Die "Stresstests" der Hersteller...und unser Beitrag

Von Roadwarrior · 11. Dezember 2020 · ·
Die Hersteller machen den Stresstest...und wir machen den Unsinn mit - oder lassen uns gleich selbst welchen einfallen...
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  1. In letzter Zeit...

    ...mache ich mir viele Gedanken über die (jährlichen) Fortsetzungen vieler Serien, über das was innerhalb der Spiele passiert und vor Allem was ich oder auch "wir" dazu tun, dass die Dinge sich so entwickelt haben.

    Eins der Spiele der Stunde ist "Call of Duty: Cold War". Gerade an diesem Spiel kann man sehr gut aufzeigen, über was ich mir so Gedanken mache. Und was die Entwickler tun um auszuloten wie weit sie gehen können.
    Fangen wir auf der Seite der Hersteller an. Die Spiele werden immer kleiner und kürzer und geringer im Umfang. Hatten zum Beispiel die letzten beiden "Call of Duty"-Teile noch einen eigenen Battle-Royale-Modus, so spart man sich diesen bei Cold War und nutzt einfach den von "Modern Warfare" weiter. Nicht mal eine sichtbare merkliche Veränderung in Form einer zweiten "großen" Map legt man ins Paket.

    Dazu kommen ein sichtbarer technischer Rückschritt (Grafik, Animationen etc.) und auch ein ziemlich mickriger Umfang bei Release in den anderen Modi (8 Karten im Multiplayer, 1 Zombie-Karte). Gekauft und gespielt wird das Game (auch von mir) trotzdem. Ich würde sagen bei Activision kann man sich auf die Schulter klopfen, finanziell hat man Alles richtig gemacht - der Umfang ist geringer und die Gewinne dürften mindestens gleich geblieben sein.

    Nun kommen wir Spieler in den Fokus: wir kaufen wie eben erwähnt trotzdem was man uns vorsetzt. Das ist der erste und auch offensichtlichste Punkt. Was mich aber noch viel, viel mehr wurmt ist ein ganz anderer Aspekt - und der wird bei "Call of Duty" sichtbar wie bei fast keinem anderen Spiel - und wir Spieler tragen die Schuld daran, dass das immer wieder gemacht wird:

    Zum x-ten Mal werden Maps per Recycling in ein Spiel zurück gebracht. Das legendäre Beispiel dafür ist "Nuketown". Die Spieler fordern diese Karten ja auch immer wieder - und ich verstehe es einfach nicht. Klar, viele dieser immer wieder kehrenden Maps sind gut bespielbar, sehr schön balanciert und haben sich bewährt. Aber warum verlangen wir nicht die Kreativität und den Einsatz der Entwickler, auf Grundlage ihrer Erfahrungen mit diesen beliebten Karten völlig neue Spielplätze zu kreieren??

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    Immer und immer wieder lassen wir zu, dass die Entwickler "billig" davon kommen und sich nicht anstrengen müssen. Wir zahlen für etwas, dass wir schon ein paarmal hatten - und bekommen es trotzdem nicht günstiger deswegen. (Quelle: YouTube)

    Das Rad dreht sich weiter...

    Es gibt noch ein weiteres, fast noch krasseres Beispiel für derart aufwandsloses Recycling zur Gewinnoptimierung. Es betrifft das Spiel "FIFA" - und dieses Mal hacken wir nicht auf FUT herum...der nur geringen Evolution der Serie...oder der Unverschämtheit, dass nur die Next-Gen-Konsolen eine technisch bessere Version erhalten dieses Jahr.
    Nein, wir wenden uns der Nintendo Switch zu in diesem Beispiel. Dort wird seit 3 Jahren das gleiche Spiel umetikettiert - es erhält nur marginale optische Anpassungen (Trikots, Transfers...) und geht dann mit neuem Cover in den Laden. Das Ganze steht sogar - wenn auch nur sehr klein - in der Beschreibung der jeweiligen Version. Dort ist zu lesen, dass das Spiel keine technische Veränderung erfahren hat zum Vorjahr. Dreist. Aber offensichtlich umsetzbar.

    Die andere Art zu schauen, was man machen kann...

    Nun landen wir doch wieder kurz bei FIFA und "Ultimate Team"...und bei anderen Spielen von EA, bei denen man (wie bei Battlefront) versucht durch Lootboxen den Gewinn zu optimieren. Abgesehen von Goldesel FUT - der ja längst etabliert ist - sieht man an dem Desaster des Lootbox-Systems bei Star Wars Battlefront sehr gut, dass es in diesem Spiel wirklich um einen Stresstest gegangen sein muss. Nach einem kurzen Statement wurde das System kurzhand umgestellt bzw. angepasst. Das wäre NIE möglich gewesen, wenn es ein festes und durchgeplantes Gesamtkonzept mit diesem Lootsystem gegeben hätte. Man wollte beim Hersteller offensichtlich nach FIFA und auch nach dem was bei anderen Publishern schon versucht wurde einfach eine weitere Erfahrung sammeln, inwieweit die Spieler inzwischen bereit sind so ein Vorgehen zu akzeptieren.

