Colonia Dignidad

Von 8Lisa91 · 3. März 2016 · Aktualisiert am 3. März 2016 ·
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  1. Es gibt Dinge, die will man, die muss man einfach teilen. Der Film "Colonia Dignidad" ist für mich eines dieser Dinge. Schon als ich das erste Mal von dem Film las und erfuhr, worum es ging, wollte ich ihn sehen. Als ich dann gestern im Kino war, wurde ich auch nicht enttäuscht.


    Von den Straßen Chiles in eine deutsche Siedlung


    Der deutsche Fotograf Daniel (Daniel Brühl) engagiert sich 1973 in Chile für Präsident Allende, der bei einem Militärputsch von Pinochet gestürzt wird. Daniels Freundin Lena (Emma Watson), die als Stewardess arbeitet und die Heldin des Films ist, besucht ihren Freund in der chilenischen Hauptstadt Santiago de Chile, als der General Pinochet die Macht an sich reißt und Allende-Anhänger auf die Straßen scheucht, um sie entweder erschießen zu lassen oder sie zu deportieren. Daniel wird in einen gelben Kleinbus mit rotem Kreuz gezwungen und Lena bleibt hilflos zurück.
    Wen der politische Einschlag jetzt abschrecken sollte: Der Film an sich ist nicht sonderlich politisch ausgerichtet, es werden kurz und knapp die politischen Umstände in Chile erklärt, damit der Zuschauer eine solide Grundlage hat, um die Handlung zu verstehen und die Auswirkungen und Bedeutung verschiedener Storyelemente und das Verhalten der Personen nachvollziehen zu können.
    Alleine auf den Straßen Chiles beginnt Lena damit, herauszufinden, was mit ihrem Freund passiert sein könnte. Sie bekommt schließlich den Hinweis, dass Daniel in die deutsche "Glaubensgemeinschaft" "Colonia Dignidad", die "Kolonie der Würde", gebracht wurde. Da Lena keine Unterstützung in Chile findet, beschließt sie kurzerhand selbst in die Sekte einzutreten, um nach Daniel zu suchen.
    Währenddessen wird Daniel in der Sekte so sehr mit Elektroschocks gefoltert, dass die Ärzte nicht ausschließen können, dass er bleibende Schäden davonträgt. Als das Martyrium endlich endet, ist er stark mitgenommen.
    Doch Lena geht es bei ihrem Eintritt nicht besser, auch wenn sie nicht körperlichen Schaden erleiden muss, merkt sie schnell, dass innerhalb der Mauern irgendetwas seltsam, beunruhigend ist. Die Leute sprechen nicht viel miteinander, sehen sie komisch an. Als sie den ominösen Anführer der Gemeinde, Paul Schäfer, kennenlernt, bekommt man einen ersten Eindruck, wie perfide dieser seine Macht auslebt.
    In der Sekte werden Männer, Frauen und Kinder strikt voneinander getrennt. Unterdrückung, Gewalt, Missbrauch, Strafe und die angebliche religiöse Reinheit, die man durch eine Vielzahl an Entbehrungen erlangen soll, unter Schäfers Herrschaft aber nicht wirklich kann, bestimmen das Leben der Mitglieder unter der Hand von Schäfer, der sich nach außen als mildtätigen Anführer gibt, im Inneren aber eine Diktatur des Schreckens praktiziert, Menschen nicht nur ihre Würde, sondern auch ihre Autonomität und mehr nimmt.

