CD Projekt, Blizzard... Studios und das Ende der Markentreue!

Von Relix · 27. Februar 2021 · ·
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  1. Warum es heute besser ist fair als Fan zu sein.

    Wir leben in einer Zeit der Zugwracks oder genauer gesagt, einer Zeit der gecrashten Hypetrains. Cyberpunk konnte für viele Spieler den entgegengebrachten Erwartungen nicht gerecht werden. Anthem, das hochgepushte Prestigeprojekt von Bioware landet auf dem Abstellgleis und Warcraft Reforged wurde auf Metacritic geradezu vernichtet. All das wirft viele Fragen auf: Wie gut/wie schlecht sind diese Spiele denn wirklich? Sind die Bewertungen fair oder nur Hass? Waren die Erwartungen der Spieler gerechtfertigt, ja überhaupt erfüllbar? Wie sinnvoll ist es ein Spiel vor dem Erscheinen überhaupt so sehr zu hypen? Alles spannende Fragen um die es in diesem Blogeintrag aber nicht gehen soll. Derzeit wird in vielen, meiner Meinung nach recht guten Artikeln und Interviews (einschleimen bei der Redaktion *hust) darüber diskutiert in welche Richtung sich beispielsweise Blizzard entwickelt. Ob es für die alten Fans überhaupt noch eine Chance gibt. Was bedeuten Diablo2 und 4 für die Zukunft von Blizzard usw.?
    Alles sehr interessante Punkte, bei denen sich mir persönlich eine ganz andere Frage aufdrängt: Sollten wir heute überhaupt noch Fans von Entwicklern sein?

    Die Markenidentität:

    Es ist ganz offensichtlich, dass eine gute Markenidentität wichtig für eine Firma ist. Ganze Wirtschaftszweige beschäftigen sich nur mit diesem Thema. Viel interessanter ist in meinen Augen die Frage: Wie wichtig ist die Markenidentität für uns als Spieler? Ich als 30+ Spieler gehöre zu jener Generation, die sich Spiele noch in großen Schachteln mit dicken Handbüchern in einem Geschäft gekauft hat. Die Kaufentscheidung wurde damals beeinflusst von den Empfehlungen von Freunden, den zwei drei Testberichten, die man sich im gedruckten Spielemagazin durchgelesen hat und zu guter Letzt (heute kaum mehr vorstellbar) vom Design der Schachtel und dem Klappentext. Damals war es für einen Konsumenten wichtig eine Marke zu haben, der man vertrauen konnte: Ein neues Spiel von Blizzard? Das muss ja was sein! Ein Bioware-Rollenspiel? Gekauft! Westwood arbeitet an einem neuen C&C? Keine Frage! Und bis auf wenige Ausnahmen ist man damit auch meist richtig gelegen. Doch diese Zeiten sind vorbei.

    Der Markt hat sich verändert:

    Spieleentwicklung ist schon lange kein Nischengeschäft mehr, sondern eine Milliarden Industrie. Natürlich kann jeder Indie Entwickler mit vergleichsweise wenig Geld tolle, wenn nicht sogar großartige Projekte entwickeln. (Stardew Valley, Undertale, Factorio etc.) Aber wenn es darum geht die Grenzen des technisch Machbaren zu erweitern und ein Produkt mit Motion Capture, Vollvertonung etc. auf den Markt zu bringen und entsprechend zu vermarkten, dann müssen Millionen, fließen. Dementsprechend hoch ist auch der Erfolgsdruck und dementsprechend brutal sind die Anforderungen den Massenmarkt zu bedienen. Wer also das Pech hat einer Fangruppe anzugehören, die einfach nicht groß genug ist (z.B. Echtzeitstrategie) der kann sein Glück oft mit guten Produkten im Indie oder mittelteuren Entwicklungsbereich finden. Bei AAA Titeln herrscht aber wenig Chance bedient zu werden. Dementsprechend hat sich auch die Entwicklungskultur der großen Studios verändert. Erst kommt der finanzielle Erfolg, dann die künstlerische Vision mit dem Todschlagargument, dass ohne finanzielle Basis gar nichts mehr entwickelt werden kann. Viele Studios orientieren sich also dorthin wo das Geld ist. Nicht weil sie es wollen, sondern einfach weil sie müssen.

    Studios sind auch nur Namen.