    Nostalgie und Romantik sollte man vergessen...

    Wenn man diese Dinge unemotional und neutral betrachtet, ist das Verhalten der Konzerne durchaus zu verstehen. Nahezu alle großen Hersteller mitsamt der "Unterstudios" sind börsennotierte Unternehmen. Und wie andere Industriezweige auch sind dort "nur" die Zahlen wichtig. Bei möglichst wenig Aufwand und Einsatz einen möglichst hohen Profit zu erzielen ist auch hier der Kern aller Anstrengungen. Die Zeit der Idealisten in der Spielebranche ist schon lange vorbei, auch wenn es immer noch Leute gibt die zum Beispiel einen Chris Roberts als Heiligen sehen und nicht als Unternehmer. Auch hier empfehle ich einen unemotionalen, von Nostalgie befreiten Blick. Diverse Magazine brachten schon Stories zum Thema "Star Citizen" und dem System dahinter - da kann man wenn man die rosarote Fan-Brille abnimmt schon auf merkwürdige Gedanken kommen.

    Paradoxe Situationen sind zu beobachten...

    Merkwürdig ist dann auf der anderen Seite, dass wir (ich nehme mich da nicht aus) immer wieder diesen Unsinn der Hersteller nahezu kritiklos über uns ergehen lassen - auf der anderen Seite dann aber keinerlei Geduld haben, überkritisch agieren und sogar größenwahnsinnig erscheinen. Die besten Beispiele der jüngeren Vergangenheit und auch der Gegenwart sind "Red Dead Redemption 2" und das so sehnsüchtig erwartete und nun erschienene "Cyberpunk 2077". Beide Spiele wurden über extrem lange Zeit mit viel Liebe zum Detail, mit Kreativität und vor Allem mit Herzblut programmiert. Der Aufwand hinter solchen Spielen ist derart unüberschaubar, dass ich mehr als nur "Respekt" für die Menschen habe, die sowas auf die Beine stellen.

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    Cyberpunk 2077 - eines des besten und faszinierendsten Spiele aller Zeiten. (Quelle: pcgameshardware)

    Nun las ich damals zu RDR2 und seit gestern zu "Cyberpunk 2077" immer wieder Kommentare, die ich nur schwer nachvollziehen und einordnen kann. Bei diesen Spielen wird dann geäußert, dass sie doch viel mehr bieten könnten, dass sie langweilig sind und man sich viel mehr davon versprochen habe. Einer der "geilsten" Kommentare gestern war, dass man es ja für einen Zehner dann irgendwann im Sale mitnehmen könnte.

    Lustig und traurig zugleich finde ich Bemerkungen wie diese deswegen, weil sie den Fehler im System den wir selbst produzieren gut sichtbar machen. Das Spiel "Cyberpunk 2077" gibt es bis auf eine Collectors Edition nicht in 5 Versionen, bei dem die Leute über den Tisch gezogen werden mit sinnlosen Skins usw. - es kostet weniger als etwa das im Aufwand beinahe lächerlich kleine "Cold War", obwohl ca. 10 mal solange daran gearbeitet wurde. Und das mit erheblich mehr Leuten, mit mehr Kreativität. Sicher, das Spiel wird ein massiver finanzieller Erfolg werden. Aber der fehlende Respekt und die Haltung eines Teiles der Spieler erschüttern mich.

    Ein Fazit zu ziehen ist schwer...

    Wir sind Spieler, wir wollen immer und immer wieder eingefangen und faszinierend unterhalten werden. Wir erwarten neue große und bunte Welten...und laufen dann doch den alten Hüten nach. Denen, die sich trauen und die Zeit und Ressourcen investieren begegnen nicht weniger von uns mit fehlender Wertschätzung oder sogar mit Abwertung, mit undifferenzierter und unpassender Kritik oder einfach nur mit Trotz. Die meisten von uns sägen auf die eine oder andere Art auf dem Ast, auf dem wir ALLE sitzen. Ich hoffe, dass wir es nicht übertreiben. Denn dann töten wir den Mut bei den Studios und Alles was wir noch anfachen ist die Profitgier der Konzernlenker. Und die einzige Kreativität die wir dann noch zu erwarten haben ist die, sich neue Wege einfallen zu lassen mit immer weniger Aufwand an immer mehr Geld zu kommen...

