Der Getriebene

Von TheVG · 25. Januar 2020 ·
Wie hat sich mein Verhältnis zum Gaming verändert? Eine persönliche Einschätzung einer Entwicklung in einer dynamischen Branche, die im Laufe der Zeit ihre Unschuld verlor.
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  1. ...oder: ein Essay und grobe Chronologie zu meiner persönlichen Bindung zum Gaming

    Beim Durchleben eines Hobbys ist es wie das Leben selbst – es gibt gute Zeiten und schlechte Zeiten. Mal hat man Lust, mal weniger, und wie in einem klassischen Drama stellt man kurz vor dem Finale die Sinnfrage, spielt mit dem Gedanken, alles hinzuschmeißen. Das mag sich fast schon wie die Standardformel eines Romans, Films oder Spiels anhören, aber so ähnlich ist es mir in den letzten Jahren mit einer meiner Lieblingsbeschäftigungen ergangen und dies möchte ich kurz Revue passieren lassen.


    Dass ich mittlerweile schon mehr als fünfunddreißig Jahre spiele und nie wirklich aufgehört hatte, ist - finde ich - schon eine Erwähnung wert. Denke ich mal etwas genauer darüber nach und vergleiche mich mit anderen in diesem Alter, sind Gamer gefühlt etwas unterzählig. Die Umstände sind verständlich, haben die meisten Familien und widmen ihre kostbare Zeit lieber dem Wohl ihrer Liebsten. Das hätte mir auch passieren können, hätten meine Familienplanungsabsichten irgendwann Früchte getragen. Da dem nicht so ist, bleibt mir mehr Zeit für meine bessere Hälfte, der Heilung meines Fernweh, kreativ zu sein und eben meinen Spieltrieb auszuleben.

    „Es ist, wie es ist. Und es kommt, wie es kommt.“

    Allan Karllson hatte wohl recht damit. Die Hauptfigur aus dem Roman „Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand“ ist sowas wie ein Vorbild für mich geworden, weil seine Lebensmaxime das benennt, was ich vom Leben erwarten kann. Nun ist jeder anders gestrickt, hat andere Einstellungen zum Leben und beim „Hobby-ieren“. Vielleicht möchtet ihr völlig in eine Leidenschaft abtauchen, indem ihr mit einem detaillierten Plan an sie herangeht. Das ist aller Ehren wert, und ich beneide tatsächlich die Leute ein klein wenig, die das so konsequent und zielgerichtet durchziehen können. Leider bin ich in der Hinsicht ein kleiner Chaot. Wenn ich mir Ziele setze, dann nur kleine Zwischenstationen, denn das große Ganze war schon immer etwas, das ich entweder völlig aus dem Fokus verlor oder aus verschiedenen Gründen hinter mir lassen musste. Beim Spielen bedeutet das, mich entsprechend der Lust auf ein Spiel einzulassen und ohne große Erwartungen weiter verfahren. Entweder fühle ich mich weiter motiviert, oder ich lasse mich mindestens zu einer Pause hinreißen, weil mir vielleicht die Story auf die Nerven geht oder ich einen Endgegner nicht schaffe.

    Ich lasse es also passieren, es ist keine bewusste Entscheidung, die ich aktiv treffe. Dabei fühlt es sich kurioserweise so an, als würde ein imaginärer Puppenspieler an meinem Gehirn herumfuhrwerken – „heute hatter mal Lust drauf, morgen soll er still auf der Couch liegen und nicht wissen, wasser will, hähä!!“ Und ich so: „Gut, wie du meinst.“

    >> Joaaah, und dann kann es passieren, dass sie winkend vorbeiziehen – die Tage, Wochen, vielleicht Monate, in denen ich ihnen keine Beachtung schenke, den Spielen. Half-Life? Hab ich schon x-mal durchgezockt. Ein neues Heroes? Nää, dauert zu lange. Irgendwas Indie-mäßiges? Boah, keine Lust auf Augenkrebs... Gründe für´s Nichtstun findet man immer. Gegenargumente? Nun, da kommt gerade was Neues, Cooles, Interessantes heraus, und ich kann nicht mitreden, wenn ich es jetzt nicht anpacke... Egal, dann nicht. << -(Auszug aus meinem Gedankenlabyrinth)

    Gefühlt muss ich das auch gar nicht. Oft habe ich mich schon gefragt, welchen Vorteil es mir verschafft, wenn ich jetzt gleich sofort bei Release ein Spiel kaufe, durchzocke und mit der Erkenntnis sitzen gelassen werde, dass das Spiel entweder verbuggt, schlecht oder einfach zu teuer für den Aufwand war. Ich habe kein Bedürfnis nach der großflächigen sozialmedialen Aufmerksamkeit, dafür bin ich zu faul und wenig geltungsbedürftig. Klar, man kann sich vorne einreihen, wenn es um Gruppendynamik und Wettbewerb geht, aber als überzeugter Solospieler achtet man eher auf das Spielerlebnis denn auf spätere Reaktionen anderer User oder sich allzu sehr auf Eindrücke anderer zu verlassen. Es gibt keine Garantie, dass man selbst denselben Spielspaß erfährt wie die Mehrheit, und ein Actionspiel ist noch lange kein allgemeines Pflichtprogramm, wenn man für Action nicht viel übrig hat. Dieses Credo „öfter mal müssen müssen“ darf Granufink gerne behalten.

