt und spratzt an allen Ecken in Book of Demons: Das ist einer der ruhigeren Momente aber unübersichtlich wird es trotzdem nur selten.

    Man verzeihe mir den Kalauer bei der Überschrift aber Book of Demons ist wirklich extrem linear. Ihr werdet nie einen Screenshot finden auf denen der Held sich nicht auf einem der Wege befindet. Warum? Weil man sich nur entlang der Wege fortbewegen kann. Es ist vielleicht, wenn man die Verpackung der anderen Neuerungen abreißt, die einzig echte Neuerung und sie funktioniert nicht wirklich gut. Wenn man für 2 Meter direkten Weg erst um eine Kiste in der Mitte eine Art Kreisverkehr entlanghopseln muss nervt das mehr als es dem Spiel Gutes tut. Wenn ihr von Monstern auf der Straße in ein Sandwich des Todes gepresst werdet, die Monster können sich übrigens frei bewegen, dann nervt das zum Quadrat. Und wenn ihr an einen Gegner nicht ran kommt um seinen Beschwörungszauber zu unterbrechen weil da ein verschwitztes Skelett im Weg steht? Dann nervt das exponentiell.

    Man möchte ein Mäuschen sein in manchen Entwicklerstudios um mitzuhören warum manche Entscheidungen so getroffen werden wie sie getroffen wurden.


    Kein Kartenspiel! Und schon gar kein Deckbuilder!

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    Legendary! Im Ernst: Ob ihr nun in Diablo den legendären Speer des Hinternaufreissens + 29 findet oder hier eine Karte anlegt ist gehüpft wie gesprungen.

    Ich kann es nicht oft genug erwähnen: Das ganze Kartensystem ist nur aufgesetzt. Rein spielmechanisch gibt es keinen Unterschied dazu ob ihr nun, wie in Diablo, einen Skill wählt oder eine Karte ins Deck zieht. Generell teilen sich die Karten in folgende Varianten auf: Blaue Karten sind Zauber. Die kosten Mana bei der Benutzung. Rote sind benutzbare Gegenstände die wir aufladen müssen. Und grüne geben uns passive Boni. Stiefel lassen uns beispielsweise Spinnen zerstampfen, Feuerflächen ignorieren und erden uns gegen Blitzschläge. Die Sanduhr verlangsamt bei Benutzung die Zeit um uns herum und so weiter. Mit Runen können wir diese Karten in mehreren Stufen aufwerten und so nach und nach mächtiger machen. Und natürlich gibt es von den Karten magische und epische Varianten! Während also der 0815 Heiltrank uns nur heilt gibt uns die magische Variante vielleicht zusätzliches Mana. Und "Rote Tränen", die epische Variante davon macht uns gar kurzfristig unverwundbar.

    Am Anfang können nur drei dieser Karten gleichzeitig ausrüsten. Nach und nach können wir aber weitere Kartenplätze kaufen und somit mehr und mehr Karten nutzen.

    Das Austüfteln des perfekten Sets machte mir zumindest viel Spaß. Es ist auch nicht unkomplex denn wer in höheren Schwierigkeitsgraden Bestand haben will muss sich schon Gedanken machen wie man in die Schlacht zieht. Es war mal was Anderes als Ringe und Rüstungen und Halsketten und Nippelpiercings in Inventarslots zu ziehen. Das Ganze Inventarmanagement erledigt sich dadurch von selbst aber neu ist es nicht.

    Das Gleiche kann man auch über das Flexiscope sagen: Man kann aus verschieden langen Spielen wählen. Ich will euch nicht spoilern aber da ein sehr langes Spiel wesentlich mehr Belohnungen gibt als mehrere aneinandergereihte sehr kurze lohnt sich das nicht. Es lohnt sich vor allem deswegen nicht, weil man ohnehin jederzeit eine Pause einlegen kann. Mit den Punkten im Flexiscope schaltet man zudem nur neue Avatare frei. Der spielerische Effekt davon ist null.

    Book of Demons ist sehr linear: Das heißt ihr könnt euren Charakter nicht nehmen und sagen: "Langsam wird er mir zu schwach. Ich will mit dem noch mal von vorne anfangen." Es geht einfach nur immer munter weiter. Und hier kann einem das Lootsystem echt in den Hintern beissen. Wenn ihr nämlich zB. als Magier wichtige Zauber nicht und nicht findet oder als Krieger keine Heilkarten bekommt dann habt ihr, im wahrsten Sinne des Wortes, die Arschkarte gezogen.


    Und darum ist es gut!

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    Wuahaha! Fresh meat! Wer mit dem Boss nichts anfangen kann sollte dringend 20 Jahre Spielegeschichte nachholen!

    Zugegeben: Bis jetzt klingt das Alles eher nach Restseller denn Bestseller. Aber die Entwickler haben auch sehr viel richtig gemacht.