    Über den Autor

    Roadwarrior
    1975 auf die Welt losgelassen bekam ich 1981 von meinen Eltern zu Weihnachten ein Atari 2600 überreicht - seitdem nahm die Spirale ihren Lauf. Ich bin seit inzwischen etwa 38 Jahren "ingame". Durch verschiedene Berufe, Beziehungen, eine Ehe, Wohnorte und Weltanschauungen hindurch waren in meinem Leben in den letzten 25 Jahren nur 3 Sachen konstant: Motorräder. Heavy Metal. Gaming.
    Kalnasir und manfred4281 gefällt das.

Kommentare

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  1. Kalnasir
    Ich finde deinen Blick auf die Szene sehr interessant, weil ich mich kaum in dem wiederfinde, was du beschreibst.
    Den Schuh, dass man Spiele eher im Sale kauft, muss ich mir anziehen. Der Grund dafür ist (in meinem Fall) aber eher der große Backlog an Spielen, die man schon angehäuft hat und nicht der Eindruck mangelnder Qualität. Dass aufgrund von Sales und einem Überangebot an Spielen bei Publishern extremer Leistungsdruck entsteht, der die Risikobereitschaft verringert, ist in unserer Marktordnung nur verständlich. Man will schließlich möglichst viele Vollpreiskäufe abgreifen. Ich habe aber nicht das Gefühl, dass ich das irgendeinem Entwickler schuldig bin...

    Du schreibst davon, dass "die Zeit der Idealisten [...] schon lange vorbei" sei. Da würde ich aber widersprechen. Ich glaube der prozentuale Anteil an Idealisten verringert sich und hat daher weniger Marktrelevanz. Manchmal habe ich den Eindruck, dass wir aus einer erfahrenen, umfassenden, vielleicht elitären Sicht auf die Dinge gucken und uns gerne dazu hinreißen lassen, Fortsetzungen für mangelnde Innovation zu kritisieren. Aber mir kommt es vor, als wäre das kein Kritikpunkt einer Käuferschaft, die das murrend hinnimmt, sondern eher, als wäre es ihnen völlig egal und eher positiv, wenn sie sich auf ein Produkt verlassen können. Fifa und Call of Duty sind Jahr auf Jahr die gleiche Erfahrung... ja. So what? Für uns gibt es Alternativen, der Rest soll doch machen, was er will.
    Grandios fände ich es, wenn Spiele sich von diesem Preisdruck freimachen könnten und wir endlich wieder einen Mittelbau zwischen "Triple AAA Hypespiel" und "für n Zehner im Sale" hätten. Spiele für zwanzig, dreißig, vierzig Euro, die qualitativ hochwertig und innovativ, aber eben kein massenmarktliches Hype-Material sind.

    Habe dazu diesen schönen Post auf Twitter gefunden:
    https://twitter.com/stagefatality/status/1337229392825683968/photo/1
      Roadwarrior gefällt das.
  2. Software-Pirat
    Im Prinzip gebe ich dir Recht, auch wenn ich beim Thema "FIFA" EA zumindest in einen Punkt in Schutz nehmen muß (klingt schlimm, ich weiß), denn die Grundlage des Spieles ist halt Fußball, und Fußball an sich blieb in den letzten Jahrzehnten halt relativ unverändert (wenn man die Handregel ausklammert, die Jahr für Jahr immer seltsamer wird).

    Das die Karte "Nuke Town" anscheinend immer wieder gefordert wird, kann ich mir nur dadurch erklären, daß sie funktioniert und das es im Multiplayer/E-Sport mittlerweile weniger um die Erfahrung von Neuen geht, sondern mehr um die eigene Leistung als Spieler. Das mag man gut finden oder nicht. Ich persönlich tendiere da eher zu letzteren.

    Das mit den geringen Umfängen ist so eine Sache. Die Spiele sind ja nicht fertig, wenn sie veröffentlicht werden. Neuer Inhalt kann ja einfach per Download nachgereicht werden. Wahrscheinlich ist das auch der Plan der Publisher. Läuft ein Spiel gut, gibt es neue Maps, Spielmode, etc... zusätzlich. Ansonsten halt eben nicht. Das spart Kosten und die Entwicklung von Spielen ist halt schon so nicht billig. Bedenkt man dann noch das immer mehr Abo-Modelle hinzu kommen, daß es ständig Sales gibt, ist es irgendwie auch verständlich. Denn wieso sollte man als Spieler heutzutage noch ein Spiel zum Vollpreis kaufen, wenn es ein paar Monate später sowieso deutlich billiger zu haben ist.
      Roadwarrior gefällt das.
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