Corona, Zeit und Spiele

Von TheVG · 10. April 2020 · ·
Dem Gamer ist der Lockdown nicht nur egal, sondern eine willkommene Rechtfertigung, sein Hobby auszuüben. Ein paar Gedanken zu Corona und Spielen.
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  1. Sich daheim einigeln zu müssen, fördert nachweislich die Langeweile. Jetzt hören wir schon unter anderem im Radio, dass Daheimbleibende mehr oder weniger kreatives Zeittotschlagen betreiben und auch mal ihre PC-Tastaturen auseinanderbauen. An sich eine saubere Sache, Pizzareste und Brotkrumen zu entsorgen, für die Ameisen sogar das Interesse am Kühlschrank hinten anstehen lassen würden.

    Stellt sich weiterführend eine wichtige Frage: tangiert uns Gamer das überhaupt?

    Für mich ist es in der Krisenzeit zwar gefühlt anders, mehr oder weniger an den eigenen Haushalt gefesselt zu sein, da eine Verordnung über unseren Alltag bestimmt. Jedoch empfinde ich es nicht derart einschneidend als für diejenigen, die ihre Freizeitaktivitäten lieber woanders als zuhause ausführen möchten. Diskussionen über Lagerkoller stellen sich mir demnach kaum.

    Und ich bin mir sicher, dass ihr mir beipflichtet: einem Gamer kommt diese Ausgangsbeschränkungen doch gerade recht! Während andere von innerer Unruhe getrieben ihre Wohnung mehrmals auf links drehen, sitzen wir gemütlich auf unserem Bürostuhl und geben uns virtuellen Welten hin. Das, was wir sowieso gewohnt sind, aber gerne mal mit Skepsis beäugt wird, wird plötzlich zum besten Argument gegen die drohende Langeweile.

    Spaßbremse

    Bevor das jetzt zu einer Anekdotensammlung im Smalltalk-Universum abschweift, will ich nicht ausklammern, dass die Ursache für diese Situation bedrohlich und für nicht wenige Bürger schon zu einer realen Gefahr geworden ist.

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    Ignorantenbingo (aus: Observer)

    Auch ich mache mir ein wenig Sorgen über die Entwicklungen, die man mitverfolgen kann.
    Und wenn man es vom Standpunkt der Infizierten betrachten möchte, wirkt es mitunter etwas zynisch, dass sie entweder in Quarantäne oder noch schlimmer auf einer Intensivstation verharren müssen, während wir uns lustig über die Gestaltung unseres Zeitmanagements unterhalten... geschweige denn darüber schwadronieren, welche Games sich gegen die Ödnis der eigenen vier Wände am besten eignen. First world problems.

    Doch wie heißt es immer so schön? „Das Beste draus machen“, lautet die Beschwörungsformel, mit der wir einer Krise die Sicherheit des Alltags entgegensetzen. Wie der für jeden Einzelnen ausschaut, ist so vielseitig unterschiedlich, dass man sich grundsätzlich darüber freuen sollte. Und doch haben bestimmte Tätigkeiten einen zweifelhaften Ruf, gerade das Gaming wird trotz der mittlerweile breiten Akzeptanz immer noch in Zügen als Zeitverschwendung denunziert. Es hätte keinen gesellschaftlichen Nutzen (was faktisch falsch ist) oder würde nur die Fettleibigkeit begünstigen (was nur einem Klischee Nahrung gibt).

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    Zuhause mal aufräumen wäre in der Quarantäne angebracht (aus: Black Mesa)

    Rein oder raus

    Direkt oder durch die Blume höre ich solche Argumente von Gesundheits- und Nostalgiefanatikern, welche ihre Aktivitäten gerne als Maß aller Dinge ansehen. Wenn das tägliche Leben mal nicht von Viren beschränkt wird, sind sie unterwegs. In der Stadt, auf dem Land oder am Fluss, spazierend oder laufend – was sicherlich dem Körper guttut. Doch was tun, wenn uns empfohlen wird, nicht zu reisen oder nicht mehr zu tun als mal kurz frische Luft schnappen? Oder anders: wir keine Lust auf Outdoor haben?

    Ich selbst sehe mich weder als das eine noch das andere. Ich bin kein überzeugter Gesundheitsguru denn ein derart passionierter Gamer, der für sein Hobby das Gegenteil in Kauf nehmen würde. Als Handwerker in einer systemrelevanten Branche (ja, echt jetzt!) muss ich sowieso raus, bin körperlich tätig und muss mir keine ernsthaften Gedanken über etwaiges Wundsitzen machen. Zuhause dagegen bin ich gerne mal der gemütliche Typ. TV, Lesen oder eben Spielen sind so meine Hauptaktivitäten, aber eher maßvoll. Das Partyleben vermisse ich so gar nicht, weil ich mir das über die Jahre aus diversen Gründen abgewöhnt habe. Wenn ich raus will, dann ist das eher deckungsgleich mit den Beschränkungen, denen wir momentan ausgesetzt sind. Rausgehen und spazieren gehen ist ja nicht verboten.

    Wenn Ihr ähnlich gepolt seid, dann dürftet Ihr wie ich damit ähnlich gut zurecht kommen. Wer es also gewohnt ist, ausgedehnte Spielsessions hinzulegen, der wir jetzt auch nicht über den Lockdown heulen. Ich könnte jetzt darüber unken, dass ich mir im Falle eines Falles eine Strategie zurechtgelegt hätte, wenn ich mal mein Heim hüten müsste. Nein, Spaß beiseite, prinzipiell ist es mein höchsteigener Lebenswandel, und da spielten Computer und Spiele schon immer eine wichtige Rolle.