    Die Kämpfe machen einfach Spaß und schon nach kurzem geht die Sammelwut und das "Nur noch ein Dungeon!" in Fleisch und Blut über. Während wir Anfangs noch gegen 0815 Skelette kämpfen zieht das Spiel schnell andere Saiten auf! Da kommen dann z.B unheilige Skelettchampions auf uns zu: Als Erstes beschwören diese eine kleine Skelettarmee. Um den Zauber zu unterbrechen müssen wir die Zauberblase über ihrem Kopf anklicken und gedrückt halten. Während sie zaubern nehmen Monster nämlich keinen Schaden. Als nächstes müssen wir ihre Rüstung kaputt machen. Das geht indem wir auf ein Schildsymbol am Monster mit Standardattacken feuern und auch manche Zauber können die Rüstung kaputt machen. Und danach endlich können wir den Champion selbst zur Strecke bringen. Das liest sich nun fitzelig, spielt sich aber erstaunlich intuitiv. Nach und nach kommen Elementartypen hinzu. Aus toten Ziegenmenschen kommen mit Vorliebe Geister die uns quälen. Um die schnell kaputt zu kriegen sind Feuerattacken nötig. Das Spiel macht uns dabei sehr schnell klar was es von uns verlangt um den Gegner zu bekämpfen: Die Lebensherzen über den Gegner haben verschiedene Farben je nach dem welche Resistenzen sie haben. Oh und dann gibt es da noch Monster die bei jedem Treffer Wut aufbauen die sich in Superattacken entlädt die sie zusätzlich noch heilen. Da heißt es dann gezielt die Wutbalken im Auge zu halten! Und dann sind da noch die zahlreichen Bosse die uns mit mehreren Phasen konfrontieren die teils komplett unterschiedlich gespielt werden müssen.

    Auch die Attacken die uns die Gegner an den Kopf werfen fordern unterschiedliche Reaktionen. So können Ansturmattacken Karten lösen. Wir müssen sie dann erst wieder durch Anklicken einsatzbereit machen. Werden wir betäubt können wir die Betäubungsdauer reduzieren indem wir Sternchen einfangen. Und wenn wir vergiftet sind leuchtet irgendwann die Flasche mit unseren Lebenspunkten. Ein Klick darauf und das Gift ist weg. All diese Funktionen werden uns häppchenweise in gut aufgemachten Tutorialbildschirmen näher gebracht.

    Abgerundet wird das Ganze durch nette Komfortfunktionen. Habe ich schon erwähnt das man kein Inventargefitzel hat? Habe ich? Nun wie würde es euch gefallen wenn ihr, wenn der Dungeon schon fast fertig ist, vom Spiel eine Auflistung von allen Sachen bekommt die ihr übersehen habt inklusive Leuchtpunkte die euch hinführen? Oh und ihr könnt euch dann natürlich an den Dungeonausgang teleportieren! Das sind tolle Komfortfunktionen.



    Shadows move where light should be!

    Aber es gibt Gott sei Dank noch genug Licht! Für mich war Book of Demons ein wundervoller Ausflug in meine Jugend aber auch wenn man mal die Nostalgiebrille abnimmt ist es ein grundsolides Hack&Slay geworden. Für alte Diablofans wird der an Deckard Cain erinnernde Dorfweise, die netten, humorvollen Anspielungen an früher und die Gedichte vor den Hauptgegnern noch zusätzliche wohlige Schauer bereithalten.

    Wer sich davon eine Art Deckbuilder/Hack and Slay Hybrid erwartet wird mit ziemlicher Sicherheit maßlos enttäuscht sein denn dieser Rolle wird es nie gerecht. Das Spiel leidet an einigen fragwürdigen Designentscheidungen aber für mich überwogen klar die schönen Seiten. Daher kann ich das Spiel jedem Hack&Slay-Fan rundum ans Herz legen. Alle Anderen sollten vielleicht etwas aufpassen bevor sie den Entwicklern ihre Euronen anvertrauen.

    Und nun entschuldigt mich bitte. Ich will noch einen Dungeon mit meiner Schurkin machen!


    Positiv fiel auf:
    Wunderbare Erinnerungen an das alte Diablo
    Ausgefallene Kampf- und Monstermechaniken
    Selbst Standardgegner sind teils kreativ und fordernd in der Bekämpfung
    Die Charakterklassen spielen sich schön unterschiedlich
    Es kracht und wummst an allen Ecken am Bildschirm

    Was mir nicht so gut gefiel:
    Der Grafikstil ist für mich gewöhnungsbedürftig gewesen
    Der Charakter kann nur auf festen Wegen entlang hopseln
    Das Dropglück spielt vor allem in Roguelike eine sehr große Rolle
    Das Kartensystem ist im Grunde aufgesetzt und enttäuscht wenn man hinter die Fassade blickt

    Gesamtwertung: 72 von 100 Punkten
    stella23 gefällt das.

Kommentare

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  1. King_Bob
    Agree ich vermisse generell bei so gut wie allen titeln düsteren Look. Ich spiele lieber Wasteland 2 mit der guffel Grafik als den neuen Teil mit der ollen Comic Grafik -.-
  2. KingConker
    grundsätzlich ist es ja ein spaßiges spiel was die mechanics betrifft

    allerdings finde ich es lächerlich vom entwickler auf diablo 1 nostalgie zu setzen und dann mit so nem comic art style um die ecke zu kommen

    als dark fantasy fan mag ich den ersten teil gerade wegen dem etwas düsteren gothic fantasy look

    so richtige nostalgische gefühle kommen bei mir da nicht wirklich auf
      NeoZe gefällt das.
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