    Der Film ist zu Ende, aber das mulmige Gefühl bleibt

    Umso schlimmer ist es zu wissen, dass das alles wirklich so passiert ist (wenn man jetzt mal verschiedene Zuspitzungen weglässt, um die filmische Dramaturgie zu fördern). Aber die Colonia gab/gibt es wirklich in Chile. Militärputsche und Deportation von Regimegegnern sind keine Phantasiegeschichten. Ehemalige Mitglieder der Sekte berichteten von den Dingen, die sie durchleben mussten.
    Ich muss sagen, der Film hat mich regelrecht fertig gemacht. Nicht, weil ich die Umstände schrecklich finde (was ich durchaus tue), sondern weil Regisseur und Drehbuchautor Florian Gallenberger den Zuschauer gekonnt in die Zuspitzung der Ereignisse treibt. Man fiebert dermaßen mit Lena und Daniel mit, fürchtet um die beiden, hofft so sehr, dass sie es schaffen zu entkommen, dass man mit einer Anspannung der Handlung folgt, die ihresgleichen sucht. Dabei schaukelt sich die Spannung immer weiter auf, bis man bei einem Punkt ankommt, bei dem man sich sicher ist, dass man langsam nicht mehr kann. Man hält es kaum noch aus. Ich kann mich an keinen Film erinnern, bei dem mir so bange war. Ja, ich habe mit Matt Damon im Marsianer mitgefiebert und auch sonst habe ich manchmal um Charaktere gebangt, aber Colonia Dignidad war intensiver. Auch als die Credits über den Bildschrim rollten, war ich noch von dieser gerade noch angenehmen Aufgekratztheit erfüllt, die es schwer macht, alles zu begreifen. Und auch nach dem ich eine Nacht darüber geschlafen habe, ist mir immer noch mulmig zumute. Ich hab das Ganze immer noch nicht vollkommen verarbeiten können.
    Ich glaube, so etwas können nur wenige Filme.
    Bei mir hat er wunderbar funktioniert, und auch wenn er euch vielleicht nicht so mitreißen sollte wie mich, will ich diesen Film trotzdem empfehlen, weil er es wirklich wert ist.

    Über den Autor

    8Lisa91
    Schreiben, Kino, Games&Medien, Kultur

Kommentare

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  1. 8Lisa91
    Ich muss sagen, dass ich nicht viele Kritiken gelesen habe. Habe einen langen Artikel mit Interview im Filmmagazin "Deadline" gelesen und im Internet ein paar Häppchen mitbekommen, kann mich da aber nicht mehr an alle Quellen erinnern. Ich habe da aber gelesen, dass Opfer der Colonia den Film bei einem Film Festival (Sundance, mein ich) gesehen haben und sie zufrieden mit der Darstellung waren/den Streifen abgenickt haben. Ob das alles der Wahrheit entspricht, kann ich naütrlich nicht zu 100% sagen :D
    Ich fand als Zuschauer aber am krassesten, wie intensiv die Spannung geworden ist. Die hat sich nämlich immer weiter aufgetürmt und es war keine Pause dazwischen, in der man mal Luft holen konnte, und im Endeffekt war man selber total angespannt und ich persönlich war echt an nem Punkt, wo ich mir nur dachte "Noch mehr, und ich pack's nicht mehr". Der Freundin, mit der ich im Kino war, ging's genauso und für uns war der Film deshalb eine echt coole Erfahrung und ich würde mir wünschen, dass es andern ähnlich geht :D
    Auch auf deine Meinung bin ich gespannt. Hoffentlich kommt auch per DVD eine ähnliche Atmosphäre auf :)
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  2. -zwecki-
    Ich finde es interessant, wie bei dem Film die Kritikermeinungen auseinandergehen. Es ist zwar eigentlich bei allen Filmen so, dass es dazu grundverschiedenen Wertungen gibt, aber hier finde ich es krass, dass einige den Inhalt und die Umsetzung loben, andere eben genau das kritisieren. Da heißt es bspw. in der Variety "Just might work as a glossy thrill ride for viewers oblivious to the actual events it haplessly trivializes" oder im Hollywood Reporter "This questionable historical thriller is a dictatorship of poor filmmaking".

    Da ich den Film noch nicht gesehen habe, kann ich nicht sagen, was hier für mich zutrifft. Auf meiner Watchlist hatte ich ihn bisher nicht. Vielleicht setze ich ihn jetzt mal drauf. Der historische Rahmen ist ja durchaus interessant und birgt Potential. Ich denke, spätestens nach dem DVD-Release werde ich mal reinschauen.

    Danke für deine Empfehlung!
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  3. 8Lisa91
    Danke für deinen Kommentar :)
    Auch wenn mein Blogeinträg eher zu kurz für eine richtige Rezension ist, freue ich mich, dass du dir überlegst, den Film anzuschauen. Ich fand ihn richtig gut und hoffe, dass es dir ähnlich gehen wird. Du kannst hier ja dann mal kommentieren, wie er dir gefallen hat, deine Meinung würde mich interessieren :)
      1 Person gefällt das.
  4. Bellasinya
    Ich habe letztens einen Artikel auf Spiegel Online gelesen, der ein Augenzeugenbericht aus eben dieser Colonia war. Alleine dabei ist es mir schon kalt den Rücken runtergelaufen. Ich werde den Film auf jeden Fall auf meine Liste setzen. Es gibt nicht viele Regisseure, die so ein Thema zu verarbeiten wissen.
    Danke für deine Rezension :)
      2 Person(en) gefällt das.
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