    Ein anderer Grund für eine Spielauszeit war auch eine Phase, in der sich Spiele gefühlt in eine kreative Sackgasse manövrierten und mit subjektiv unnötigen Mitteln im Gespräch bleiben wollten. Das lavierte irgendwo zwischen Bezahlmodellen und provokanten Inhalten, was in mir spontan den Moralisten und Grundsatzdenunzianten weckte. Und das in einer Phase, in der ich allzu leicht reizbar war. Vielleicht hatte ich auch nur Gründe gesucht, mir mein Hobby schlechtzureden, vielleicht war es wirklich too much. Fakt ist, dass ich vor ein paar Jahren die Schnauze voll hatte und dem Hobby eine Auszeit verordnete, also so richtig selbstbestimmt, aktiv.

    Mal Abstand gewinnen, resümieren, Pro- und Kontra-Argumente abwägen – manchmal sind solche Entscheidungen Gold wert. Und diesbezüglich kommt der Spruch „den Wald vor lauter Bäumen nicht sehen“ nicht von ungefähr, vor allem, wenn man sich immer verbissener in einer Sache verliert, wie ferngesteuert jeden Aufreger mit emotionalen Kommentaren versieht oder gar die eigenen Ansprüche als gottgegeben und das einzig Richtige betrachtet. Da hilft nur kritische Selbstreflexion, wenn man sie denn zulässt.

    Da stellte ich mir die Sinnfrage. Der Moment im Drama, in dem alles über den Haufen geworfen wird, und du fragst dich: „Für was tue ich mir das alles an??“ Und wie sich das alles hinzieht... ein scheinbar unendlicher Moment wie dieses Unding im Kino, wo mittlerweile der letzte große Akt einer Romanadaption über zwei Filme gestreckt wird, wobei der erste Teil fast nur aus melancholischem Selbstmitleid besteht. Davon können Harry Potter und The Hunger Games ein Liedchen trällern. Ach, was wurde da gejammert und lamentiert und herumgetristesst... Ja, ja, alles Mist und ganz, ganz schlimm.

    Parallel dazu fluktuierte auch bei der Gamestar so einiges. Als erste Anlaufstelle zum Stillen meines Wissensdurstes über die Gamingszene habe ich natürlich auch die redaktionellen Entwicklungen und Präsentationsentscheidungen von Heft und Seite wahrgenommen. Auch hier passte mir nicht alles in den Kram, wobei es schwierig ist, das fundiert zu begründen. In meinem subjektiven Raster entwickelte sich auch die Redaktion in Gefilde, zwischenzeitlich schien das Verhältnis des Verlages zur Community sogar etwas vergiftet. Ob dies nun der Hauptgrund war, die Seite zu meiden, wäre zu kurz gegriffen, da auch Spiele und Entwickler/Publisher den Weg der Professionalität gingen. Das kann viel bedeuten. Ein breiteres Aufmerksamkeitsspektrum, Formelhaftigkeit, eine Selbstzensur und gleichzeitige Brutalisierung – irgendwo dazwischen gab es Reibungspunkte mit meinen Interessen und Vorstellungen. Verständlich, dass man sich da überlegt, ob man das noch mittragen will.

    Zum Glück trat letztlich doch noch das Happy End für mich ein. Der gute Konsens zwischen mir als User und Spieler und all den Medien und Branchenvertretern bewegte sich gefühlt wieder in eine Richtung, mit der ich leben kann und will. Ich konnte meinem Hobby wieder etwas abgewinnen, neuen Mut schöpfen – auch, weil die Spiele wieder mehr Substanz inne haben und die Courage aufbringen, sich auch mal neu entdecken zu wollen, selbst wenn es bisher nur eine Nische ist, die vom Mainstream entfernt nur bestimmte Interessen bedient. Zwar wird immer noch provoziert und perfide auf den Geldbeutel der Spieler geschielt, doch hat sich im Gegenzug auch die Debatte verändert. Es mag zwar nie wieder so werden wie zu den Anfangszeiten, in der die kindliche Begeisterungsfähigkeit unseren Spieltrieb genährt hatte, doch bin ich immer noch optimistisch, dass das Hobby in adulter Art nach Höherem streben will. Neue künstlerische Ansätze, bessere, unterhaltsame und interessante Geschichten erzählen, technisch ausgewachsen sein, Kritik zulassen und auch aussprechen (vor allem, wenn es mal grundsätzlich werden sollte).

    Unter diesen Voraussetzungen will ich mich noch gerne treiben lassen. Deshalb, liebe Journalisten, Entwickler und Publisher, aber auch Spieler: Gebt mir weiterhin meine Dosis Spielerlebnis, stagniert nicht und verliert euch vor allem nicht in sinnlosen Detailfragen. Es mag stimmen, dass es ein wenig oberflächlich erscheinen mag, wenn man sich nicht allzu sehr in eine Sachlage hineinziehen lassen will, aber hilft es auch, sich einen Grad an Naivität zu bewahren, den man braucht, um sich weiter für ein Hobby begeistern zu können. Das Granteln und Platzhirschverhalten als tief in die Materie Eingebundener liegt mir nicht besonders, das ist Teil meiner Persönlichkeitsstruktur, und vielleicht muss ich es von dieser Seite aus betrachten – dass nicht die Branche, sondern mein Verhalten zu dem Teil des Konfliktes führte, auch weil ich es nicht gut kann, ein Platzhirsch zu sein.

    Doch denke ich, dass die Wahrheit, gerade in gefühlten Gefilden, oft in der Mitte liegt. Schuld daran ist demnach keiner oder beide Seiten. Gute Zeiten, schlechte Zeiten. Es kommt, wie es kommt. Und das ist gut so.

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