    Ein Autor ist ein Autor, ein Musiker ein Musiker und ein Regisseur ein Regisseur. Auch wenn diese Künstler verschiedene Schaffensperioden durchmachen und sich in Stil und Arbeitsweise stark verändern können, bleiben es doch dieselben Personen. Es gibt einfach eine gewisse Sicherheit was Qualität oder deren Fehlen betrifft. Doch Entwicklerstudios und Publisher sind einfach nur Namen und das was hinter diesen Namen steht ist extrem flüchtig und ungreifbar. Wenn sich ein paar meiner unmusikalischen Kumpel und ich Instrumente kaufen und auf einer Obstkiste mit der Aufschrift AC/DC in die Mikrophone grölen, dann gibt das besten Falls was zu lachen und schlimmsten Falls einen Rechtsstreit. Mit der bekannten Gruppe hat das gar nichts zu tun. So ähnlich ist es auch bei Bioware oder Blizzard. Viele der führenden Köpfe haben diese Studios schon vor langer Zeit verlassen und wurden durch andere Leute ersetzt. Das muss (im Gegensatz zu meinen grölenden Freunden und mir) nicht unbedingt etwas Schlechtes sein. Frische Perspektiven, neue Ideen und Innovationen können hervorragend für ein Studio sein und es im Optimalfall sogar besser machen, als es früher war. Doch die Frage ist: Was bringt es mir, als Fan jener Projekte, die von längst verabschiedeten Entwicklern gemacht wurden, heute weiterhin einem Studio die Treue zu halten? Die Antwort darauf lautet: NICHTS, es sei denn ich mag auch das was das Studio HEUTE zu bieten hat.

    Fair statt Fan:

    Tatsache ist: Sehr viele jener Marken sind heute schon längst nicht mehr in den Händen derer, die sie einst geschaffen haben. Es bringt sich also nichts die Verbundenheit mit den jetzigen Eigentümern/ Verwaltern jener IPs aufrecht zu erhalten, es sei denn sie benutzen sie auf eine Art und Weise, die mich heute noch begeistert. Eben so wenig sollte ich als Konsument mein Kaufverhalten von Namen oder Marken abhängig machen, denn das habe ich einfach nicht mehr nötig. Es gibt derartig viele Spielemagazine, YouTube Kanäle Blogger etc. dass es mir ein leichtes ist jemanden ausfindig zu machen, der meinen Geschmack teilt, oder von dem ich weiß in welchen Bereichen er von meinen Spielevorlieben abweicht. So kann ich eine fundierte Kaufentscheidung treffen, ohne einen Cent für das Spiel ausgegeben zu haben. Vorbestellen ist sinnlos und sollte tunlichst unterlassen werden, egal welche Boni der Entwickler verspricht.

    Das Spiel als Einzelfall:

    Es ist Zeit die Bande zu kappen, die uns an Spielereiehen und deren Entwickler gebunden haben, denn das führt nur dazu, dass sich Leute auf ihrem guten Namen ausruhen. Ich für mich habe entschieden jedes Spiel als einen Einzelfall zu betrachten! Wenn eine Spieleschmiede, die in der Vergangenheit gute Leistung abgeliefert hat, etwas Neues ankündigt, dann löst das in mir weder eine Vorbestellung noch einen Pflichtkauf aus. Es ist lediglich ein guter Grund sich das Spiel genauer anzusehen. Wenn es dann für gut befunden wird, zücke ich gerne die Geldbörse. Sonst lasse ich es bleiben. Ich werde ein neues Diablo oder Dragon Age nicht kaufen oder boykottieren, weil mir der Entwickler sympathisch/unsympathisch ist. Ich werde sehen ob sie mir gefallen oder nicht und nur davon meine Kaufentscheidung abhängig machen. Ein Studio das permanent Qualität abliefert, wird so auch permanent belohnt. Ein Entwickler, der aus seinen Fehlern lernt, bekommt immer neue Chancen und jeder, der sich auf seinen Lorbeeren ausruhen will, kann mitansehen wie sie verfaulen.


    Was denkt ihr dazu? Freue mich auf Eure Meinungen!
    Foto: Reddit-User "John_FullSauce"
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Kommentare

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  1. Kalnasir
    "Es ist Zeit die Bande zu kappen, die uns an Spielereiehen und deren Entwickler gebunden haben, denn das führt nur dazu, dass sich Leute auf ihrem guten Namen ausruhen."

    Ich finde das steht ein bisschen im Gegensatz zu dem, was du vorher beschreibst. Dein Argument ist doch, dass die Firmen eben nicht mehr aus Leuten bestehen, die einen guten Namen haben. Worauf sollen sich die aktuellen Entwickler*Innen also ausruhen? Ich glaube nicht, dass es bei Blizzard oder CD Projekt keine fähigen Leute finden lassen. Das Problem ist wohl eher, dass sich die Studios "dorthin wo das Geld ist" orientieren. Das liegt lustigerweise bei uns - den Konsument*Innen. Anthem und Warcraft III: Reforged wurden zurecht abgestraft. Ein Desaster wie bei Cyberpunk 2077 wird sich CD Projekt wohl kaum noch einmal leisten wollen. Von daher ist doch alles im Lot. Die Gewinnmaximierung wird ja nicht von den Entwickler*Innen befeuert. Aber jeder Hype, der durch sie ausgelöst wird, ist von vornherein zum Scheitern verurteilt. Ich würde dennoch nicht sagen, dass Vorfreude auf neue Videospiele per se schlecht ist.
    Ich zum Beispiel freue mich sehr auf die neuen Spiele von Grundislav Games und Deconstructeam. ;)
      Relix gefällt das.
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