    Qual der Wahl

    Die Redaktion hat schon einige Artikel eingepflegt, welche Spiele für den Lockdown gute Zeitfresser wären. Open World eignet sich natürlich gut dafür, und bei 50, 100, 200 Stunden Spielzeit hat der Quarantänealltag Struktur.

    Was mir wiederum zusagt, sind die kleine Häppchen.

    Leider gehöre ich auch zu denen, die sich Gedanken über ihre Urlaubsplanungen machen müssen. Der Kurzurlaub zum Bodensee im Mai ist aktuell schwer in der Schwebe, Italien und als eventuelle Alternative Südeuropa ebenso. Auch woanders sollte man sich vorsehen, und selbst wenn der August noch eine Weile hin ist, wissen wir nicht, wie ein Exit sich auswirkt und ob es angebracht wäre, mir da unten braungebrannt eine Infektion abzuholen (vom Anstand, die Leute durch meine Urlaubslust nicht unnötig zu belasten, brauchen wir gar nicht reden). Bleibt mir im Grunde nichts anders übrig, als zu hoffen – oder ich begebe mich optional auf virtuelle Reisen.

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    Wenn ich nicht raus darf, dann bleib ich eben drinnen... und geh´ doch raus. Alles klar? (aus: caves rd)

    Ein Kleinod hat es mir da besonders angetan. Der neuseeländische Fotograf Matt Newell hat ein paar Walking-Simulationen in Unreal Engine 4-Grafik gebastelt, in denen er echte Locations auf der Welt für uns Daheimgebliebenen begehbar macht. Als die Gamestar darüber eine News veröffentlichte, war das für mich eine gute Gelegenheit, via Steam einen Abstecher nach Island zu machen. Die Insel gehört nämlich noch zu meinen Sehnsuchtszielen, die ich irgendwann besuchen will.

    Dabei sind Dokusendungen im TV schon hilfreich, sich Eindrücke abzuholen. Doch seit ich Newells Kurztrips gespielt habe, finde ich, sollte man noch mehr von solchen Programmen machen. Zuerst ist es eine Möglichkeit der Entschleunigung. Mit chilliger Musik unterlegt bewege ich mich in der Egosicht durch ein eng abgestecktes Areal im Myrdalssandur im Süden des Landes, entdecke eisige Flussläufe, vernebelte Grasflächen und einen der zahlreichen Wasserfälle. Das Wetter ist düster, und doch blitzt durch die Schwaden immer mal wieder die Sonne hindurch.

    Das Areal hat dabei unsichtbare Grenzen, was im Spielerbewusstsein schon mal ein Unding sein kann - hier jedoch verständlich, da Newell alleine für diese Umgebung einen Speicherplatz von ca. einem Gigabyte braucht. Man dürfte pro Durchgang nur wenige Minuten benötigen, aber ist das Programm auch nicht dafür ausgelegt, gehetzt Gegnern nachzustellen. Hier ist das Sein, das Sehen die eigentliche Krux, und mir ist es abseits von actionreichen Titeln eine willkommene Abwechslung. Als kleine Aufgabe drückt er uns auch eine Kamera in die Hand, mit der wir Motive von einer Schautafel abgucken und selbst schießen können. Die Version(en) gibt es übrigens auch als VR-Version.

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    Natur, Berge, Nebel - Islands Faszination (aus: Myrdalssandur, Iceland)

    Hat man Island durch, kann man auch mal schnell nach Kyoto wechseln. Ein weiteres Spiel führt euch in den Fushimi Inari-Schrein, eine Art Parkanlage mit religiösem Hintergrund über den Dächern der japanischen Großstadt. Und wer noch nicht genug von den Exkursionen hat, kann sich auf Newells Seite gegen einen kleinen Obolus noch weitere Beispiele abholen, wo man durch Neuseelands Wälder streifen kann (die Lichtstimmung ist darin einzigartig!).

    Eine für mich gänzlich unterschiedliche Spielerfahrung mit realem Hintergrund. Und als Ersatz für mein gerade nicht zu heilendes Fernweh ist es sehr gut geeignet, da es grafisch sehr anständig ausschaut und man in gewisser Weise zu innerer Einkehr findet.

    Darüber hinaus finde ich auch genügend Zeit und Gelegenheit, meine Pile Of Shame abzuarbeiten. Seit Monaten schon ackere ich mich mit Geralt von Riva zum ersten Mal durch die Königreiche, dazwischen suche ich spielerische Abwechslung mit Actiontiteln oder Aufbau- und Strategiespielen, die mich nicht überfordern oder die leicht verdaulich sind. Ich kann also schon behaupten, dass ich immer Gründe finde, mich daheim zu beschäftigen.

    Trautes Heim

    Dass mir meine Alltagsgestaltung so in Fleisch und Blut übergegangen ist und ich den Trubel da draußen nicht wirklich vermisse, kommt mir in der aktuellen Situation natürlich zugute. Und sicherer ist es allemal. Während andere ihr Heim fast schon als Gefängnisstrafe ansehen, sehe ich mich nicht dem Druck ausgesetzt, auf Teufel-komm-raus Beschäftigungstherapie betreiben zu müssen. Meine Tastatur kann also ruhig noch ein wenig vor sich hin gären, solange unter den Tasten keine Evolution von seltsamen Kreaturen stattfindet.

    In diesem Sinne – bleibt gesund!
    Roadwarrior gefällt das.

Kommentare

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  1. Roadwarrior
    Schöner Beitrag. Hab' ich gern gelesen :)
      TheVG gefällt das.
    1. TheVG
      Vielen Dank :)
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